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Museale Grenzen werden aufgebrochen in der prächtigen neuen Zweigstelle des Louvre.
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Museale Grenzen werden aufgebrochen in der prächtigen neuen Zweigstelle des Louvre.

Louvre in Lens

Der Louvre in der Provinz

Sensationell: Frankreichs berühmtestes Museum eröffnet seine erste Dependance in dem Städtchen Lens.

Von Nikolaus Bernau

Sensationell: Frankreichs berühmtestes Museum eröffnet seine erste Dependance in dem Städtchen Lens.

So etwas kann nur Frankreich leisten. Weil nur Frankreich seit der Revolution 1789 derart radikal seine Kunst-Schätze in der Hauptstadt und besonders im Louvre konzentriert hat. Aber vor zwei Jahren eröffnete im lothringischen Metz eine glanzvolle Zweigstelle des Centre Pompidou, und jetzt weihte Präsident Francois Hollande in dem nordfranzösischen Städtchen Lens die erste Dependance des Louvre.

Keine ausgelagerte Abteilung ist das, wie etwa das Rauch-Museum der Berliner Staatlichen Museen im hessischen Arolsen, auch nicht aus dem Depot geschöpft wie die Zweigmuseen der Münchner Alten Pinakothek, sondern ein durchweg mit erstklassigen, oft sensationellen Werken ausgestatteter kleiner Louvre. Wer die aus Geschichtsbüchern bekannte Revolutions-Ikone „Die Freiheit führt das Volk“ von Delacroix sehen will, muss jetzt in das kleine Lens, mit dem TGV allerdings kaum eine Stunde von Paris oder Brüssel entfernt. Hier findet man nun auch den berühmten Diskuswerfer der Sammlung Borghese, diese herrliche Verkörperung griechischen Körperkults, kostbare ägyptische Mumiensarkophage, das strenge Medaillenporträt des Renaissance-Architekten Leo Battista Alberti, Keramiken, Glas, Schmuck und schimmernde Fliesen aus der Türkei, Persien und Indien, den elegant sterbenden Heiligen Sebastian von Perugino, Rembrandts Evangelisten Matthäus, Reynolds frisches Porträt der Tochter des Master Hare.

Dabei genügte wohl schon die flach ausgestreckte Architektur des hinreißend eleganten Neubaus (Architekturbüro Sanaa, Japan), um Lens in die Reiseführer zu bringen. Die mattsilbernen Außenwände scheinen mit dem schweren Himmel Flanderns zu verschwimmen. Lang gestreckte, von mild verteiltem Tageslicht durch die Decke erhellte Hallen gibt es für die Ausstellungen, ein von schlanken Stützen getragenes Foyer umfasst Glaspavillons mit Shop, Café, Gruppenraum und Kunstbibliothek. Und doch: Warum gibt es dies Museum, kaum 30 Kilometer entfernt vom exquisiten Kunstmuseum in Lille, elegante Hauptstadt Französisch-Flanderns. Lens war bisher allenfalls als Ziel für den Bergbau- und Weltkriegs-Tourismus bekannt.

Bundesdeutscher Föderalismus

Das Museum ist ein politisches Projekt. Schon Francois Mitterand stieß in den 1980ern die Dezentralisierung der französischen Verwaltung an. Doch die Idee, den kulturellen Reichtum von Paris nach 200 Jahren Zentralisierung wieder in die Provinzen zu verteilen, geht wesentlich auf den Konservativen Jaques Chirac zurück. Das Vorbild ist der bundesdeutsche Föderalismus, der in Frankreich als einer der wichtigsten Gründe für die wirtschaftliche Stärke und politische Macht Deutschland gesehen wird. Der Umbau des Ruhrgebiets wird hier als Kultur-Projekt geradezu idealisiert, die Zeche Zollverein gilt als Modellfall für Flandern und Lothringen. Der Louvre Lens ist also sicher auch eine Wiedergutmachung an einer Region, der Frankreich einen Teil seines Wohlstands verdankt, der aber als hässlich, langweilig, grau gilt. Durch die wandhohen Fenster des Glaspavillons sind vulkangleich aufsteigende Abraumhalden zu sehen.

Demonstrativ entstand der Louvre Lens direkt über dem aufgegebenen Bergwerk, der Zugang vom Art-Deco-Bahnhof führt über die Trasse einer alten Loren-Bahn. Obwohl die Regionen 80 Prozent der Kosten tragen müssen, gab es einen regelrechten Wettbewerb um die Louvre-Dependance. Lens erhielt auch deswegen den Zuschlag, weil die Bevölkerung hinter der Bewerbung stand, weil die Arbeiterstadt vom Bau eines Kunstmuseums bildungspolitisch am meisten erhofft.

Erste Qualität

Der Louvre Lens ist nämlich auch museologisch eine Sensation. Noch ist die Breitenbildung eher ein Versprechen: Der Bestand der Kunstbibliothek ist ein Witz, das Gläserne Depot im Sockelgeschoss nur unter der Anleitung zugänglich, womit der Emanzipation des Publikums enge Grenzen gesetzt sind. Doch wird etwa die Dauerausstellung beständig in Bewegung sein: Jedes Jahr wechselt der Louvre 20?Prozent der Objekte aus, versprochen ist dauerhaft erste Qualität. Vor allem aber: Gemälde, Skulpturen, Porzellane, Schmuck und Sarkophage sind undoktrinär arrangiert und bieten immer neue, raffiniert inszenierte Querbezüge. Hier überblenden sich römische Kaiserzeit, frühes Christentum und Islam, dort Porträts der Renaissance und frühen Neuzeit aus Italien, Frankreich, Deutschland und den Niederlanden mit Fliesenbildern, Schmuck und Teppichen aus den islamischen Imperien. Die Statue von König Louis Philippe, das Porträt des persischen Schahs – vergleichbare Bilder wurden in Berlin ästhetisch engstirnig ins Ethnologische Museum verbannt! – der gewaltige Revolutions-Löwe, der die Schlange der Reaktion zerfleischt zeigen die Macht neuer Ideen um 1830.

Wie im eigentlichen Louvre fehlt die Moderne. Außerdem ist das Gesamtbild trotz Gemälden von Greco und Goya oder Meißner Porzellan stark Frankreich-lastig. Aber es zeigt sich, dass die Berliner Debatte, ob man Malerei und Skulptur zusammen zeigen kann, geklärt ist. Solche musealen Grenzen zwischen Gattungen, Kulturen, Religionen und Regionen werden hier aufgebrochen bis hin zur Volkskunst. Dabei geht es nicht um ästhetische Sensationen, sondern darum, unsere Geschichte besser erklären zu können. Dass in der Hauptachse der Ausstellung eine Skulptur des nüchternen Enzyklopädisten d’Alamebert steht und eben nicht eine des brillanten Aufklärungs-Polemikers Voltaire, das ist ein Programm. Die Besucher sollen sehen lernen, und sie sollen sehend lernen. Mehr kann ein Museum nicht leisten.

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