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Lebensalter einer Stadt

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Vereint: Werke von Kiki Smith (vorne), Artgens van Leyden (r.) und des Carben-Meisters.
Vereint: Werke von Kiki Smith (vorne), Artgens van Leyden (r.) und des Carben-Meisters. © Kiki Smith/Kunstmuseum Krefeld

Das wiedereröffnete Kaiser-Wilhelm-Museum soll Krefeld neue Hoffnung geben.

Sechs Jahre lang stand der alte Kaiser etwas verloren vor dem nach ihm benannten Museum herum. Sechs Jahre, in denen das marode Gemäuer am Krefelder Westwall von Grund auf saniert wurde – ein Symbol der Hoffnung in einer Stadt, die den Glauben an bessere Tage in vielen Straßenzügen aufgegeben zu haben scheint. Hier und dort passiert man auf dem Weg zum Kaiser-Wilhelm-Museum noch Inseln des alten Bürgerstolzes, meist Gründerzeitbauten wie das Museum selbst. Aber überwiegend sieht die Innenstadt von Krefeld so aus, wie man sich Bochum ohne Universität vorstellt; also ungefähr wie Gelsenkirchen.

In Krefeld ist der Niederrhein oft kaum vom nahen Ruhrgebiet zu unterscheiden: Die Stadt, mit Textil- und Stahlindustrie gewachsen, schrumpft und verarmt, in den Einkaufsstraßen stehen die Geschäfte leer, von alten Stuckfassaden platzt die Farbe. Am grünen Rand von Krefeld mag man das zwar kaum glauben, dort, wo das Kaiser-Wilhelm-Museum seine Wechselausstellungen in zwei renovierten Mies van der Rohe-Villen zeigt. Aber Haus Esters und Haus Lange, das ist die reiche Randlage. Im Zentrum steht der steinerne Kaiser und wundert sich.

18 Millionen Euro hat die Sanierung des Museumsbaus gekostet. Ein hoher Betrag für eine Mittelstadt von 220 000 Einwohnern, aber angemessen für diese stolze Sammlung. 1897 wurde das Haus eröffnet, damals noch als Museum für Kunst und Kunstgewerbe, seit den 1960er Jahren konzentriert es sich auf moderne Kunst. Schon damals gab es kaum Geld für Ankäufe, aber vor allem Paul Wember, 1947 bis 1975 Direktor des Museums, verstand es, aus dem Wenigen viel zu machen.

Pop Art, Minimalismus, Gerhard Richter, Neue Realisten, Joseph Beuys, Becher-Schule – die wichtigsten Kunstströmungen der Nachkriegszeit sind mit Spitzenwerken vertreten, die klassische Moderne unter anderem mit einer London-Ansicht von Claude Monet. Letztere sollte 2006 verkauft werden, um die lange überfällige Sanierung des Museums zu finanzieren. Am Ende besann sich die Stadt eines Besseren und auf die Kultur als weichen Standortfaktor.

Belebung des Zentrums

Martin Henschel, der scheidende Museumsdirektor, hofft dann auch, dass sein Haus wieder ein Zentrum für die Stadt sein kann – im April wollten das sanierte, aber noch leere Museum immerhin 12000 Besucher sehen. Um in die strahlend weißen Ausstellungssäle zu gelangen, müssen diese nun eine scharfe Kehrtwende machen, denn das repräsentative Treppenhaus wurde abgetragen und durch zwei schmale, das Portal einfassende Aufgänge ersetzt. Im ersten Stock baumelt ein Mobile von Alexander Calder im Treppenhaus, ein verspielter, heiterer Auftakt für das Fest, das hinter den schweren Saaltüren gegeben wird.

„Das Abenteuer unserer Sammlung 1“ nennt Henschel die neue Präsentation, als läge noch eine zweite, ähnlich glanzvolle, im Depot. Er hat vier Mondrian-Gemälde zu einem Gerhard-Richter-Großformat aus 1024 Farbquadraten gehängt, Andy Warhol zu Robert Indiana, Yves Klein zu Wassily Kandinsky und die minimalistische Malerei von Blinky Palermo neben eine unbemalte Hartfaserplatte von Imi Knoebel. Stets geht es um kunsthistorische Verbindungen und „Dialoge“, mitunter – auch das gibt die Sammlung her – über die Jahrhunderte hinweg. So bilden Anne Chus aufgespießte Putten einen garstigen Kontrast zur mittelalterlichen Frömmigkeit, japanische Holzschnitte führen zur zeitgenössischen Malerei.

Immer wieder haben die Krefelder Museumsdirektoren die Fühler erfolgreich ins benachbarte Düsseldorf ausgestreckt. Den „Modellbauern“ um Thomas Schütte und Reinhard Mucha ist ein großer Raum gewidmet, mit Andreas Gursky, Candida Höfer und Thomas Struth ist die Becher-Schule prominent vertreten, und mit den Farbfotografien von Stephen Shore präsentiert die Ausstellung auch gleich das Missing Link zwischen den schwarz-weißen Aufnahmen von Bernd und Hilla Becher und deren Schülern. Restauriert wurde das „Arbeitszimmer“, das Joseph Beuys gemeinsam mit einigen anderen Werken in Krefeld installierte; neben dem Beuys-Block in Darmstadt ist dies der letzte von Beuys selbst eingerichtete und damit geweihte Kunstraum überhaupt.

Einen ganz anderen sakralen Raum hat das Museum mit dem vierteiligen Wandgemälde von Johann Thorn Prikker wiederentdeckt. 1939 wurde der symbolistische „Lebensalter“-Zyklus eingemauert, um ihn vor den Nazis zu verbergen, 1976 passte er nicht mehr ins Ausstellungskonzept und kam abermals hinter eine doppelte Wand. Jetzt strahlen die „Lebensalter“ nach 40 Jahren wieder wie im ersten Licht und werden zum heimlichen Zentrum des Museums und der Stadt: 1923 wollte Thorn Prikker mit seinem Werk die Grenze zwischen Alltag und Kunst einebnen, die Kunst in die Mitte der Gesellschaft führen und unser aller Leben dadurch verschönern. Heute erscheint diese Hoffnung vielleicht immer noch naiv. Aber für Krefeld ist sie wieder erstaunlich aktuell.

Kaiser-Wilhelm-Museum, Krefeld: bis Februar 2017. Der Bestandskatalog der Sammlung kostet 45 Euro im Museum .

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