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„Lumbung Gallery“: Wie ein fairer Kunstmarkt aussehen könnte

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Von: Lisa Berins

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Die Lumbung Gallery ist ähnlich wie das hier schematisch abgebildete wirtschaftliche System der documenta fifteen aufgebaut.
Die Lumbung Gallery ist ähnlich wie das hier schematisch abgebildete wirtschaftliche System der documenta fifteen aufgebaut. Foto:Berins © Berins

Mit der „Lumbung Gallery“ will die documenta fifteen ein Vorbild sein – über das Ende der Ausstellung in Kassel hinaus

Die documenta fifteen will mehr sein als eine Kunstausstellung. Sie will ein Labor für eine gerechtere Welt sein, für fairer verteilte (finanzielle) Ressourcen, auch für einen gerechteren Kunstmarkt. Denn dort bestimmen bisher wenige mächtige Personen und intransparente Dynamiken die Spielregeln. Und während einige Kunstwerke horrende Preise erzielen, gehen die meisten, eher unbekannteren Künstlerinnen und Künstler leer aus. Oft schaffen sie es nicht einmal, überhaupt auf dem Kunstmarkt Fuß zu fassen.

Ein Projekt mit dem Titel „Lumbung Gallery“, das während der Laufzeit der documenta fifteen entstanden ist, soll nun ein Gegenkonzept liefern, das den Kunstmarkt nachhaltig verändern und fairer machen soll – und auch nach Ende der Documenta als Blaupause dienen könnte.

„Das Problem ist, dass viele Kunstschaffende, die ein Wahnsinnspotenzial haben, nicht von ihrer Arbeit leben können. Dann müssen sie andere Jobs machen und haben weniger Zeit, ihrer Kunst nachzugehen. Das ist verschwendetes Potenzial, und das möchten wir der Öffentlichkeit zugänglich machen“, sagt Beat Raeber. Der Schweizer hat lange Zeit selbst in dem „eher elitären und nur schwer zugänglichen Kunstsystem“ gearbeitet; als Leiter einer Kunstgalerie und als Mitglied des Auswahlkomitees der Art Basel. Dann hatte er genug von dem Business und gründete vor einigen Jahren die Non-Profit-Online-Plattform TheArtists.net, die unbekannteren Künstlerinnen und Künstlern helfen will, sichtbar zu werden und Geld mit ihrer Kunst zu verdienen.

Zur documenta fifteen wurde er mit The Artists in die Arbeitsgruppe der Lumbung Gallery eingeladen. Dort arbeitete er gemeinsam mit dem Kuratorenkollektiv Ruangrupa, dem Artistic Team und weiteren Mitgliedern an einer neuen, gerechteren Version eines Kunstmarktes. Ziel war es, ein transparentes und nachvollziehbares ökonomisches System aufzubauen, in dem Ressourcen geteilt werden und ein Teil der Einnahmen gemeinschaftlich verwaltet wird. Anstatt spekulativer Marktpreise sollte ein Preismodell für Kunstwerke entwickelt werden, das die Produktionskosten und Grundbedürfnisse von Künstlerinnen und Künstlern als Grundsatz hat, erzählt Beat Raeber.

Ein Topf für die Community

Über eine Internetseite können schon seit einiger Zeit Kunstwerke aus der„Lumbung Gallery“ gekauft werden. Der Preis (der per Mail erfragt werden muss) setzt sich aus dem zusammen, was die Künstlerin oder der Künstler an finanziellen Mitteln in das Werk investiert hat und den auf die Zeitspanne der Produktion umgerechneten Grundbedürfnissen der Künstlerin oder des Künstlers – gemessen an dem weltweit höchsten Mindestlohn, der in Australien gezahlt wird. Somit sollen Künstlerinnen und Künstler einen fairen Betrag für ihre Arbeit erhalten. „Die Idee ist, dass Künstler davon leben können und dass ein Teil in die Community zurückfließt“, sagt Beat Raeber.

Ein Teil der Einnahmen, die ein Werk erzielt, wird dann solidarisch mit den Mitgliedern der Lumbung-Community geteilt: 70 Prozent erhält der Künstler oder die Künstlerin selbst, 30 Prozent gehen in einen „Common Pot“, mit dem die Strukturen der Lumbung Gallery finanziert werden. Wie das Geld darüber hinaus eingesetzt wird, ob es beispielsweise in ein Projekt gegeben wird, ob Künstler oder Künstlerinnen in Notlagen damit unterstützt werden – darüber entscheidet die Community – das bedeutet, die Mitglieder des gerade in der Schweiz gegründeten Vereins, der hinter der Lumbung Gallery steht. „Wir brauchten eine rechtliche Struktur, damit wir verkaufen dürfen, aber nicht mit einem kommerziellen Hintergrund. Es geht nicht um Profit, sondern um Kostendeckung und Nachhaltigkeit – auch in der Zusammenarbeit mit den Künstlern“, sagt Raeber.

Ist das nun der faire Kunstmarkt der Zukunft? Könnte sich dieses Konzept tatsächlich auch nach der Documenta behaupten und eine ernstzunehmende Alternative zum überdrehten, spekulativen Kunstmarkt werden? „Ich denke, dass die Lumbung Gallery eine Art Vorbild sein kann. Wir haben Grundlagen und Strukturen erarbeitet, die wir in einer Publikation öffentlich machen wollen.“ Als eine Art Mikrosystem könnte sich das Konzept der Lumbung Gallery für weitere Großausstellungen, für Biennalen und Festivals eignen. „Da sind wir schon im Gespräch mit Interessenten“, sagt Raeber.

Den ganz großen Umsturz wird es allerdings wohl nicht geben. Es bleibe eine Vision, ein Experiment, mit dem man eine gemeinwohlorientierte Alternative für den Kauf und Verkauf von Kunst schaffen könne, sagt Raeber. „Wir können mit der Lumbung Gallery vielleicht nicht die Welt revolutionieren“, sagt er. Aber ein Anfang könnte es dennoch sein, ein engagierter Versuch, die vertikale Ordnung auf dem heutigen Kunstmarkt zu durchbrechen.

Beat Raeber.
Beat Raeber. Foto:Privat © Privat

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