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"Traute Rose mit weißen Handschuhen" (links) entstand um 1931.

Frankfurt

Lotte Laserstein im Städel

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"Von Angesicht zu Angesicht": Das Frankfurter Städelmuseum blickt mit der Malerin Lotte Laserstein auf die Weimarer Republik.

Eine fesselnde Szene auf einer maximal genutzten Breitbildfläche: Auf einer Terrasse über einer historischen Stadtsilhouette (Potsdam) sitzen und stehen drei junge Frauen, zwei junge Männer in einer an das „Letzte Abendmahl“ erinnernden Anordnung an einer Tafel. Würden die beiden stehenden Frauen nicht aus verschiedenen Gründen den Kopf minimal senken, wären sie nicht mehr vollständig im Bild. So wirkt alles ganz selbstverständlich, trotz des offenkundigen Arrangements. Die Figuren sind ausdrucksstark verstummt, vielleicht nur für einen dieser Momente, die jeder gesellige Abend kennt. Unten liegt ein Schäferhund, als würde er schlafen, aber auch seine Augen sind offen und schauen ins Leere.

Lotte Laserstein im Städel als Polly Peachum

Die Malerin übt unverkrampft altmeisterliche Sorgfalt: Das Hundefell, über dem sich das weiße Tischtuch staucht, dessen weiche Faltenquadrate dokumentieren, dass es sonst im Wäscheschrank liegt (kein Abend wie jeder andere); das Seidenkleid der Frau rechts, das weniger changierende Kleid der Frau links, die matten Strumpfhosen. Das Kleid der Frau in der Mitte ist so gelb, dass man etwas hineinlegen will in der gedeckten Umgebung (unterm bedeckten Himmel). Ist da ein Unbehagen an einem „Abend über Potsdam“ 1930 mitten in Deutschland – vor historischer preußischer Kulisse –, bei dem intelligenten Menschen einmal die Worte fehlen können? Sind sie einfach erschöpft, weil sie getrunken haben?

Zwei Jahre später, 1932, malt Lotte Laserstein sich selbst als aufgebrezelte, dabei mit dem typischen skeptischen Laserstein-Blick durchs Federboageflimmer blickende Polly Peachum an der Seite eines düsteren Mackie Messer. „Mackie Messer und ich“ heißt das Bild, aber man hätte die Malerin ohnehin erkannt, aber der Titel ist eine Stellungnahme. Ein Jahr später sind die Nationalsozialisten an der Macht und verbieten die „Dreigroschenoper“, die der Weimarer Republik den größten Erfolg und die größte rechtsextreme Randale beschert hat. Die großartigsten Bilder Lasersteins, lässt sich sagen, verbinden ihre individuellen Qualitäten mit einer eigenwilligen Reaktion auf die Zeitläufte. „Die Unterhaltung“ dreier lebhafter junger Männer von 1934, neben dem „Abend über Potsdam“ ein weiteres Großformat, findet wie von ungefähr auf einem Dachboden statt. Das kommt Lasersteins Sinn für Kompositionen in Braun entgegen, aber energische Meinungsäußerungen suchen sich inzwischen auch eine verborgene Ecke.

Die Malerin Lotte Laserstein, die sich ihrerseits wiederum drei Jahre später nach Stockholm retten kann – eine dortige Ausstellung gibt ihr die Möglichkeit, auch Bilder wegzubringen, dann reist sie einfach nicht mehr zurück, aber was heißt hier: einfach –, sei nicht ganz so vergessen, wie es selbst vielen Kunsthistorikern erscheine, betonen Alexander Eiling und Elena Schroll. Für das Frankfurter Städelmuseum haben sie auf der galeriehaft eingeteilten Ausstellungsfläche der Graphischen Sammlung die Schau „Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht“ kuratiert. Ja, es ist die erste Laserstein-Einzelausstellung in Deutschland außerhalb von Berlin, wo zuletzt 2003 eine Retrospektive zu sehen war. Aber es gab diese Berliner Retrospektive, es gab in den achtziger Jahren eine Ausstellung in London (die Laserstein noch erlebte), es gab und gibt Ausstellungen in Schweden. Laserstein, sagen Eiling und Schroll, sei mit 35 Jahren zwar schon erfolgreich, aber noch nicht etabliert genug gewesen, als 1933 der (neuerliche) Bruch ihrer Biografie erfolgte. Die wenigen von öffentlicher Seite angekauften Bilder hingen nicht prominent genug, um sie als Teil der Entartete-Kunst-Beschlagnahmungsaktionen sichtbar zu machen.

Umso bemerkenswerter, dass sie ihren Weg ging. Eiling und Schroll zeigen große Unlust, sie als Opfer zu betrachten. Letztlich, betonen sie, handele es sich um eine mehrfache Erfolgsgeschichte. Ein Mädchen, 1898 in Ostpreußen geboren, deren Vater früh stirbt und deren Mutter sich mit ihr und ihrer Schwester mit mehreren Neuanfängen an verschiedenen Orten durchschlägt. Eine junge Malerin aus der ersten Generation von Künstlerinnen, die sich problemlos akademisch ausbilden lassen kann – ein Weg, den sie mit Stolz einschlägt. Eine Mittdreißigerin, der – mit drei jüdischen Großeltern als „nichtarisch“ eingestuft – jede berufliche Grundlage entzogen wird und die in Schweden praktisch vor dem Nichts steht. Die verzweifelten Versuche, Mutter und Schwester nachzuholen, scheitern, die Schwester überlebt im Untergrund, die Mutter wird ermordet. Lotte Laserstein, die 94-jährig sterben wird, baut sich aber erneut eine Existenz auf. Sie hat ihr Erwachsenenleben lang von ihrer Malerei leben können, stellen Schroll und Eiling fest.

Dass sie in Schweden Kompromisse eingeht, von ihrer Begabung als Porträtmalerin profitiert und produziert, was ihre konservativen Auftraggeber sich wünschen, hat, so die Kuratoren, zur Entscheidung beigetragen, sich in Frankfurt auf die zwanziger und frühen dreißiger Jahre zu konzentrieren. Von einem „Best of“ spricht Eiling, das kann man wohl sagen. Wenn die Schau nach den Monaten in Frankfurt in die Berlinische Galerie weiterzieht, werden gleichwohl auch Exilwerke zu sehen sein – für Frankfurt wurden einige wenige Arbeiten ausgesucht, starke Porträts von Mitemigranten darunter.

Seit 1919 sind Frauen an Akademien in Deutschland zugelassen, 1921 schreibt sich Laserstein an der Akademischen Hochschule für die bildenden Künste in Berlin ein. Auch wenn das Eingangsbild, „Meine Großmutter“ von 1924, wie aus dem 19. Jahrhundert herübergrüßt, zeigt eine exquisite Auswahl, wie entschieden und gegenwärtig sich die junge Künstlerin auf Motivfindung und Umsetzung begibt. Die Weimarer Republik in Berlin ist ihr Ort und ihre Zeit, als Künstlerin und als „neue Frau“, die im privaten Umfeld klarstellt, dass sie nicht heiraten, sondern arbeiten will.

Näher kennenlernen kann man in Frankfurt ihr Lieblingsmodell, Traute Rose, von der zahllose Bilder entstehen, Akte, auch hinreißende Doppelporträts. Sie wirken fast beiläufig vor Entspanntheit und heute viel moderner und intimer als die dramatischen Projektionen, die die männlichen Kollegen gerne über ihre Frauenfiguren legen. Von „unseren“ Bildern spricht Laserstein und interessiert sich weiterhin für kunsthistorisch informierte Anordnungen mit Spiegelungen, mit ausgefeilter Materialität (die Lederjacke des androgynen Motorradfahrers). Gerne malt sie auf Holz. Der Raum ist auch auf den Porträtbildern reizvoll eng, immer gerade passend, Gesichter oft wie herangezoomt und entsprechend intensiv. Sie selbst ist als Malerin präsent, professionell ausgerüstet, selbstbewusst.

 Ikonenhaftes Porträt einer modernen Frau

Sie nimmt an Ausstellungen und Wettbewerben teil. Mit dem „Russischen Mädchen mit Puderdose“ kommt sie 1928 bei einer Ausschreibung für die Kosmetikfirma Elida in die letzte Runde. Ein Katalog zeigt Arbeiten weiterer Teilnehmer, die sich offenbar um das Thema nicht scherten. Laserstein dagegen präsentiert geradezu ikonenhaft eine moderne Frau, die ihren wunderbaren Teint kontrolliert, die Puderquaste schon bereit.

Das kühle wirkungsvolle Bild befindet sich im Besitz des Hauses, wie auch – als erste Neuerwerbung unter Städeldirektor Philipp Demandt – das Kinderporträt „Junge mit Kasper-Puppe“ von 1933. Das Städel ist damit das einzige deutsche Museum außerhalb von Berlin, das Laserstein-Arbeiten in seiner Sammlung hat. Die Ausstellung um die eigenen Schätze herum entstand größtenteils durch Leihgaben aus Privatbesitz. So ist die Lage und bloß ein Grund mehr, die Schau nicht zu versäumen, die nebenbei wie ein Spiegel in die eigene Zeit und auf die eigene Position funktioniert. Wie sehen wir uns, wer wollen wir sein?

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