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Omar Fast

Das Leben ist ein Warteraum

  • VonIngeborg Ruthe
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Im Berliner Gropius-Bau lässt der Israeli Omer Fast mit seinen Videoinstallationen unsere Wahrnehmung zwischen Sein und Schein balancieren.

Kann sein. Kann auch nicht sein. Hier will einer, dass wir das Wechselbad der Wahrnehmungen genauso selbstbeobachtend erleben wie er. Pulp-fiction-mäßig: mal völlig baff, mal irritiert, beklemmt, mal amüsiert. Und mit einem flauen Gefühl im Magen.

Geradezu kongenial erfüllt Omer Fast in den nicht wiederzuerkennenden Räumen des Martin-Gropius-Baus mit seinen real-fiktiven Videoprojektionen all das, was die ambitionierte Langzeit-Reihe „Immersion“ der Berliner Festspiele einerseits in die große Runde fragt, anderseits in nächster Zeit aus Künstler-und Wissenschaftler-Munde zu sagen gedenkt. Nämlich: Was wir sehen, erleben, kann auch ganz anders sein!

Die repräsentativen Gründerzeit-Säle auch des zweiten Obergeschosses hat Fast verwandelt in Warteräume mit abgehängten Decken und mit alle Nebengeräusche schluckendem dunklem Filz verkleideten Filmkojen. „Ich bin daran interessiert, eine eigene kleine Welt zu schaffen und sich in dieser Welt zu verlieren“, sagt der 44-Jährige, aus Jerusalem stammende Wahlberliner, einer der derzeit angesagtesten Video-Film-Künstler seiner Generation.

Nichts scheint realer als die Inszenierung, etwa als unbehaglicher Warteraum einer Ausländerbehörde. Auf Monitoren CNN-Nachrichten, Wetterberichte, Gesichter und Worte verschränken sich verwirrend kakophonisch. Der Getränkeautomat ist defekt. Merkzettel liegen aus, die nicht mal versteht, wer Deutsch kann. Gedruckte Amtssprache wird zur Abwehr-Drohung. Der Monitor zeigt die nach Aufforderung gezogene Warte-Nummer A98521 für Raum C 12 an. Die Reality-Fiction wirkt: Bloß weg hier!

Aber dann landet man im Warteraum eines Flughafens. Transfer-Raum, kein Rauskommen, draußen ist Krieg. Man steckt in einer Zeitkapsel. Wie nachher auch im Warteraum eines Arztes, wo man als Patient auf Avantgarde-Kunst-Plakate stiert oder besser ein Video über Tod und Leben guckt, in dem Bestatter, im Beisein ihrer Kinder, von ihrer alltäglichen Arbeit für die letzten Auftritte Verstorbener erzählen – als Trauerberater, Maskenbildner, Eventplaner in Personalunion.

Dazwischen die Filme. Im Hotel. Ein US-Drohnenpilot berichtet von technischen Details und dann von einer irrealen Situation, wo der Flugapparat außer Kontrolle gerät, auf Soldaten und Zivilisten schießt. Aber was ist wahr, was nicht? Und was stimmt am nächsten Video, in dem Eltern, deren Sohn in Afghanistan kämpft, nun von dessen Tod erfahren, um ihn trauern – oder aber nur vorauseilend hysterisch ein Trauerritual ausüben, wo der Junge eigentlich noch lebt. So geht das weiter. In einem Video wird ein Porno-Dreh zur unaufgelösten Kriminalstory, in einem im Spreewald gedrehten 3-D-Film mit surrealer Handlung geht es ums Verwischen und Überlagern von Erinnerungen. Filmbilder werden zu manipulativen Werkzeugen, um Informationen zu streuen, echte, fiktive.

Omer Fasts Anti-Kunstbetriebs-Kunst

Omer Fasts Anti-Kunstbetriebs-Kunst ist also Kernstück der Reihe Immersion. Festspiele-Intendant Thomas Oberender nennt Immersion „ein Schlüsselphänomen unserer Zeit“, das Erfahrung oder das Gefühl völligen Eintauchens in die eigene Umwelt beschreibe. Wenn diese Umwelt artifiziell sei, würden wir im Kunstwerk quasi aufgehen: Es verschwindet, das Medium wird unsichtbar, wir sind „drin“. Es geht also um künstlerische Produktion unter dem Eindruck der Digitalisierung. Lässt sich die Trennung der Welt in digital und analog überhaupt aufrechterhalten? Beginnt gerade die Beerdigung eines alten Zeitalters? Funktioniert nur noch ein wiederum neuer (wir hatten schließlich Dada und Beuys), noch mehr erweiterter, alles vernetzender, verwurstender Kunstbegriff?

Israeli Omer Fast, einst Kunststudent in den USA, in Berlin seit 2001, Documenta 13- und Venedig-Biennale-Teilnehmer und 2009 mit dem Preis der Berliner Nationalgalerie geehrt, zieht uns hinein in seine seltsame Narration, die die Grenzen zwischen eigener und medialer Erzählung sowie aktueller und historischer Ereignisse auflöst. Alles dringt ineinander ein, verweist auf die Durchlässigkeit zwischen Dokumentation und Inszenierung, von Sein und Schein.

Und weil das so ist, gibt es auch keinen traditionellen Katalog, sondern – aus Video-Stills, Schlagzeilen, Zitaten und Interview-Texten bestückt – eine boulevardesk-bunte Zeitschrift, Titel: „Reden ist nicht immer die Lösung“. Darin bezichtigt er sich selbst, ein Vampir zu sein, weil er ja mit seiner Kunst in das Leben anderer, in deren Innerstes eindringe und deren Geschichten heraussauge wie Blut. Aus diesem destilliert er Bild-Zitate als Erinnerungen, lässt Reales und Ausgedachtes ineinander übergehen, als Collagen, Identitäten, Geschichten. Alles als bearbeitetes Material.

In Fasts nüchternen, dichten, unsentimentalen Fragment-Szenen erscheint keine Figur, kein Sprecher, kein noch so authentisches Material wirklich glaubwürdig. Jede Repräsentation gerät ins Wanken. Dieser fröhliche Skeptiker führt vor Augen, wie sehr die analoge wie digitale Welt, in der wir uns bewegen, nicht gegeben, sondern vielmehr von uns geschaffen ist. Fatalerweise in dem Glauben an so etwas wie eine irgendwie bestimmbare Realität.

Martin-Gropius-Bau, Berlin: bis 12. März 2017. Mehr zum Projekt „Immersion“ unter www.berlinerfestspiele.de/immersion

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