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Helena Philomena Klara Katinka Maisch, Ohne Titel, 1919. 

Kunst

Als die Seele der letzte Wald war

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Was ist gesund? Was ist Wahn? Was ist Kunst? Ausstellungen und Veranstaltungen versuchen uns klüger zu machen.

Die Ausstellung heißt „Gewächse der Seele“. Schon falsch. Es handelt sich um vier Ausstellungen, ein halbes Dutzend Performances, dazu noch eine Reihe von Workshops. Bei allem geht es um Pflanzendarstellungen, um das Bild, das Menschen sich von Pflanzen und von sich machen. Also nicht um biologische Wissenschaft, sondern um Seelenkunde. Die Pointe der Veranstaltungen ist, dass sie Arbeiten zeigen von „Künstlern mit und ohne Beeinträchtigung“. Man ahnt, worum es geht, aber zugleich sperrt sich alles in einem gegen die Vorstellung, es gebe Künstler, Menschen, ohne Beeinträchtigung.

Das Wilhelm Hack Museum in Ludwigshafen zeigt zum Beispiel Bilder von Max Ernst, Paul Klee, René Magritte, Odile Redon neben solchen von Hilma af Klint, Georgiana Houghton, Séraphine Louis, David Wilton. Die kunsthistorisch akzeptierte Moderne wird konfrontiert mit der sogenannten „Outsider Art“, der Kunst also von Menschen, vielen Frauen darunter, die sich weniger von Musen als vielmehr von Geistern, sogenannten „Geistführern“, inspiriert fühlten. Viele der ausgestellten Künstler frequentierten spiritistische Séancen, manche verbrachten Jahre, ja ihr ganzes künstlerisches Leben, in psychiatrischen Anstalten. Die Ausstellung konfrontiert die Moderne mit mediumistischer Kunst und der der Geisteskranken. Dadurch zeigt sie den großen Zusammenhang, in dem sie alle stehen. Die Moderne, die von Soziologen gerne als ein Prozess der Rationalisierung beschrieben wird, ist ganz sicher das und öffnet gerade dadurch die Verliese der Seele. Wo Es ist soll Ich werden, erklärte Siegmund Freud. Dazu musste das Es ans Licht, es musste sich artikulieren, musste gezeigt, vorgeführt, sich entfalten dürfen. Es tat das nicht nur in Essays und wissenschaftlichen Abhandlungen. Es war überall. Nichts anderes hatte Freud gesagt. Mit einem Male sahen es alle. Was nicht auch abtauchte ins Unbewusste, war keine Kunst mehr.

Pflanzen spielten dabei eine besondere Rolle. Das Unbewusste ist ihr Element. In der Hierarchie der Lebewesen standen sie unten. Die Triebtheorie lieh sich ihren Begriff von ihnen. „Reculer pour mieux sauter“ war die Parole. Man musste hinter die Vernunft zurück, um mit ihr weiter voran zu kommen. Pflanze werden konnte man nicht mehr, ohne in der Psychiatrie zu landen, aber sich mit Max Ernst hineindenken, hineinträumen in den letzten Wald, das konnte man lernen. Wir begreifen, was damals geschah nicht, wenn wir es nicht auch sehen als Voraussetzung dafür, dass man in einer zweiten Bewegung dieses in den Tiefen des Ichs und der Welt gefundene Es, das ja immer Eines und Viele zugleich war, hinaufhob, sich wie einen Bewohner der Tiefsee vor Augen stellte und analysierte.

Ohne die identifikatorischen Pflanzenfantasien der hier versammelten Künstler, hätte die Wissenschaft den großen Sprung zur Entdeckung der so lange „geheimen Netzwerke der Natur“ nicht getan. Allerdings: Ohne die Fortschritte der Biochemie, ohne Zell- und Mikrobiologie wäre man womöglich doch nicht wirklich über Fechners „Nanna oder über das Seelenleben der Pflanzen“ aus dem Revolutionsjahr 1848 hinausgekommen.

Fechner schrieb in seinem Vorwort damals Zeilen, die viele der im Wilhelm-Hack-Museum ausgestellten Künstler mehr als ein halbes Jahrhundert später wohl ähnlich empfunden haben werden: Ich „will selber den kleinen Wesen vorantreten und ihren Dolmetsch machen, auf dass, nachdem alles Volk seine Vertreter gefunden, auch dieses Völklein dessen nicht entbehre“. Das ist näher an Peter Wohlleben und Stefano Mancuso als an Symbolisten und Surrealisten. Fechner blickt, wenn er zu den Pflanzen schaut, hinüber zu Fremden. Er versteht sie. Er kann uns sagen, was sie einander zuflüstern. Ganz anders als aber doch ähnlich einem heutigen Wissenschaftler, der die chemischen Reaktionen untersucht, die zwischen Pilzen und Wurzeln ablaufen.

Surrealisten und Symbolisten aber suchten die Pflanze in sich, sie suchten nach etwas, das sie im Gedränge ihrer Leben nur zu leicht überhören könnten. Fechners Idee, dass man wie es bei manchen Fällen von Taubheit sein sollte, „leise Stimmen gerade umso besser vernommen werden, je lauter zugleich eine Trommel gerührt wird“, möglicherweise im Schlachtenlärm der Revolution – das Wort kommt bei ihm nicht vor – die Sprache von Blumen und Pflanzen leichter auszumachen sein könnte, als in der beschaulichen Ruhe eines vor sich hin träumenden Biedermeiers, hätte den bei ihrer leidenschaftlichen Introspektion immer gerne auch Lärm schlagenden Surrealisten sicher gefallen.

Ausgelöst hatte die große Ausstellung die in Heidelberg angesiedelte Sammlung Prinzhorn. Es ist die größte, traditionsreichste Sammlung der Werke von Psychiatriepatienten. Den Kuratoren dort war aufgefallen, wie viele Pflanzendarstellungen sich in ihrer Kollektion befinden. Die Sammlung Prinzhorn zeigt im Rahmen der Ausstellung „Gewächse der Seele“ 180 Bilder. Nicht alle Kunst dort ist Outsider-Art. Manche Patienten drückten ihren Wahn lieber nicht aus. Sie flohen vor ihm in die Kunst. Dort konnten sie „normal“ sein und lieferten ganz und gar konventionelle Blumenbilder ab.

Wer durch die Ausstellungen geht, gibt es bald auf, am Bild erkennen zu können, wo die Kunst endet und wo der Wahn beginnt. Er wird sich vielleicht erinnern an die Nazi-Ausstellung „Entartete Kunst“, die genau aus dieser Unmöglichkeit ihr Kapital schlug. Die Ausstellung von 1937 stellte Werke der Moderne zusammen mit Abbildungen aus Hans Prinzhorns „Bildnerei der Geisteskranken“ und afrikanischer Kunst. Die Kunst wollte wieder glatt, rein und nichts als europäisch sein. Dümmer also. Die Reisen ins Innere der Seele, nach Afrika und hinaus in die Südsee wurden verboten. Die Auseinandersetzung zwischen Akademie und Expressionismus, die in den zwanziger Jahren Nationalsozialismus und Stalinismus gleichermaßen durchgeschüttelt hatte, wurde in beiden Lagern von der Akademie gewonnen.

Die Normierten hatten wieder einmal über die Irren gesiegt. Das Ergebnis: die irrsinnigsten Vernichtungsaktionen der Menschheitsgeschichte.

Die Ausstellungen 

„Gewächse der Seele – Pflanzenfantasien zwischen Symbolismus und Outsider Art“: Wilhelm-Hack-Museum,

Ludwigshafen, bis 4. August. www.wilhelmhack.museum/de

„Bildwuchs der Krise“: Sammlung Prinzhorn, Heidelberg, bis 4. August. prinzhorn.ukl-hd.de/

Außerdem Werke im Museum Haus Cajeth, Heidelberg. www.cajeth.de

Mit Veranstaltungen dabei: zeitraumexit in Mannheim sowie Galerie Alte Turnhalle, Lebenshilfe Bad Dürkheim.

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