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Und hier der Handstand: Hut und Tolle sitzen.
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Und hier der Handstand: Hut und Tolle sitzen.

Lucky Luke

Lucky Luke - einsam unter Geiern

Lucky Luke hat den Wilden Westen aus der Hüfte heraus zivilisiert: Würdigung eines Helden mit verlässlich sitzender Frisur.

Von Christian Bos

Ein Schuss schreckt Krähen auf. Dann erschallt ein Ruf aus dem Kuhdorf im Tal: „Ich hab ihn umgelegt! Ich hab die Legende getötet!“ Im Matsch der unbefestigten Straße liegt ein Revolverheld mit dem Gesicht nach unten. Stiefel mit Sporen, umgestülpte Blue Jeans, gelbes Hemd, schwarze Weste, rotes Halstuch, weißer Cowboy-Hut.

Mit 70 Jahren hat Lucky Luke das Glück verlassen. Hat sein Schatten ihn eingeholt. Dem einsamen Cowboy ist kein beschaulicher Lebensabend vergönnt, kein Ritt in den Sonnenuntergang auf seinem treuen, aber eigensinnigen Apfelschimmel Jolly Jumper, weit weg von zu Hause, aber ein Lied auf den Lippen.

Das unrühmliche Ende hat der französische Zeichner und Szenarist Matthieu Bonhomme dem belgischen Helden zum runden Geburtstag zugedacht. Sein Band mit dem Namen „Der Mann, der Lucky Luke erschoss“ ist die erste, vom Verlag Dargaud genehmigte Hommage an eine der berühmtesten Comic-Serien der Welt. „Lucky Luke“-Schöpfer Morris – bürgerlich Maurice de Bevere – hatte zwar verfügt, dass die Reihe nach seinem Tod fortgeführt wird, im Gegensatz etwa zu Hergés „Tim und Struppi“.

Dies jedoch streng im Sinne des Erfinders, ohne Experimente. Seitdem wird Lucky Luke vom Zeichner Achdé – einem gelernten Radiologen, den Morris testamentarisch als Nachfolger eingesetzt hat – mit wechselnden Autoren fortgeführt, in ungebrochener Vitalität, doch ganz der Tradition verpflichtet.

Wie stark die greift, zeigt nun aber gerade Bonhommes Huldigungsband. Sein Lucky Luke mag realistischer gezeichnet, grimmiger und noch ein wenig wortkarger sein, die Geschichte dunkler und näher an den späten, sich selbst hinterfragenden Western John Fords und Fred Zinnemanns „12 Uhr Mittags“, die noch gar nicht gedreht waren, als Morris seinen Cowboy zum ersten Mal im Dezember 1946 im „Spirou Almanach“ auftreten ließ.

Doch um so deutlicher tritt die Ikone in den Vordergrund, aufrichtig, unerschütterlich, großzügig und gesetzestreu. „Lonesome“, einsam, ist dieser Cowboy nicht, weil er es unter den Menschen nicht aushält, sondern weil er der einzige Zivilisierte in Morris’ Vision vom Wilden Westen ist.

Um ihn herum sägen feige Sheriffs, Quacksalber, Flintenweiber, verbrecherische Brüder, Schmierenkomödianten, Goldgräber und selbst ernannte Richter an den Säulen der Gerechtigkeit. Was bleibt unserem Helden am Ende anderes übrig, als die von Gier und Korruption zerfressenen Pionierstädte zu meiden und in Richtung Prärie zu ziehen? Verlassen kann er sich in diesem unberechenbaren Land nur auf die sarkastischen Kommentare Jolly Jumpers und die Idiotie des heillos verwirrten Gefängnishundes Rantanplan.

Morris’ Zeichnerkarriere beginnt noch während des Zweiten Weltkriegs in einem kleinen Animationsstudio, das sofort Pleite geht, als sich der Markt wieder für amerikanische Importe öffnet. Dem frühen Lucky Luke merkt man noch seine Zeichentrick-Herkunft an, der später so schmale Scharfschütze besteht noch ganz aus runden Linien, an jeder Hand fehlt ihm ein Finger. Selbstvergessen jodelnd trabt er durchs Bild, wie seine Leinwand-Vorbilder Roy Rogers und Gene Autry.

In einem frühen Strip, einer Art Urszene, erschießt er seinen Doppelgänger, daraus ist später wohl der bekannte Slogan vom Mann, der schneller als sein Schatten zielt, geworden. Drei Jahre nach Kriegsende reist Morris zusammen mit seinen „Spirou“-Kollegen Jijé und André Franquin ins gelobte Land, die Zeichner wollen sehen, was vom Wilden Westen übrig ist. Jijé und Franquin trieb es schon bald wieder zurück ins alte Europa. Morris blieb sechs Jahre lang, sog die amerikanische Landschaft, ihre Mythen und deren filmische Umsetzung in sich auf.

Außerdem stieß der Belgier auf einen Franzosen, der seine Leidenschaft für den Wilden Westen teilte: René Goscinny. Mit dem späteren „Asterix“-Autor als Szenaristen stieg Lucky Luke zu neuen, satirischen Höhen auf. Morris nutzte die neu gewonnene Freiheit, um seinen Stil zu vervollkommnen, einen dritten Weg neben Hergés penibler „Ligné Claire“ und Franquins expressionistischer Sprengkraft zu finden: Einfarbige Hintergründe und Menschengruppen, freigestellte Schattenrisse, kühne Draufsichten und sparsam eingesetzte Nahaufnahmen. Wenn Luke den Abzug betätigt, zerreißen die gestrichelten Spuren der Kugeln das Bild wie Perspektivlinien.

So blieb einerseits viel Raum für Goscinnys vogelwilden Witz, andererseits stilisierte Morris seinen Fantasie-Westen auf diese Weise zu einer moralischen Landschaft, in welcher sich Lucky Luke vor Weggabelungen wiederfindet und die vier Dalton-Brüder als Abwärtstreppe ins Verbrechen durchs Bild tapern. Als Filmgenre hat der Western seine große Zeit mehr als ein halbes Jahrhundert hinter sich, singende Cowboys erscheinen nur noch als Kuriosität. Lucky Luke aber ist nicht umzulegen. Seine Legende lebt weiter. Und mit ihr das Versprechen, seinem Schatten zuvorkommen zu können.

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