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Emotional-konzeptualistisch: Mit ihrer an die Skulpturen des Amerikaners Robert Morris erinnernden „Mycel“-Installation verweist Dorothea Neumann darauf, dass das ganze historische Gutshaus vom Schwamm durchzogen ist.
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Emotional-konzeptualistisch: Mit ihrer an die Skulpturen des Amerikaners Robert Morris erinnernden „Mycel“-Installation verweist Dorothea Neumann darauf, dass das ganze historische Gutshaus vom Schwamm durchzogen ist.

Gutshaus Heinersdorf

Linienspuk im Oderbruch

  • VonIngeborg Ruthe
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Ein altes preußisches Gutshaus in Heinersdsorf wird durch Kunst aus dem Gespensterdasein gerissen. „LineaRES“ heißt die Schau. Dahinter stecken die Frauen von „Endmoräne“ - und sie brachten dazu Kolleginnen aus Japan, Ungarn, Polen und Rumänien mit.

Von Fontane steht nichts in der Dorfchronik, wer weiß, ob der Dichter dereinst auf seinen Wanderungen durch die östliche Mark Brandenburg hier im Oderbruch, vorbeigekommen ist. Das marode, aber noch immer imposant barocke Gutshaus Heinersdorf, Ortsteil von Steinhöfel, wird von den Leuten liebevoll-spöttisch „Schloss“ genannt. Stückchen für Stückchen, gespendeten Euro für gespendeten Euro versuchen Gemeinde und ein ehrenamtlicher Verein, das weitläufige Haus mit der schönen, aber morbiden Säulenveranda aus dem 17. Jahrhundert zu retten. Das Dach ist repariert, etliche Stuckdecken sind restauriert, die meisten Treppen gesichert.

Viel ist das nicht nicht, aber ein Anfang. Ein Hoffnungsschimmer, den Künstlerinnen des Berlin-Brandenburgischen Vereins Endmoräne – der Bezug zu den Stein-Resten der Eiszeit ist als märkische Metapher gewählt – mit ihren Installationen vom Keller bis zu den Mansarden etwas heller aufleuchten lassen.

Bis hinter die Tapeten

Jeden Sommer sucht der Verein sich ein anderes, vergessenes historisches Gutshaus oder einen markanten maroden historischen Ort, für den es wegen chronischen Geldmangels im Gemeinwesen keinen rechten Plan gibt. Man darf diese Sommerschau im zur Nazizeit als SS-Nachrichtenstation missbrauchten, in den DDR-Jahren als Kinderheim und Landambulatorium genutzten Gebäude gern als kulturelle Wiederbelebung bezeichnen – oder aber als Anbahnung der Gentrifizierung (erst kommen die Künstler, dann die Investoren!) interpretieren: In Heinersdorf wäre man mit jeder Variante froh, könnte nur der Verfall des Baudenkmals endlich aufgehalten werden.

So kamen also die „Endmoräne“-Künstlerinnen aus der Region, und sie brachten Kolleginnen aus Japan, Ungarn, Polen und Rumänien mit. Das Haus und der große Garten inspirierten sie allesamt zur Arbeit mit der Linie: „LineaRES“ heißt die Schau. Erika Stürmer-Alex, Bildhauerin und Gründerin des Vereins, setzte – wie ein ermutigendes Fanal – mit Pinsel und schwarzer Farbe gleich an Ort und Stelle das Profil des Bürgermeisters der Gemeinde auf eine große Glasscheibe. Und ihre 18 Kolleginnen zeichneten Spuren und Zeichen im Hause nach und bezogen dabei auch die Kinder aus dem Dorf bei einer mehrtägigen Malwerkstatt mit ein.

Bis hinter die Tapeten erkundeten die Künstlerinnen die alte Villa. Antje Scholz baute im Keller ein Korbgebilde aus Zweigen und umstrickte es mit leuchtend roten Fäden. Die Rumänin Lea Rasovszky zimmerte aus Möbelresten und morschen Dielen einen riesigen, wie aus Holz-Linien gefügten Kinderstuhl, ein bisschen wie aus dem Land der Riesen, in das Gulliver sich einst verirrt hatte: Melancholische Erinnerung an jene Zeit, in der das Haus ein DDR-Kinderheim gewesen ist. Ins Treppenhaus knüpfte Tina Zimmermann aus Kabeln eine Art Spinnennetz hinein. Strom gibt es hier schon längst nicht mehr. Mitten in dieser „Zeichnung“, die kein Licht spendet, aber hängt eine Computermaus und scheint triumphierend zu sagen: Und wenn schon: dem Internet ist doch längst die ganze Menschheit ins Netz gegangen.

Botschaften in jedem Zimmer

Solch ironische oder poetische Botschaften gibt es im alten Gutshaus nun Zimmer für Zimmer, Gang für Gang. Angela Lubic etwa überzog einen Eckraum, dessen einstige Funktion ein Rätsel bleibt. Es gab hier nie eine Heizung, nur regalartige Einbauten: die Wäschekammer? Mit schwarzen und roten Klebestreifen setzte die Zeichnerin konstruktivistische Zeichen in den Raum – von der Tür über den Boden bis zum Fenster. Da der Untergrund dieser Gebilde keine horizontalen Markierungen trägt, haben die parallel geklebten Streifenlinien weder Tiefe noch Perspektive. Sie irritieren. Und wie nach Balance suchend wirken die Raumzeichnungen von Ingrid Kerma. Sie bezog in einem einsturzgefährdeten Kabinett die Deckenstützen ein, versah diese und die Wände mit Kreidelinien, Punkten und schwarzen geometrischen Flächen. Lesen könnte man das als originelle Hommage an den Konstruktivisten Malewitsch. Zugleich muss man an eine alte Schneiderwerkstatt denken. Nebenan geht es ums Essen: Monika Funke Stern reihte Zeichnungen auf eine Wäscheleine, in denen es ums Schlemmen und um Frauenringkampf geht. Darüber schweben, wie komisch, an der Decke dicke barocke Putten.

Aus Raufasertapete, dieser einst in der DDR so begehrten, aber raren, weil praktischen und sachlichen Wanddekoration, zauberte Annette Munk Schneelandschaften und Gebirgsaufsichten mit Schatten und gepunkteten linearen und schlangenlinienförmigen Wegerastern. Ihre Kollegin Ka Bomhardt stellt sich die grünschimmelige Mansarde als Kammer eines längst verschwundenen Zimmermädchens vor, überzog es mit zu Ornamenten verdichteten Graphitlinien. Auch ihr hat es die Tapete angetan, die sich in der Ruine von den Wänden rollt. Einige Bahnen hat sie einfach umgedreht und daraus einen, federleichten „Schrank“ gebaut. In dem, stellt man sich vor, hat die Magd einst vielleicht ihr einziges Sonntagskleid und die gestärkten Schürzen aufbewahrt.

Das große Erkerfenster verbarrikadierte Gisela Genthner mit blauen, grauen, grünen Plastik-Gitterkästen, zu erkennen als Behältnisse aus der Champion-Zucht im Oderbruch. Dahinter dringt das Taglicht aus dem Gutshausgarten ein, und so sieht man auch noch die Formen der jahrhundertealten riesigen Eiche vor den Fenstern. Ein Spiel mit der Perspektive, mit dem Raum und der Geschichte.

Zeichnen ist nach Walter Benjamin ein Medium, in dem die grafische Linie durch den Gegensatz zur Fläche bestimmt ist. Die Linie bezeichnet die Fläche, den Ort, das was zu sehen ist, und das unsichtbare Dahinter. Die Endmoräne-Künstlerinnen zeigen – in kühn veränderter Zeichner-Tradition –, was in einem fast vergessenen, erst durch Pragmatismus und dann durch Gleichgültigkeit zur Ruine gewordenen Baudenkmal im Oderbruch, einst war, was ist – und was sein könnte. Das Potenzial des Ortes eben. Mehr kann man von Kunst nicht verlangen.

LineaRES. Von Punkt zu Punkt. Gutshaus Heinersdorf (Ortsteil von 15518 Steinhöfel, Landkreis Oder-Spree) Hauptstr. 36 c. Bis 2. September jeden Sonnabend und Sonntag von 13–18 Uhr. Begleitprogramm: Filme, Vorträge, Performances,Telefon: 0179/518 67?66.

Alle Infos unter: www.endmoraene.de

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