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Mariengruppe, verschiedene  Zustände während der Restaurierung
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Mariengruppe, verschiedene Zustände während der Restaurierung.

Rimini-Altar

Liebieghaus Frankfurt: Alabaster ist eine Diva

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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Vier Jahre lang wurde der Rimini-Altar im Frankfurter Liebieghaus aufwendig restauriert. Nicht nur das fertige Werk, auch die Forschungsergebnisse sind spektakulär .

Womöglich läuft man gleich nach hinten zum Licht. Das wäre naheliegend, man ist schließlich ins Frankfurter Liebieghaus gekommen, um den frisch restaurierten Rimini-Altar, ein Werk aus dem Spätmittelalter, zu bestaunen. Und - ja, das ist herrlich, aber nur die halbe Wahrheit. Man sollte, nein, man muss, nachdem man das feine Schnitzwerk aus hell leuchtendem Alabaster bewundert hat, noch einmal zurück. Und - ja, es macht Mühe, die ganzen Schrifttafeln durchzulesen, die dort an die Wände gelehnt sind, doch es muss sein. Denn das Wunder, das jetzt nach vierjähriger Restaurierungsarbeit hier zu sehen ist, kann man sonst allenfalls in Ansätzen ermessen. Deshalb folgt hier schon mal eine Kurzfassung.

Als das aus zwölf Apostelstatuetten und einer figurenreichen Kreuzigungsdarstellung bestehende Ensemble 1913 aus dem römischen Kunsthandel ans Liebieghaus kam, war das ein Coup. Etwas Vergleichbares - ein so großes, vollständiges, kunstfertig gearbeitetes Ensemble aus weißem Alabaster – gibt es nicht noch einmal. Georg Swarzenski, dem damaligen Direktor des Museums, war klar, dass das Werk, das übrigens in den 1430er Jahren entstanden ist, nicht aus Italien stammt, er hielt es für deutsch. Heute weiß man, dass zwar das Material aus Deutschland, der Künstler jedoch aus den Niederlanden kam. Und man weiß noch viel mehr, denn in den vergangenen vier Jahren wurde das Werk nicht nur gereinigt, es wurde auch gründlich erforscht.

Das war vor allem deshalb nötig, da das Material Alabaster für einen Restaurator zu den kompliziertesten zählt. Oder wie der zuständige Restaurator Harald Theiss es ausdrückt: „Alabaster ist eine Diva.“ Für den Bildhauer ist es wunderbar: Es sieht aus wie Marmor, ist aber so weich, dass man es auch mit Holzwerkzeugen sehr filigran bearbeiten kann. Man kann es schneiden oder schaben, damit sind filigrane Durchbrüche möglich. Dafür bricht allerdings auch schnell mal etwas ab.

Mit Marmor hat Alabaster auch sonst nicht das Geringste zu tun. Während es sich dabei um Calciumcarbonat handelt (ähnlich wie Kalk und Kreide), ist Alabaster wasserhaltiges, kristallines Calciumsulfat (also eine spezielle Form von Gips). Es ist daher wasserlöslich, reagiert empfindlich auf Druck und ist außerdem nicht hitzebeständig. Damit ist man als Restaurator schon mal gelackmeiert: Man kann Alabaster nicht mit Wasserdampf reinigen, man kann nicht einmal ein Wattestäbchen verwenden, weil man damit Abriebspuren verursacht.

Solche gibt es bereits zuhauf an den Figuren des Rimini-Altares - und nicht nur das: Bei früheren Restaurierungen wurden zahlreiche Fehler gemacht, die das so sensible Material beschädigten. Da wurde unsensibel geklebt und gekittet, im Wasserbad mit Ammoniak gebürstet und dann auch noch das Kreuz ohne nachvollziehbaren Grund verlängert.

Im Laufe der Zeit bildete sich auf dem wohl im Barock entstandenen Reinigungsschaden erneut eine dicke Schmutzkruste, die vermutlich auf den intensiven Gebrauch von Kerzen und Weihrauch am vorherigen Aufstellungsort, der Wallfahrtskirche Santa Maria delle Grazie in Rimini-Covignano, zurückzuführen ist. In den sechziger Jahren wurde diese Kruste entfernt - zum Glück nur oberflächlich, das Ergebnis mutete allerdings an wie ein schmutziger Gipsabguss. Heute geht man beim Säubern naturgemäß ganz anders vor.

Durch ein Forschungsprojekt von französischen Kollegen, die mittels Isotopenmessung eine Art Fingerabdruck des Gesteins erstellen können - ließ sich der mittelfränkische Steigerwald als Herkunftsort des verwendeten Materials exakt bestimmen. Also suchten die Frankfurter Archäologen Alabaster vor Ort, um damit ausführlich zu experimentieren. Alabaster kommt übrigens in Knollen vor, die maximal 60 Zentimeter groß sind. Die Qualität schwankt. Zu den wichtigen Fragen zählte unter anderem: Wie kriegt man den Klebstoff und den als Kitt verwendeten Gips wieder ab? Mit Lösungsmitteldampf und einem Mikroskop, Millimeter für Millimeter. „Es war die Hölle“, erzählt Theiss.

Anschließend entschied man sich für eine schonende Oberflächenreinigung mit Laserstrahlen. Dabei wird weder Druck ausgeübt, noch werden Feuchtigkeit oder Chemikalien verwendet, allerdings gibt es eine minimale Hitzeentwicklung, weshalb auch hierfür aufwendig experimentiert werden musste. Der Schmutz ging ab, wenngleich nur der grobe. Es blieb ein Gelbschleier, dem man schließlich mit Gel-Kompressen aus Agar-Agar sanft zu Leibe rückte. Damit das darin enthaltene Wasser sich keine Mineralien aus dem Stein holt, hat man es vorher mit Gips gesättigt - ein neues Verfahren, mit dem sich künftig auch Modellgips schonend säubern lässt.

Man dürfe, so der Restaurator, jetzt aber nicht schreiben, der Rimini-Altar erstrahle im alten Glanz. Nicht etwa, weil es sich dabei um eine abgedroschene Floskel handelt, sondern weil das nicht stimmt. Die Figuren sind in ihren Poren immer noch ein kleines bisschen schmutzig. Nach der Reinigung wurde das Werk neu verklebt und montiert.

Wie die Originaloberfläche einst aussah, darüber kann man heute allenfalls spekulieren. War sie poliert? Vielleicht. War sie in Teilen farbig gefasst? Vermutlich. Erhalten sind lediglich wenige, nicht eindeutig datierbare Farbreste. Es gibt aber - wie im Liebieghaus üblich - hypothetische Rekonstruktionen, die einen Eindruck von der einstigen Wirkung vermitteln. Nach all diesen Informationen darf man nun aber endlich zurück zum Altar, wobei der Begriff „Altar“ vielleicht ein wenig irreführend ist, denn das ursprüngliche Altargehäuse existiert nicht mehr. Man hat nun ersatzweise ein stilisiertes schwarzes Display angefertigt, dessen Form sich an den zeitgenössischen niederländischen Altären orientiert und zumindest eine Ahnung davon gibt, wie das Original ausgesehen haben dürfte.

Man geht jetzt also noch einmal dem Licht entgegen, direkt auf das Kreuz in der Mitte zu, an dem Jesus hängt und an das Maria Magdalena sich bangend klammert. Sieht die flankierenden Leichen auf dem Kalvarienberg, die trauernden Frauengruppen und studiert die Apostel mit ihren feinen Gesichtszügen, den Faltenwürfen, den symmetrischen, filigran gearbeiteten Bärten und Locken. Vermutlich ist man ergriffen und erschrocken. Und auch ein wenig traurig, denn das, was wir hier sehen, ist die bestmögliche Version dessen, was vor langer Zeit beschädigt wurde.

Liebieghaus Skulpturensammlung, Frankfurt: Bis 24. April 2022. www.liebieghaus.de

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