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Fotografie

Tod und Lebensspuren

Keine Retrospektive - eine Werkschau soll es sein. Mehrfach betont die Fotografin Herlinde Koelbl bei der Eröffnung im Münchner Stadtmuseum: Es gibt neue Projekte.

Von K. Erik Franzen

Als Herlinde Koelbl vor wenigen Wochen den Internationalen Buchpreis Corine in der Rubrik Bilderwelten für das beste illustrierte Sachbuch 2010 erhielt, kündigte sie Überraschungen an. Strahlend stand sie da vor laufender Kamera und nahm die handgemachte Porzellantrophäe entgegen, die eine der Figuren der Commedia dell’Arte-Gruppe darstellt. „Mein Blick“, so der Titel des preisgekrönten Bildbandes, diente als aufwendiges Begleitbuch zur großen, letztjährigen Retrospektive der Fotografin im Berliner Martin-Gropius-Bau (FR vom 16.7.2009).

Bilder jenseits des Feldes von Form und Inhalt, in dem Koelbl sonst operiert

Retrospektive: Der Begriff verwandelt bei vielen Künstlern ihren Schaffens- in Nahtodschweiß, suggeriert die Bezeichnung doch ein kurz bevorstehendes Ende der kreativen Energie. Vielleicht um den Schwanengesang-Verdacht zu vertreiben, der mehr oder weniger direkt mit dem Rückblick auf 34 Künstlerjahre verbunden ist, nun 2010 also ein mutiger Schritt nach vorn?

Ein wenig bemüht betonte Herlinde Koelbl bei der Eröffnung ihrer nun im Münchner Stadtmuseum präsentierten Werkschau mehrfach: Es gibt neue Projekte.

Dieser Hinweis ließ aufhorchen. Denn auch wenn man sich im Stadtmuseum bemüht, die Berliner Ausstellung von 2009 mit keiner Silbe zu erwähnen – wegschweigen kann man die Überschneidungen nicht. Andere Komposition der einzelnen Bilder, andere Hängung, aber weitgehende Übereinstimmung der gezeigten Portrait-Serien und Langzeitprojekte. Und so staunt man zwar über viel Bekanntes und auch weniger Bekanntes, läuft zügig an den unvermeidlichen „Spuren der Macht“ vorbei und verhakt sich amüsiert bei der immergrünen Reihe „Behausungen“. Bevor man zu etwas Anderem gelangt. Kompositionen jenseits der Portraits, mit denen Koelbl weltweite Anerkennung gefunden hat.

Ein lang gestreckter Raum vereint Fotos aus Zyklen, die sich deutlich vom Großteil der Ausstellung abheben: die kleinen, quadratischen „Brandspuren“, die großen, düster grobkörnigen, verstörenden Bilder einer rituellen Tierschächtung aus dem Zyklus „Opfer“. Was sich in diesen bekannten Arbeiten angedeutet hat, nimmt Koelbl in den aktuellen, noch namenlosen Bildern auf, die nun folgen: das konsequente Spiel mit Form und malerischer Komposition. Endeten die Schächtungen schon bei fast abstrakten Faltenwürfen blutigen Fleisches, reicht die Verfremdung durch Ausschnitt und Vergrößerung bei den beiden großformatigen Oberflächen-Aufnahmen der gegenüberliegenden Wand so weit, dass sie zu rein ungegenständlichen All-overs gerinnen. Sie bilden einen Kontrapunkt jenseits des von den Polen Form und Inhalt abgesteckten Feldes in dem Koelbl sonst operiert. Gerade durch sie wird deutlich, wie zentral für Koelbls Arbeiten sonst Themen und Inhalte sind.

Koelbl will nichts vom Zauber eines neuen Projekts wegreden, deshalb hat sie sich im Vorfeld nicht zu ihrer hier ausgestellten Überraschung geäußert. Nur ein selbstbewusstes, verschmitztes und vieldeutiges Lächeln ließ sie sich entlocken. Ganz gezielt, aber unaufdringlich nimmt sich Koelbl nun den Betrachter vor und führt ihn mit ruhiger Hand von der Reihe „Hunde in der Nacht“ zu ihrer neuesten Serie von sieben Diptychen aus dem Jahr 2010 – alle noch ohne Titel.

Die Vergänglichkeit der Dinge: Starke Variationen über ein altes Thema

Sie variiert ihr altes Thema mit starker Geste in sakralem Gewand: die Vergänglichkeit aller Dinge. Die farbigen Zweiteiler sind streng gesetzt und eröffnen ein Feld voller Rätsel: Ein Fest nicht nur für Kunsthistoriker. Innerhalb eines Rahmens und eines Passepartouts findet sich je ein Foto, das den radikalen Ausschnitt eines meist christlichen Kunstwerks wiedergibt, während auf dem gegenüberliegenden Bild Profanes, zumeist „Realweltliches“ zu erkennen ist. So spricht der von Pfeilen durchbohrte Rumpf eines gemalten heiligen Sebastian mit einer Art Filmdiva mit prominent rotem Mund, ein stark vergrößerter brennender Kerzendocht korrespondiert mit einem Nagel Christi, den ein Engel beweint. Koelbl dreht die Schraube der Wahlverwandtschaften immer weiter: ein überfahrener Fuchs mit klaffender Wunde auf einer mit Teerstreifen geflickten Landstraße wird mit dem Blick auf ein Gemälde zusammengeschaltet, das einen trotz festgeketteten Fußes Davoneilenden zeigt.

Die Assoziationen im Kopf des Betrachters angesichts dieser geistlich-weltlichen Allianzen und Ambivalenzen verselbständigen sich. Fügt sich ein Gesamtbild zusammen? Bleiben die Diptychen Stückwerk? Koelbl erbringt mit dem Einblick in ihr aktuelles Forschungslabor den Beweis für die Lebendigkeit ihres Werks. Sie überzeugt, indem sie ihren fotografischen Wortschatz stringent weiterentwickelt und zugleich ihren Themen treu bleibt: der Ästhetisierung von Alter, Tod und Lebensspuren. Die Schweißflecken einer Retrospektive sind jedenfalls wie weggewaschen.

Stadtmuseum München: Bis zum 10. April 2011. www.stadtmuseum-online.de

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