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Architektur

Ein Libeskind wie bestellt

Auf dass die Welt nach Lüneburg schaue: Das neue Hauptgebäude der Leuphana-Universität zeigt sich wie alle Bauwerke des Architekten gezackt

Von Nikolaus Bernaus

Schon von fern, über nette Einfamilienhäuser aus den 1930er-Jahren hinweg, sieht man an der Lüneburger Willy-Brandt-Straße einen großen, ins Morgenlicht aufgereckten, strahlenden Zacken. Ah, der Libeskind-Bau, erkennt das durch die Bauten des amerikanischen Architekten geschulte Auge. Weit auskragende Spitzen – nicht so pathetisch wie in den Museen in Dresden oder Denver, sondern eher panzerkreuzerbugarti kraftvoll gestaucht; blitzende Metallhaut über gezackten Baukörpern wie an den Museen in Berlin oder Toronto, nach außen und innen gekippte Wände, vieleckige, fett gerahmte Fenstereinschnitte, durch die man die Balkenkonstruktion sehen kann, wenn die Balken nicht gleich vor den Fenstern stehen.

Innen geht es so weiter: Schräg ineinandergeschobene Räume mit vielen spitzen Winkeln, hoch umlaufende Galerien, die den Blick in diese Architekturlandschaften stürzen lassen, ein dramatisch in sich verschobenes Treppenhaus, diagonale Lichtschlitze und aus der Reihe tanzende Lampen. Auch das Auditorium Maximum ruft Erinnerungen an andere Libeskind-Räume wach, etwa an den Riesensaal des Imperial War Museums in Manchester. Wie dieses gleicht das Audi-Max mit seiner immensen Weite und Höhe, der Riesenprojektionsfläche, den diagonal gekreuzten Lichtschlitzen eher einem umgebauten Flugzeughangar als einem für Kongresse, Universitätsversammlungen oder Konzerte des Lüneburger Orchesters komponierten Saal.

Stürzende Linien

Überraschend gut ist die Akustik von den unteren bis in die letzten Reihen der Zuschauerränge, wie am Sonnabendmittag musizierende Studierenden hören ließen. Das wird ein schöner Konzertraum, wenn erst einmal die kräftig rauschende Klimaanlage justiert ist. Er wird die oft lausige Detaillierung übersehen lassen: Dekogitter unter den Leitungen an den Flurdecken, billige Toiletten, mit Spaxschrauben befestigte Holzleisten, die aggressive signalrote Wandfarbe. Warum hat man das Raue, Industrielle, Unfertige, wie es zu dieser jungen Uni gepasst hätte, nicht betont?

Bei den meisten Libeskind-Bauten wird vom Architekten eine große Geschichte mitgeliefert. Hier ist es die der engen Zusammenarbeit mit den Studierenden, die 2007 in sein Büro gekommen seien und dort frei die Formen entwickelten. Die Architektur sei eine der sich frei entfaltenden Wissenschaft. Für die Funktionalität hatte das jedenfalls nur so weit Wirkung, dass viel Platz für die Gruppenarbeitsräume angeboten wird. Teilweise sind diese allerdings wegen der zackigen Außenhaut sehr schmal und lang oder gar um die Ecke geschnitten. Da müssen sich Lernende und Lehrende erst einmal dran gewöhnen.

Die für viele Libeskind-Bauten charakteristische Beschwörung historischer Erinnerungen spielt in Lüneburg kaum eine Rolle. Dabei haben die Studierenden in einem vorzüglichen Forschungsprojekt nachgewiesen, dass von dem im Rahmen der deutschen Kriegsvorbereitungen 1938 errichteten, heute so idyllisch anmutenden Kasernengelände Truppen ausrückten, die an fürchterlichen Kriegsverbrechen beteiligt waren.

Libeskind hingegen betonte gegenüber der FR nur: Man müsse sich lösen von der Kiste und der Rechtwinkligkeit, den Symbolen der alten Zeit. Aber darüber hinaus ignoriert er die von der Universität genutzte Kaserne regelrecht: Der Haupteingang des gezackten Hauptgebäudes ist ihr abgewandt, gerade einmal die Cafeteria orientiert sich hin zu dem mit Ökoteich gestalteten Kasernengelände.

Dennoch hat die Leuphana genau das erhalten, was sie 2007 bei ihrem damaligen Kurzzeit-Professor Libeskind bestellte: Einen Libeskind wie aus dem Stilhandbuch. Eine bei aller Skepsis gegenüber dem Starkult um den Architekten durchaus kluge Marketingstrategie. Im harten internationalen Wettbewerb genügt es gerade für kleinere Institutionen nicht, gute wissenschaftlichen Leistungen oder Lehrprogramme vorzuweisen. Architektur, die Aufsehen erregt, wird auch in großen Universitätsstädten wie Berlin, München, Köln oder Frankfurt in Szene gesetzt, zuletzt aber auch in Cottbus.

Nun setzt auch Lüneburg auf so etwas wie einen Bilbao-Effekt für Unis: auf bis ins letzte Dorf Chinas verbreitete und verlockende Fotos von glücklichen Studierenden vor dramatisch blitzender „Star“-Architektur.

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