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Ludwig Knaus: „Hoheit auf Reisen“, 1867. 

Museum Wiesbaden

Ludwig Knaus in Wiesbaden: Das gelungene Leben

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Das Museum Wiesbaden widmet sich dem Genremaler Ludwig Knaus in Hülle und Fülle.

Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts: Der junge Mann aus bescheidenen Wiesbadener Verhältnissen sucht den sozialen Aufstieg und findet ihn mit einer Kunst, die mit ihm noch einmal Schwung nehmen und mit ihm und seinem Jahrhundert auch wieder verschwinden wird, aber nicht aus den Sehnsüchten des Bürgertums. Für die Sehnsüchte des Bürgertums wird es anschließend ungemütlich in der Malerei, wie umgekehrt Malerei, in der es gemütlich zugeht, fortan an einem verheerenden Ruf leidet.

Ludwig Knaus – „der größte Sohn der Stadt Wiesbaden im 19. Jahrhundert“, sagt Kurator Peter Forster ohne Wenn und Aber – ist heute vor allem als Zeichner präsent. Das dürfte zwei Gründe haben. Der eine liegt auf der Hand, der andere erschließt sich mit voller Wucht in der Ausstellung „Homecoming“, die jetzt im Museum Wiesbaden zu sehen ist. Auf der Hand liegt Knaus’ Meisterschaft als Zeichner, eine hohe Begabung, mit der der Sohn eines Brillenglasschleifers, der 1846 als 17-Jähriger auf die Akademie in Düsseldorf zum großen Wilhelm von Schadow gelangte, selbst nicht rechnen konnte („Ich dachte als oft, ich könnte mit dem Zeichnen nicht auskommen, es geht aber wirklich über alles Erwarten gut“). Weniger augenfällig war naturgemäß der Umstand, dass viele Knaus’sche Hauptwerke zu Lebzeiten nach Amerika verkauft worden waren, wo sich liquide Sammler und Museumsmäzene fanden. Als die Knaus-Manie abflaute, verschwanden die Gemälde wieder im privaten Kunsthandel.

Knaus’sche Hauptwerke: eben nicht so sehr die auch in Wiesbaden vorhandenen, vorzüglichen Porträts, die namentlich Wiesbadener Förderer bei ihm bestellten, um ihn zu unterstützen, sondern die Genremalerei. Mit Knaus und durch ihn bekam sie noch einmal einen Aufwind, den ihr Mitte des 19. Jahrhunderts keiner mehr zugetraut hätte.

Forster schildert, wie in vorangegangenen Knaus-Ausstellungen etliche Gemälde als „verschollen“ bezeichnet werden mussten. Ein fabelhafter Zufall brachte die Wende. Ein Wiesbadener Ehepaar machte auf einen ihm bekannten deutsch-amerikanischen Industriellen und Kunstmäzen aufmerksam. Die Kontaktaufnahme zu Eckhart G. Grohmann, der in Milwaukee ein Museum gegründet hat, das sich auf Arbeitswelten konzentriert, brachte rasch zutage, dass er viele wichtige Knaus-Bilder besitzt, darunter die „Goldene Hochzeit“.

„Die Goldene Hochzeit“: Man macht sich keine Vorstellung mehr davon, wie bekannt dieses Bild, 1859 entstanden, einst war, nein, nicht das Bild, sondern das Motiv. Und wenn man es einigermaßen begriffen hat – indem Forster und seine Mitkuratorin Rebecca Krämer zum Beispiel erzählen, dass Stiche der „Goldenen Hochzeit“ bei Hochzeiten zigfach verschenkt wurden (und auch über Knaus’ Totenbett wird einer hängen) –, staunt man über die weiteren Umstände. Dass Knaus zwar in der Schwalm dafür recherchierte, dann aber in Paris malte. Dass dieses von hessischen Trachten und erfreulichem ländlichen Leben strotzende Bild zum Teil also mithilfe entsprechend eingekleideter französischer Modelle entstand. Dass es im Pariser Salon Furore machte (dieser exotische hessische Flair!). Dass es von dort direkt nach Übersee verkauft wurde – Forster: „Paris macht die Kunst, Amerika kauft sie“ – und noch nie in Deutschland zu sehen war. Bis jetzt.

Wirklich ein „Homecoming“ also, das im Zentrum der Ausstellung steht, für die weitere Bilder aus den USA geliehen werden konnten. Der berühmte Genremaler Ludwig Knaus breitet sich zum ersten Mal mit Verve vor dem Publikum seiner Heimatstadt aus. Süße Kinder, glückliche Alte, Honoratioren, Handwerker, Gaffer, Keifende, Verknallte, Abgelenkte, Angeheiterte. Einerseits bekommt man zu viel, andererseits kann man sich nicht sattsehen an diesen Wimmelbildern.

Die Ausstellung

„Ludwig Knaus – Homecoming“bis 2. August im Museum Wiesbaden.

Der Katalog,hrsg. v. Peter Forster und Rebecca Krämer, ist im Deutschen Kunstverlag Berlin erschienen, 224 Seiten, im Museum für 32 Euro, im Buchhandel für 49,90 Euro.

Zum Begleitprogrammgehört Rebecca Krämers Vortrag „Historismus in der Genremalerei?“ am 23. Juni. museum-wiesbaden.de

Deren sorgfältige, aufwendige Komposition die Wiesbadener durch ihre reichhaltige grafische Knaus-Sammlung aufdröseln können, etwa mit Blick auf die „Goldene Hochzeit“, aber auch auf das unwiderstehliche Großformat „Hoheit auf Reisen“, 1867: Ein weiteres Bild, das noch nie in der Stadt zu sehen war, obwohl in der Menschenmenge manches hiesige Modell stehen soll. Die Preußen im Hessischen als Folge des 1866er-Krieges, eine schwärende Wunde im frankfurterischen Selbstgefühl. Auf dem ländlich-sittlichen Gemälde aber verzichtet Knaus auf eine Kommentierung oder Parteinahme. „Emotionen statt Politik“, sagen Forster und Krämer: die fremden Herrschaften in den blauen Uniformen, die starrenden Dörfler mit aufgeputzten Kinderlein, einige sind vorauseilend unterwürfig, andere selbstbewusst neugierig oder skeptisch lethargisch. Die meisten haben zumindest mal die Mütze gezogen, aber da hinten lehnt einer am Baum und denkt nicht dran. Das wesentliche Signal: Da spaziert sie vorüber, die Weltgeschichte, aber für den einzelnen macht das keinen dramatischen Unterschied. Denn wie immer (erst recht im 19. Jahrhundert) sagt auch das Unpolitische etwas über die Verhältnisse aus. Kümmert euch nicht drum, ihr könnt es nicht ändern und es ist auch nicht so schlimm.

Forster spricht von einem „poetischen Realismus“, ja, es gibt bitter arme Kinder auf den Bildern, aber sie spielen recht lustig im Dreck und haben Pausbäckchen. Knaus ist nicht verlogen, eher: beruhigend. Trotz des Durcheinanders, das auf manchem Bild herrscht, trotz vieler melancholischer und betrüblicher Szenen – etliche Begräbnisse darunter – zeigt sich das Leben von einer höheren Warte aus als sortiert und in Ordnung.

So wurde auch der Rundgang im Museum arrangiert, der vom Kindbett zur Bahre führt. Und das ist auch der Triumph der „Goldenen Hochzeit“ und des würdigen, rüstigen Paares, das in der Mitte der Vielgenerationenschar eine Spur verlegen, aber auch stolz tanzt – das „gelungene Leben“, sagt Forster, von „Sehnsuchtsbildern“ spricht Krämer.

Die Amerikaner, muss man sich klar machen, kauften aber in erster Linie die Gegenwartskunst darin, das ganz normale Leben (vielleicht das der alten Heimat). Die ungemein frisch wirkenden Farben, das strahlende Kolorit geben davon noch einen Eindruck, verhindern den Eindruck des Altmeisterlichen. Knaus’ Geschäftstüchtigkeit, sein Talent und sein Wille, den Markt zu bedienen, verbanden sich bei alledem günstig. Vor allem begann mit der „Goldenen Hochzeit“ die Zusammenarbeit mit dem französischen Kunsthändler Adolphe Goupil, der mit einem Gemälde auch die Rechte am Motiv zu kaufen pflegte, um hochwertige Stiche davon in Umlauf zu bringen. Was die einen gar nicht wollten, wollte Knaus unbedingt: Massenhafte Bekanntheit für seine Arbeiten. Forster nennt ihn einen Warhol seiner Zeit.

Am Rande kann das Museum Wiesbaden auch Stücke aus dem Nachlass zeigen, die eine Nachfahrin als Dauerleihgabe ans Haus gab: von der Brille über die Medaille und das Portemonnaie bis zur Zooeintrittskarte. Denn auch Tiermalerei interessierte ihn. Die Kritikereinschätzung „Knaus kann Schweine hervorragend malen und pittoresk in einer Landschaft inszenieren“ sollte man nicht als zu spöttisch einschätzen. Auch in der jetzigen Ausstellung zeigen Wände mit Zeichnungen – Skizzen, aber auch autonome Blätter –, dass Knaus ein Könner war, sehr früh mit sehr sicherer Hand.

Auch Knaus, er ist nicht der erste, überlebte seinen größten Ruhm. Nach Jahren eines glücklichen Pendelns zwischen Wiesbaden, wo er die Tochter eines Hoteliers heiratete und ein schönes Atelier besaß, Paris und der Malerkolonie Willingshausen – dazu klassische Reisen – nahm er unlustig und um des Geldes Willen eine Professur in Berlin an. Dort erlebte er den Aufstieg der Impressionisten, bewunderte Slevogt.

Eine neue Knaus-Welle wird es nicht geben, das glauben auch Krämer und Forster nicht. Die Genremalerei, so Forster, sei mit Knaus’ Tod 1910 ihrerseits endgültig zu Grabe getragen worden beziehungsweise sei zum Spielfilm gegangen. Eine interessante Überlegung, aber auch in Knaus’schen Bildern werden die Menschen wieder versinken wollen. Jeder versteht sie, entdeckt sich und die Seinen darauf. Es ist vorbei, und es funktioniert immer noch.

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