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Lee Friedlander: Cippewa Falls, Wisconsin, 1986. Foto: Lee Friedlander, Courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco/Luhring Augustine, New York
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Lee Friedlander: Cippewa Falls, Wisconsin, 1986.

Lee Friedlander im C/O Berlin: Schräger Blick auf eine schräge Welt

  • VonIngeborg Ruthe
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Der Fotograf Lee Friedlander mit visuellen Spielen aus sechs Jahrzehnten bei C/O Berlin.

Schwarze Galeriewände, runtergedimmtes Licht, bewusst gesetzte Spots – das fotografische Universum Lee Friedlanders ist eine abenteuerliche Mischung aus Sachlichkeit und Magie. Die zumeist in Schwarz-Weiß aufgenommenen Motive des 1934 in Aberdeen, US-Bundesstaat Washington, geborenen Fotografen erzählen von einem Künstler, dessen Neugier von der Conditio Humana getrieben wird. Sein Werk löst gerade darum manchmal Heiterkeit aus und gelegentlich auch leichtes Unbehagen.

Der Fotogalerie C/O in Berlin ist es gelungen, Serien und Einzelaufnahmen Friedlanders aus 60 Jahren, die meisten aus der Fraenkel Gallery in San Francisco, zu leihen. Der stilistisch von Diane Arbus, Robert Frank und Garry Winogrand geprägte Fotograf ist bis heute fast täglich mit der Kamera unterwegs. Er verbindet intuitive Experimentierfreude mit kulturellen Referenzen. Diese Bilder sind von visueller Essenz und haben einen hohen Wiedererkennungswert. Sie zeigen und verbergen und dienen so als Fenster zu verschiedenen Lebenswelten. Hinzu komme, sagt Friedlander, immer auch der Zufall. Und so setzt er seit den 50er Jahren die amerikanische Geschichte des öffentlichen Raumes ins Bild. Als einer, der sich beim Fotografieren unsichtbar macht, sich nicht aufdrängt, nicht effektvoll inszeniert.

Es sind gleichsam fotografische Sozialstudien anhand von Schaufenstern, Straßenszenen, Menschen im Raum. Das Beiläufige, manchmal auch Pragmatisch-Kuriose im Alltag wird auf einmal wichtig, bekommt eine sonderbare, auch komische Bedeutung.

So in der Aufnahme eines Babys beim Bad in der Küchenspüle – neben einem Berg von Geschirr. Welch humorvoller Foto-Kommentar zur praktischen Alltagsbewältigung: Alles ein Aufwasch. Und da sind Akte, fast äquilibristisch verrenkte, verschlungene Körper, Frauen mit nackten Brüsten wie Kalabassen und ein einzelner, in die Kamera gereckter, monströs vergrößerter Fuß. Der gehört dem Romanautor Jean Genet, dem französischen Dichter der Randexistenzen. Einen Saal weiter sehen wir Landschaften von schneebedeckten Bergen und einem Geröllhang im Nationalpark von Wyoming. Dann ein seelenloses Gewerbegebiet in New Mexiko, wo die Lichtmasten gespenstische Schatten werfen. Und den Schattenriss einer androgynen Gestalt im Canyon de Chelly, Arizona, der steinzeitlicher Höhlenmalerei gleicht.

Spiegelungen spielen eine große Rolle, auch in Friedlanders uneitlen Selbstporträts etwa als Rekonvaleszent im Hospital nach einer Herzattacke. Das Spiegeln schafft in den Interieurs, Straßenaufnahmen und Porträts eine seltsame, ambivalente Bild-im-Bild-Situation. Er fotografierte Autos, von denen man nur vage die Karosse sieht, aber umso mehr den Rückspiegel, darin Ausschnitte der Straße, der Stadt als beklemmende Geheimnisse, fast wie im Hitchcock-Thriller „Fenster zum Hof“.

Regelrecht gespenstisch wirkt das Foto eines Hotelzimmers mit massigem Heizkörper, auf dem Tisch ein Fernseher. Aus der Mattscheibe rast ein Motorradfahrer mit grell aufgeblendetem Scheinwerfer direkt auf einen zu. Fast glaubt man, Benzin und Asphalt zu riechen, das Bildschirmrauschen zu hören. Das Motiv gehört zur Serie „Little Screens“, mit der Friedlander den Siegeszug der TV-Geräte als Massenmedium im amerikanischen Alltag thematisiert. Veröffentlicht 1963 in „Harper’s Bazaar“, begründet der Zyklus den Erfolg des Fotografen als einem der Innovativsten seiner Zunft.

Dann stehen wir vor Porträts der ganz Großen des Jazz, Blues und Soul, auch auf Plattencovern. Der Blick taucht ein in die 60er Jahre. Die Musik verschiebt die alltäglichen, vom Rassismus gezogenen Grenzen. Schwarze Musiker wie Duke Ellington, Ray Charles, Ruth Brown treten in den Clubs von Baltimore, Newark, Washington, New York City, Philadelphia und Tampa/Florida auf.

Friedlander porträtierte sie alle, vor und nach ihren Auftritten, konzentriert, erschöpft, aufgekratzt. Aretha Franklin hatte er mit vom Lidschatten verschleierten Augen vor der Kamera. Es ist der „Queen of Soul“, die mit dem Song „Respect“ einen enormen Beitrag zur afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung leistete, nicht anzusehen, ob es ihr gut geht oder nicht.

Friedlander dokumentiert nicht. Er wagt seine eigene Erzählungen. Und nicht der entscheidende, fotografische Moment – wie bei der Magnum-Autorität Cartier-Bresson – steht im Vordergrund, sondern die Konstruktion unterschiedlicher Bildebenen. Er stört vielmehr das Erwartbare im Bild, mit Schatten, Spiegelungen, Überlagerungen. „Ich mache mit Absicht ‚Fehler‘", erklärt er seinen eigenwilligen Stil.

C/O Berlin im Amerika-Haus: bis 3. Dezember. co-berlin.org

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