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Laura Langer, „Liberty“.

Frankfurt

Laura Langer im Portikus: Unaufgeräumte Zimmer, ein gemalter Weckruf

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Laura Langers anspielungsreiche Ausstellung „Liberty“ im Frankfurter Portikus.

Man wird sofort hineingezogen. Fast hypnotisch saugt einen das Bild in den Raum. Dabei ist das Zentrum der Leinwand nur ein großer dunkler Kreis. Was zunächst abstrakt anmutet, gibt sich als Trompete von vorne zu erkennen. In Übergröße. Ein goldener Ring also mit einem grau-braunen, Tiefe suggerierenden Mittelpunkt. Wobei das Gold genaugenommen überhaupt nicht golden ist. Was vorgibt, Messing zu sein, zeigt im Wesentlichen die Spiegelung eines Zimmers. Einen Raum, der nicht der Frankfurter Portikus ist, in dem das Werk derzeit hängt. Denn der Ausstellungsraum ist – bis auf das Gemälde – vollkommen leer. Also versucht man über den gekrümmten Trompetenrand herauszubekommen, wo das Gemälde (oder sein Vorbild) entstanden ist. Man erahnt einen Heizkörper, einen Klamottenberg, einen Schuh. Es sieht unordentlich aus.

Tatsächlich gibt es in der Ausstellung der argentinischen Künstlerin Laura Langer mit dem Titel „Liberty“ noch einen zweiten Teil. Er versteckt sich auf dem Dachboden, den man über eine enorm schmale Treppe erreicht. Hier stehen sechs Leinwände aufgereiht auf einer Seite. Sie alle zeigen den fotografischen Print eines unaufgeräumten Zimmers, über große Teile der Bildoberflächen verläuft eine halbtransparente orange Farbschicht. Außerdem stehen da jeweils zwei Worte und ein Fragezeichen: „Und Ihr?“ Während die Bilder alle um neunzig Grad gedreht sind, steht die Schrift mal oben, mal unten, mal richtig, mal falsch herum. Unwillkürlich versucht man die Fragmente aus dem Trompetenbild in den anderen Gemälden wiederzufinden und auf diese Weise einen Zusammenhang herzustellen. Es könnte derselbe Raum abgebildet sein, ganz sicher ist das allerdings nicht.

Sie habe die Worte „Und Ihr?“ auf einem österreichischen Propaganda-Plakat aus dem Ersten Weltkriegt entdeckt, erklärt Laura Langer in einem Interview, das sie mit Portikus-Kuratorin Christina Lehnert geführt hat. Das Poster zeige einen Soldaten im Schützengraben und habe offensichtlich dazu gedient, dem Betrachter ein schlechtes Gewissen zu machen, so Langer, die 1986 in Buenos Aires geboren wurde, an der Frankfurter Städelschule studiert hat und derzeit in Berlin lebt. „Die Idee ist so einfach und so direkt, fast schon unanständig, bevormundend.“ Und sie funktioniert auch heute auf unterschiedlichen Ebenen immer wieder. Egal, ob man mit weinenden Kindergesichtern auf Werbeplakaten konfrontiert ist, mit Talkshows oder Protestbewegungen. Die Frage nach dem, was man selbst dazu beiträgt, die Welt in Ordnung zu bringen, lauert nicht nur hinter jeder Ecke, sie steckt auch als moralische Instanz tief in uns drin. Die Freiheit, von der der Titel spricht, ist in diesem Zusammenhang eine Illusion.

Dass das chaotische Zimmer als Metapher dient, „für die Unordnung in unserem Inneren“, wie die Künstlerin sagt, liegt vor allem deshalb nahe, weil sich die Mehrzahl der Bilder auf dem Dachboden befindet, was natürlich symbolisch für das Verdrängte in unseren Köpfen steht. „Womit ich kämpfe, wenn ich das unordentliche Zimmer sehe, ist Folgendes“, sagt Laura Langer: „Du weißt, dass es einfach ist, mit dem Aufräumen anzufangen, aber dieser konkrete Moment des Anfangens ist das Allerschwierigste. Es ist ein lähmender Moment.“ Die als Vorwurf gedeutete Frage „Und Ihr?“ ist für Langer ein Aufruf, den Hintern hochzubekommen. „Als ob die Schuld, die diese Frage aufwirft, dich dazu zwingt, endlich etwas zu tun.“

Zurück zur Trompete, die auf ein akustisches Ereignis verweist, das nicht stattfindet. Auch sie verströmt auf einmal eine fordernde Aura, schließlich hat auch sie einen Bezug zum Militär. Der Begriff Weckruf fällt einem ein. Zugleich scheint die Form auf dem Bild darauf zu verweisen, dass man das Chaos immer nur verzerrt und am Rande wahrnimmt. Während im Inneren ein tiefes Nichts herrscht.

Das alles ist so gut durchdacht, dass es fast schon wieder ein wenig platt anmuten könnte. Das Gute an dem Bild der Trompete ist allerdings: Wenn man möchte, kann man die inhaltlichen Interpretationen auch ruhig beiseite lassen und einfach nur schauen. Dann sieht man ein starkes, sehr selbstbewusstes Gemälde, das einen unmittelbar in seinen Bann zieht.

Portikus, Frankfurt: Bis 12. April. www.portikus.de

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