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Auf dem Thespiskarren.

Kulturförderung

Lebendigkeit, die wir uns wünschen

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Eine Frage der Haltung, nicht des Geldes: Das Büro Ortner&Ortner Baukunst fördert Kunst in eigener Initiative und mit innerer Beteiligung.

Das O&O-Depot in der Leibnizstraße wirkt wie eine kleine Brache in Berlin-Charlottenburg. Eine optische Pause inmitten all der Läden ringsum. Den dreigeteilten gläsernen Eingang ohne Hinweisschild kann man beim Vorübergehen für ein bodentiefes Fenster halten, in dem sich vor allem die gegenüberliegende Bushaltestelle spiegelt – das dezente DIN- A2-Plakat, das auf eine Ausstellung von Matthias Reinmuth in diesem Raum hinweist, fällt kaum auf. Immerhin klebt an der Scheibe eine Visitenkarte.

Das O&O-Depot gehört zu Ortner&Ortner Baukunst, dem Architekturbüro mit Sitz auch in Köln und Wien, das im gleichen Haus residiert, der Nummer 60. Das Unternehmen der Brüder Manfred und Laurids Ortner, gebürtige Linzer, ist allein in Berlin derzeit für die Planung einiger der bekanntesten Bauvorhaben zuständig: für den Alexander Tower, das Geschäftshaus Gloria am Kurfürstendamm und für den zentralen Standort der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ (HfS) an der Zinnowitzer Straße, der im Oktober eröffnet werden soll.

Die kleine Galerie betreiben die Brüder Ortner und ihre vier Partner (Roland Duda, Christian Heuchel, Florian Matzker und Markus Penell) seit 2012 – und zwar in aller Gelassenheit und fern von Gewinnerwartungen. Das Programm wechselt alle sechs Wochen, geöffnet ist am frühen Abend oder auf Zuruf. Und gezeigt wird, was inspiriert, irritiert, „was mit uns zu tun hat, mit der Stadt, mit einer Lebendigkeit, die wir uns wünschen“, wie Manfred Ortner im Gespräch ausführt. Vor der abstrakten Malerei Reinmuths, dünne Schichten meist pastellener Farbflächen, wurden, aus verbranntem Holz gefertigte Türme von Gereon Krebber gezeigt.

„Architekturaffine Kunst“, sagt Ortner. „Das kann Malerei genauso sein wie Bildhauerei, Fotos oder Filmsettings.“ Oft steht ein Arbeitstisch in der Galerie, um die Besprechungen mit Bauingenieuren und Statikern inmitten der Kunst stattfinden zu lassen. Und nebenbei kann der studierte Kunsterzieher, der in Potsdam eine Architekturprofessur innehat, auch seinen Mitarbeitern zeitgenössische Positionen näherbringen. „Wir haben hier 70 Architekten, und die Ausbildung ist von Kunst ja recht weit entfernt...“

Tatsächlich haben die Ortners selbst lange künstlerisch gearbeitet. Beziehungsweise an der Schnittstelle von Kunst, Architektur und so etwas wie Wahrnehmungsforschung: in der von Laurids Ortner 1967 mitgegründeten und 1992 aufgelösten Wiener Gruppe Haus-Rucker-Co, die 1970 ein aufblasbares Riesenbillard für Wien erfand oder zur documenta 5 am Kasseler Fridericianum 1972 eine Kunststoffkugel mit acht Meter Durchmesser anbrachte, in der zwei Palmen und eine Hängematte zum klimaunabhängigen Verweilen einluden.

Dass Kunst zum Alltag gehört, ohne ihm dienen zu müssen, ist eine heute eher seltene Einstellung. Immerzu wird von der Kunst ja eine Kommentierung der Wirklichkeit erwartet oder zumindest ökonomischer Mehrwert. Hier wird sie aus Freude an der Schönheit oder einer Idee – ja, durchaus: gefördert. „Vor zwei Jahren hatten wir die japanische Künstlerin Asako Tokitsu zu Gast, die sich einen Monat lang damit beschäftigt hat, feine Kohlelinien an den Wänden entlang durch den Raum zu ziehen. Die Striche waren so ausgetüftelt, dass sie aus verschiedenen Perspektiven völlig neue Räume entstehen ließen, jenseits von allem Gemauerten. Das war großartig.“

Dass private Unternehmen stärker in die Kulturförderung eingebunden werden, ist ja eine Vision der Bundes-FDP. Deren kulturpolitischer Sprecher Hartmut Ebbing hält es für absolut aussichtsreich, dass freie Künstler aller Sparten Firmen persönlich ansprechen und für die finanzielle Unterstützung ihrer Vorhaben interessieren könnten. Nach dem Motto: Kommt ein Tänzer in den Brillenladen... Und für jeden eingeworbenen Euro gäbe es dann einen weiteren Euro vom Staat dazu. Oder fünfzig Cent. Manfred Ortner sagt dazu: „Wir müssen nicht extra angesprochen werden, um Kunst zu fördern. Aber uns ist es wichtig, dass sich dabei niemand einmischt. Und dass wir eine eigene Beziehung zu dem haben, was wir fördern. Sonst wäre man ja nur ein Geldgeber. Und ich fände es umgekehrt auch fatal, wenn sich die Kultur auf die Privaten verlassen müsste. Der Staat kann sich nicht aus der Verantwortung stehlen.“

Wobei sich das Engagement der Ortners und ihrer Partner nicht nur auf die Bildende Kunst beschränkt. Auch der Darstellenden Kunst sind sie nähergerückt, seit sie Ende 2011 den Wettbewerb für den Bau der Hochschule für Schauspielkunst gewannen. So luden sie als Beiträger der Architekturbiennale 2012 Schauspielstudenten der HfS ein, die Ausstellungsnische auf einem eigens errichteten Thespiskarren, einer rollbaren Bühne nach antikem Vorbild, zu bespielen.

Im letzten Jahr hat Ortner&Ortner Baukunst auch das bat, das Studiotheater der Hochschule, umgebaut und saniert. Was natürlich keine karitative Maßnahme, wohl aber ein Ergebnis kultureller Nähe ist. Und seit drei Jahren finanzieren die O&O-Architekten ein „Deutschlandstipendium“ an der HfS, eine Begabtenförderung gesellschaftlich engagierter Studierender, die es seit 2011 gibt. Der finanzielle Aufwand ist nicht allzu groß: 150 Euro im Monat von privater Seite werden (bewährtes Muster!) mit der gleichen Summe vom Bildungsministerium aufgestockt.

Knapp unter tausend Förderer fanden sich dafür 2016 in ganz Berlin, wobei auf künstlerische und kunstwissenschaftliche Studiengänge im bundesweiten Mittel nur fünf Prozent der Stipendien entfallen. Ortner&Ortner Baukunst und etwa 49 andere also hier in der Stadt. Das Selbstverständnis, so etwas einfach zu machen, sich über die eigene Rolle hinaus ein Stück weit für das Ganze verantwortlich zu fühlen und sich inhaltlich von dem berühren zu lassen, was einem begegnet, hat am Ende vermutlich viel weniger mit Geld zu tun als man denken könnte. Mehr mit Neugier und Wachheit wohl – und einer ausgesöhnten Haltung zu sich selbst. Denn nur wer weiß, was er selbst hat, wird gerne etwas geben.

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