+
Raffaels Entwurf zur „‚Disputa“, seinem berühmten Wandfresko, heute in den Vatikanischen Museen.

Grafik im Städel

Auf den Leib gerückt

  • schließen

Von Raffael bis Tizian: Das Frankfurter Städel präsentiert mit ausgewählten Zeichnungen der italienischen Renaissance einen seiner großen Schätze - Für die Ausstellung hat außerdem eine wissenschaftliche Neubewertung der Werke stattgefunden.

Es ist eine alles andere als erbauliche Entdeckung, dass die nackte Gewalt den ausgelieferten Körper neu sehen ließ. „Ein Schächer“ heißt die Zeichnung, um 1450 ist sie entstanden, vermutlich im Veneto. Ein Körper unter Qualen, unübersehbar unter der Folter. Für die Darstellung brachte der unbekannte Künstler einen neuen Blick mit – und neue Techniken. Etwa einen zwischen die Schulterblätter zurückgebogenen und daher verkürzt gesehenen Kopf auf dem länglichen Oberkörper. Nicht zuletzt dürfte die Zeichnung die Zeitgenossen zutiefst verstört haben, weil sie den vermeintlich an einem Stab hängenden Menschen tatsächlich stehend zeigte, das Körpergewicht nicht hängen, sondern durch Stand- und Spielbein ausponderieren ließ.

Als besonderen Schatz hat das an Kostbarkeiten reiche Städel stets seine umfangreiche Sammlung von Zeichnungen der italienischen Renaissance angesehen, und nicht etwa nur die Blätter eines Michelangelo, Raffael, Correggio oder Tizian, auch solche anonymer Meister. Wenn jetzt rund 90 Arbeiten aus einem Fundus von etwa 450 Zeichnungen unter dem Titel „Raffael bis Tizian“ präsentiert werden, dann spricht Martin Sonnabend als Leiter der Graphischen Sammlung (Renaissance und Barock) von einer „Neuentdeckung“.

Denn auch wenn ein jedes Blatt, ob vorbereitender Grabmalentwurf oder Nacherzählung eines antiken Mythos, ob autonome Anatomiestudie oder Kopie einer kanonisierten Plastik, ungezählte Male genau besehen und untersucht wurde, hat für die Ausstellung eine wissenschaftliche Neubewertung stattgefunden.

Aus der kritischen Inventur, seit 1980 der ersten systematischen, ist ein Bestandskatalog hervorgegangen; das gesamte Forschungsprojekt wäre nicht finanzierbar gewesen ohne die Frankfurter Stiftung Gabriele Busch-Hauck. So ist es möglich, dass sich der Besucher einlassen kann auf einen fulminanten Besitz, der zu beträchtlichen Teilen auf die Initiativen Johann Friedrich Städels (1728 – 1816) zurückgeht.

Aus der Mannigfaltigkeit, die auch Johann David Passavant planmäßig bereits Mitte des 19. Jahrhunderts zusammentrug und seitdem gezielt erweitert wurde, hat Joachim Jacoby als Kurator ein „Kaleidoskop von verschiedenen Perspektiven“ zusammengestellt – eine wunderbare Präsentation italienischer Handzeichnungen aus der Zeit von 1430 bis 1600, die anfangs chronologisch gehängt, schließlich auch nach Regionen geordnet ist.

Die Renaissance entdeckte die Zeichnung – und auch die Zeichnung den Menschen. Das Neue ging in der Aktstudie Pontormos so weit, dass sich zwei sitzende Männer in den Anblick eines Handspiegels vertiefen, während zu ihren Füßen ein Knabe mit der Untersuchung seines Fußes beschäftigt ist, wie selbstversunken. Was aber sah die Renaissance in diesem Bild, was in dieser Neuentdeckung nackter Körper, in einem Naturzustand, der beiden Männern offensichtlich vollkommen selbstverständlich war?

1980, im Zuge der letzten (bereits erwähnten) großen Bestandsaufnahme, wurde das Dargestellte als „tiefgründig verdoppelte Selbstbetrachtung“ angesehen, mit dem Spiegel als Attribut der Selbsterkenntnis. Vor zehn Jahren war man sich sicher, es bei den sich Ähnelnden mit einer Allegorie des Tierkreiszeichens der Zwillinge zu tun zu haben. Man darf das Blatt Pontormos von 1520 exemplarisch verstehen, die Spekulationen darüber ebenfalls, die Sichtweisen auf die beiden Nackten mit dem aufgewühlten Haar, die die körperliche Nähe mit ihren Leibern, den Beinen, den Händen suchen. Sah die Hochrenaissance in den beiden muskulösen Männern nur Wissensdurstige? In den beiden, die einen Spiegel teilten, zwei narzisstische Neugierlinge? Und in all dem zusammen, vereinigt, die Verkörperung von Homoerotik?

Nicht verborgen blieben den Renaissancemeistern die Möglichkeiten, die die Zeichnung bot. Das Medium kitzelte die Vorstellungskraft, mit dem Stift oder mit roter Kreide, mit breiter Rohrfeder oder Pinsel ging man daran, selbstständige Kunstwerke zu schaffen, nicht nur solche, die im Dienst anderer Ausdrucksformen standen: einer Plastik, eines Architekturdetails, eines Gemäldes.

Auch über diese Verpflichtung gibt die Schau Auskunft: aus der Pesellino-Werkstatt kam um 1455 ein „Stehender Heiliger“, ein schlanker Asket, als Vorbild und Vorstufe für einen Trinitätsaltar. Die Kunsttheorie, an erster Stelle Giorgio Vasari (1511 - 1574), erklärte die Zeichnung zur Niederschrift einer fertigen Bildidee – und doch musste sich die Hand weiterhin herantasten, angefangen mit der Anatomie des Menschen. Dass es, wo es um die realistische Wiedergabe von Gliedmaßen ging, eine weiterhin unsichere Hand war, zeigt die Ausstellung auch – durch den Kontrast.

Bei aller Könnerschaft, ungelenk blieb manches, ein weggesackter Kopf lag nicht recht auf der Schulter, eine Kniescheibe wirkt ungelenk, eine venezianische Halspartie enorm gedrungen, Timoteo Vittis vornübergebeugter Oberkörper zu sehr gelängt – das ist keine Mäkelei, das ergibt sich aus dem Vergleich mit atemberaubenden Meisterwerken, an erster Stelle Raffaels Entwurf für die „Disputa“. Das Blatt versammelt ein Miteinander, ein zugleich inszeniertes wie beiläufiges Beieinander, die Körper überschneiden sich zu einer stillgestellten Choreografie der Bewegungsabläufe.

Ja, es gab auch die Kopien nach dem Vorbild kanonisierter Plastiken, drastisch bei Tintoretto, aber vor allem dominiert in der Zeichnung ein Freigeist. Nicht von ungefähr scheint in manchem Blatt die flirrende Luftigkeit des Rokoko vorweggenommen. Um von Jacop Bassanos liegender Figur gar nicht zu reden – oder doch ganz kurz: wegen des nur vage angedeuteten Kopfes, des rötlichen V-Ausschnittoberteils, wegen seiner breiten Konturen aus Kohle, wegen seiner durch und durch expressionistischen Anmutung. Bassanos Coup könnte, sagenhaft die Vorwegnahme, für ein Werk des frühen 20. Jahrhundert gehalten werden.

Die Ausstellung macht vertraut mit Techniken, mit haarfeinen Konturen, neben der Linearität führt sie eine durch Verwischungen oder Verreibungen nachempfundene Anatomie vor – Timoteo Vittis vorübergebeugter Akt, um 1504, vermutlich mit Kohle entstanden, stellt eine pulverartige Flächigkeit vor Augen.

Gern nimmt der Besucher das Angebot Jacobys zu einem „Kaleidoskop“ an, die Promenade durch die Kabinettausstellung stellt immer wieder Bezüge, Querverbindungen her, zwischen dem Pathos monumental gesehener Körper oder den Grotesken verzerrter Gesichter (Michelangelo muss erwähnt sein!).

Zahlreiche Blätter, auf denen die Hilfskonstruktion für die perspektivische Projektion auszumachen ist, ob nun in Form blasser Quadraturen oder eines deutlichen Rasters. In ein solches Gitternetz spannte Correggio seine hochgradig raffinierte Vorzeichnung für einen Kuppelentwurf ein, von unten gesehen, extrem gestaucht wegen der Wölbungen. Dagegen entbunden und nicht nur das: ausschweifend bewegte sich die Hand eines Tizian, um die Tortur des Hl. Sebastian darzustellen, als wollten die Qualen des Körpers aus der Haut fahren.

Unübersehbar grauenhaft die vielfache Präsenz der Gewalt. Von dem Florentiner Vasari, dem Architekten, Plastiker, Maler, Zeichner, Hofmaler der Medici, dem Theoretiker und Biografen der Renaissance, weiß man aus seinen Schriften, wie sehr die Wiederentdeckung des Köpers auf dem schonungslosen Studium von Brutalitäten beruhte. So zeigt es auch Vasaris Blatt der Hinrichtung von zwei Märtyrern, ein Schauspiel vor Publikum, das sich fläzt.

Um den Schwung für seine Bluttat zu bekommen, holt ein Henker mit einer obszön eleganten Drehung des Körpers aus, stellt einen Fuß auf die Zehenspitzen (wie beim Drehschwung der Golfer). Die Hinrichtung als affektierte Bluttat, die Barbarei als Choreografie. Die Renaissance war in der Tat die Wiedergeburt von Todesdarstellungen, drastisch anschaulich. Man weiß nicht erst in diesen Tagen, dass ihre Bilderbotschaften auch Bildpropaganda waren.

Städel, Frankfurt: bis zum 11. Januar. Im Verlag Michael Imhof ist ein Katalog für 34,90 Euro erschienen.
www.staedelmuseum.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion