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Still aus „Into All That Is Herer“.
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Still aus „Into All That Is Herer“.

MMK3 in Frankfurt

Laure Prouvost - eine besondere Künstlerin

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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Man muss nicht alles verstehen, um sich von Laure Prouvosts Frankfurter Ausstellung begeistern zu lassen. Die Schau zeigt eine Kunst, die den Betrachter vollständig einnimmt.

Idealerweise lasse man jetzt alles hinter sich, heißt es in riesigen Blockbuchstaben am Eingang zur Ausstellung von Laure Prouvost. Dann steht man im Reisebüro auf einem angeschmuddelten beigefarbenen Teppich, und was folgt, ist ein Trip, den man so schnell nicht vergisst.

Denn natürlich steht man nicht, wie von allen Wänden behauptet, in einer Agentur namens „Deeper Travels Ink.“. Man befindet sich ja im MMK3, dem ehemaligen Hauptzollamt in Frankfurt, aber überall hängen Reiseposter. Da steht ein Schreibtisch mit dreckigen Tassen, ein Bücherregal, eine Kaffeemaschine, man darf sich bedienen. Dann schaut man noch genauer hin, und das zunächst recht stimmige Bild beginnt zu bröckeln: An mehreren Stellen ist etwas ausgelaufen, Plakate sind mit Edding beschriftet („Go to places that are not here“), und der getöpferte Katzenkerzenhalter wirkt auch ein wenig merkwürdig. Genauso wie diverse Reparaturen, etwa die Armablage eines Bürostuhls, die durch eine seltsame Holzkonstruktion ersetzt wurde. Ihre Großmutter habe das besorgt, erzählt Prouvost, sie habe dafür eine Skulptur von Kurt Schwitters verwendet.

Wer die Künstlerin, eine in Antwerpen lebende Französin (Jahrgang 1978) kennt, weiß, dass Schwitters ein enger Freund ihres Großvaters war, der wiederum in seinem Wohnzimmer einen Tunnel grub, in dem er seit Jahren verschollen ist. Dazu später mehr. Im Reisebüro, das sozusagen das Foyer zur Ausstellung mit dem kryptischen Titel „all behind, we’ll go deeper, deep down and she will say:“ bildet, sind allenthalben kleine Botschaften versteckt, die man mithilfe von Autospiegeln aufspüren kann, die an langen dünnen Ästen befestigt wurden. Zum Beispiel unter Tischen oder auf hoch hängenden Regalbrettern; der Inhalt soll hier nicht verraten werden.

Sodann betritt man über einen Treppenhügel den Hauptteil der Schau und schaut auf ein welkes Salatblatt am Boden. Fast der gesamte Raum ist mit einer schleimigen Flüssigkeit überzogen, die wieder Erwarten hart und betretbar ist, in der jedoch lauter Müll und Kram fest steckt: Kaputte Handys, eine halbe Ananas, Pflanzenteile, Berge von Blumenerde und aus der Tüte gefallene Chips, die beim darüber Laufen unter den Füßen krachend zerbröseln. Dazwischen befinden sich große Leinwände, auf denen bizarre Filme laufen, die den Betrachter mit dichter Schnittfolge, verführerischen und abstoßenden Motiven, schmeichelnder Künstlerinnenstimme und diffusen Sounds sinnlich überwältigen und bisweilen völlig gefangen nehmen.

Einer davon ist „Wantee“, mit dem Prouvost 2013, als sie in London lebte, den Turner Preis gewann (MMK-Leiterin Susanne Gaensheimer hatte sie damals vorgeschlagen). Er handelt vom Tunnel bauenden Großvater, einem Konzeptkünstler, den sich Prouvost jedoch ausgedacht hat, und der zurückgebliebenen Großmutter, die die Werke ihres Mannes in ihrem Sinne umwidmet. Da wird ein Gemälde schon mal als Tablett genutzt. Für die Schau in Frankfurt – ihre erste umfassende Einzelpräsentation in Deutschland – hat die Künstlerin neue und alte Filme in einer bezwingenden Rauminstallation miteinander kombiniert, was umso überzeugender ist, als alle Filme aufeinander Bezug nehmen.

So geht es in „Into All That Is Here“ (2015) darum, einen Tunnel ins Unterbewusstsein zu graben, wozu der Betrachter mit animierenden Bildern, Untertiteln und sanften Stimmen auf eine Weise aufgefordert wird, die auf lustig-ironische Art Erotik mit autogenem Training verknüpft. Den Höhepunkt (Orgasmus) bildet eine florale Explosion, die man gesehen haben muss, weil sie so schön ist und gleichzeitig die metaphorische Ebene so albern und überzogen ausspielt. Der Kater der Übersättigung indes folgt auf dem Fuß mit toten Insekten und Katastrophenbildern.

Jeder der gezeigten Filme ist auf eigenwillige Art total abgedreht, überfordernd, surreal, es geht um Klischees und Träume, etwa die von Teenagern, die sich wünschen, das Gesicht in einen Kuheuter zu drücken oder einen Fisch mit den Händen zu fangen.

Die Schau von Laure Prouvost zeigt eine Kunst, die den Betrachter vollkommen einnimmt und ihn in eine Welt entführt, die ihn so schnell nicht mehr loslässt. Eine Kunst, der man sich hingibt, in die man eintaucht und bei der man oft genug nicht genau weiß, was das alles bedeuten soll. Eine Kunst – und das ist selten genug – an die man sich lange und gerne erinnert.

MMK3, Frankfurt: bis 6.November.

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