1. Startseite
  2. Kultur
  3. Kunst

Lene Berg in der Kunsthalle Bergen – Der Vater, vom Teufel besessen?

Erstellt:

Von: Sandra Danicke

Kommentare

„Casting Arnljot“, 2022, Four channel video. Mit Thorbjørn Harr, Kyrre Hellum, Petter Width Kristiansen, Eivin Nilsen Salthe. Bild: Thor Brødreskift
„Casting Arnljot“, 2022, Four channel video. Mit Thorbjørn Harr, Kyrre Hellum, Petter Width Kristiansen, Eivin Nilsen Salthe. Bild: Thor Brødreskift © Thor Brodreskift

Lene Berg erkundet in der Kunsthalle Bergen die Schichten der Erinnerung.

Wie war das noch? Damals, als Kind, Welche Farbe hatte das Auto? Wie sah es aus? Was genau hast du getan, was ich und was die Frau von gegenüber? Erinnerung ist stets Fiktion, mindestens zum Teil. Nie deckt sie sich ganz mit den Ereignissen, wobei man auch das nicht so genau wissen kann. Wir erinnern uns falsch, immer wieder. Und sind doch oftmals vollkommen überzeugt davon, dass es so und nicht anders gewesen sein muss. Details, an denen man festhält. Dokumente, die existieren. Bilder im Kopf, von denen man nicht mit letzter Gewissheit sagen kann, woher sie stammen. Hat man es mit eigenen Augen gesehen? Erinnert man sich an Fotos? Oder handelt es sich um eine bildhafte Vorstellung, die man sich aufgrund von Erzählungen vom Ereignis gemacht hat.

Da war ein rotes Auto, vielleicht ein Renault 4. Darin saß der Vater und schnarchte. Aber wo war Evelyne?

Lene Berg versucht sich zu erinnern. Wie war das damals mit dem Vater? Dieses Ereignis, bei dem sie gar nicht dabei war, das aber ihr Leben nachhaltig bestimmt, bis heute, fast fünfzig Jahre später. Eines scheint klar zu sein: Bergs Vater tötete damals Evelyne Zammit, Lenes Stiefmutter. Aber wie? Warum? Wo genau? Er kam dafür ins Gefängnis. Die Zeitungen berichteten. Norwegische Zeitungen und französische, denn der Vater Arnljot Berg, ein damals bekannter Filmregisseur, war Norweger und lebte mit seiner zweiten Frau in Frankreich. Lene war neun Jahre alt und lebte mit ihrer Mutter in Oslo. Wie sie von dem Ereignis erfuhr? Unklar. Was man ihr erzählt hat, wer es ihr erzählt hat? Unklar.

Evelyne lag neben Vater auf dem Beifahrersitz, oder nicht? Kann es so überhaupt gewesen sein?

Es ist eine aufwühlende Ausstellung, die Lene Berg in der Kunsthalle im norwegischen Bergen inszeniert hat, und sollten Sie in diesem Sommer in der Nähe Urlaub machen, müssen Sie hin. Egal, was Sie hinterher glauben, auf dieser Reise erlebt zu haben (war das Sofa im Hotelzimmer wirklich geblümt?), nachdem Sie die Ausstellung besucht haben, werden Sie womöglich noch einmal ganz neu durch ihre Smartphone-Fotos und die Bilder in ihrem Kopf scrollen. (Dieses leckere Gebäck, waren da tatsächlich Zuckerstreusel drauf? Das Licht hinter dem Hügel, war es wirklich so magisch?). Und nicht nur das. Szenen aus der Kindheit werden in Ihrem Kopf auftauchen, und Sie werden nicht mehr wissen, ob Sie das wirklich erlebt haben. War es so?

Sie werden über die vergangenen Wochen nachdenken, sich Begegnungen und Gespräche in Erinnerung rufen und sich immer wieder selbst befragen: Habe ich das wirklich genauso erlebt?

Lene Berg befragt ihre Erinnerung, sie befragt Dokumente, Dinge, Verwandte. Es geht los mit einem Film, der eine Kulisse mit einem Spielzeugauto und Modelleisenbahnfiguren zeigt, das auf einem ansonsten leeren Parkplatz steht. Die Künstlerin erzählt. Davon, dass der Mann, ihr Vater, darin schnarcht, dass ihre Stiefmutter tot neben ihm liegt. Dass es Februar war, früher Morgen, neblig. Irgendwo in Frankreich. War es so? Wann genau war das nochmal? 1974? 1975? Wo war sie selbst? Ach ja, in ihrem Bett in Oslo. Wer hat die Polizei gerufen und warum eigentlich? Weil das Auto schief auf dem Parkplatz stand?

Im angrenzenden Raum hängen Filmstreifen von der Decke. Filme des Vaters, die miteinander verwoben sind. Momente, eingefroren in einer Skulptur. Zigarettenstummel in einer leeren Filmdose, ein Radio läuft, man hört Nachrichten. Im nächsten Raum wieder der Vater. In einem seiner eigenen Filme, den er mit einem Journalisten über die Metro in Paris gedreht hat, taucht er als Statist auf, dessen Kopf nie zu sehen ist.

Seine Hände demonstrieren, wie man einen Fahrschein am Automaten zieht (dieselben Hände, die Evelyne ermordet haben?), sein Unterkörper demonstriert, wie man durch eine Schranke geht (dieselbe Hose, die er bei seiner Verhaftung getragen hat?). Lene Berg erinnert sich an seinen Geruch: Nikotin und Old Spice.

Sie ruft den Vater an. Erzählt ihm, woran sie sich noch erinnert. Wir, die Besucherin, der Besucher, sind der Vater. Wir gehen an das alte graue Wählscheibentelefon mit der verknödelten Ringelschnur, hören Lene Berg sagen, dass wir, also ihr Vater, immer mal wieder für Wochen verschwand. Zuletzt für Monate, da war er in Bologna, mittellos, „auf der Suche nach dem Vergessen“. Jemand fand ihn zwischen den Mülltonnen, wo er nach Essen suchte, seine Pass hatte er in die Hose eingenäht. Bergs Vater, so dämmert es einem, war Alkoholiker, er war psychisch krank.

Lene Berg hat ein Casting veranstaltet, die Ergebnisse sind an die Wand projiziert: Vier Schauspieler mimen den Vater, erklären, wie sie die Rolle anlegen wollen, was Berg in ihren Augen für ein Mann war. Er habe unter immensem Druck gestanden, glaubt einer. Er war einsam, ein anderer. Wieder einer fand ihn hypnotisierend, melancholisch. Wir sehen ein und dieselbe Szene (der Vater ist aufgeregt. Er erklärt dem Kind, dass er nun allein sein müsse, es müsse sein Hand loslassen), mal dramatisch überagierend, mal gefasst.

Der Vater, wie war er wohl? Weiß man das noch, wenn der Mann längst tot ist? Ja, längst. Arnljot Berg brachte sich um, da war Lene ein Teenager.

Zuvor schickte er seinen drei Kindern Briefe aus dem Gefängnis, wo er seltsamerweise nur 15 Monate verbrachte. Vier weitere Jahre waren zur Bewährung ausgesetzt. Einer dieser Briefe ist in der Ausstellung zu hören. Berg erzählt darin seinen Tagesablauf im Gefängnis, kindgerecht, fantasievoll, liebevoll. Es geht um das Essen, um Mitinsassen, die Tauben um sechs Uhr morgens. „Sagt Mama, dass ich unglaublich gut im Waschen und Putzen geworden bin. Es ist dieser Brief, der uns sofort für ihn einnimmt. Ein Mann, der seinen Kindern solche Briefe schreibt, kann nur ein feiner, hochsensibler Mensch sein. Auch die Briefe der Kinder an den Vater sind zu sehen, werden vorgelesen, es sind zärtliche Nachrichten. Es sind, und das leuchtet unmittelbar ein, keine Originale, sie sind abfotografiert, auf Tücher gestickt.

Ein weiterer Raum widmet sich Lene Bergs Verarbeitung der Ereignisse – so wie sie sich daran erinnert. Immer wieder stellte sie der Mutter Fragen: Ist Papa ein böser Mensch? Warum hat er das gemacht? Wie hat er das gemacht? Kann ich ihn jetzt noch liebhaben? Dürfen wir ihn besuchen? Ist er vom Teufel besessen? Die Mutter antwortet ausweichend.

Aus geheimen Gerichtsdokumenten, die Lene kurz vor der Eröffnung der Kunsthall-Installation in die Hände fielen, die sie aber erst danach genauer unter die Lupe nahm, geht hervor, dass Evelynes Vater in Arnljots Namen ausgesagt hat. Es macht die Angelegenheit noch rätselhafter.

Kunsthalle Bergen: bis 21. August. www.kunsthall.no

„The Day Rises“, 2022, film still. Foto: Lene Berg
„The Day Rises“, 2022, film still. Foto: Lene Berg © Lene Berg

Auch interessant

Kommentare