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Francis Bacon: Studie für ein Porträt von Lucian Freud (1964).

Malerei

Lage der Körper, Stand der Dinge

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Die Londoner Tate Britain zeigt Figürliches der vergangenen 70 Jahre, Berühmtes und Rares darunter.

Giacometti, Modigliani, Picasso – mit einer Retrospektive nach der anderen widmet sich Tate Modern wichtigen Künstlern des 20. Jahrhunderts vom europäischen Kontinent. Unterdessen versucht das ältere Haus Tate Britain nicht nur, den in seinem Namen enthaltenen Anspruch einzulösen, also britische Größen der jüngeren und jüngsten Kunstgeschichte zu zeigen. Die dortigen Kuratoren sind auch viel stärker daran interessiert, mehrere Künstler unter den Bogen einer Ausstellung zu spannen.

Für das jüngste Beispiel bediente sich Kuratorin Elena Crippa eines Buchtitels von Friedrich Nietzsche: „Menschliches, Allzumenschliches“. „All too Human“ führt mehr als 100 figürliche Gemälde zusammen, die überwiegend in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden. Unverkennbar knüpft die Ausstellung an ein Kunstereignis von 1976 an. Damals brachte der in London lebende US-Maler Ron Kitaj (1932-2007) unter dem Titel „Human Clay“ (Menschlicher Lehm) figurative Gemälde von 48 Londoner Malern zusammen, darunter Francis Bacon, Lucian Freud, Frank Auerbach und Leon Kossoff, und prägte den Begriff der „Londoner Schule“. Explizit wollte Kitaj die figürliche Malerei verteidigen gegen die damals bestimmende abstrakte Kunst. Drei farbenfrohe Gemälde von Kitaj sind auch jetzt zu sehen.

Zwei Drittel sind Leihgaben, darunter eine Porträtstudie Lucian Freuds von seinem Freund und Rivalen Francis Bacon. Auf diese Leihgabe aus einer Privatsammlung ist Tate-Britain-Direktor Alex Farquharson besonders stolz, war das Werk doch seit 1965 nicht mehr öffentlich zu sehen. Bacon (1909-1992) und Freud (1922-2011) sollen zwar das Herz der Ausstellung bilden, geben aber den Blick frei auf viele andere Talente und deren Beziehungsnetzwerk. „Wie Künstler das Leben in all seiner Intensität gemalt haben“, soll gezeigt werden. Dazu zählen viele Aktbilder, von Männern wie Frauen, darunter so berühmte wie Lucian Freuds „Schlaf vorm Löwenteppich“, mit der stark übergewichtigen Sue Tilley als Modell. Dass die damals beim Arbeitsamt Beschäftigte während einer Sitzung einschlief, verwundert nicht. Freud war berühmt dafür, seine Modelle über Wochen hinweg mit Beschlag zu belegen

Bacon hingegen ließ sich häufig von Fotografien seines Freundes John Deakin (1912-1972) inspirieren. Der Raum „Isolierte Figuren“ versammelt sieben seiner Gemälde aus den ersten zehn Nachkriegsjahren. Warum daneben aber eine der berühmten „Frauen von Venedig“ von Alberto Giacometti (1901-66) steht, einem Schweizer, der nie in London arbeitete, bleibt rätselhaft. Immerhin hat die Beschaffung der einzigen Skulptur in der ganzen Ausstellung wenig gekostet, gehört sie doch in die Tate-Sammlung.

Die britischen Kritiker reagierten unterschiedlich auf das Potpourri am Themse-Ufer. „Brillant und unerschrocken“ nennt Jonathan Jones die Ausstellung im „Guardian“, eine „berauschende Bestandsaufnahme“ lobt „Observer“-Kritiker Tim Adams. Waldemar Januszsczak in der „Sunday Times“ zeigt sich „enttäuscht wie selten“: Trotz manch großartiger Werke handele die Schau „von gar nichts“. Tatsächlich wird nicht recht deutlich, worin – abgesehen vom Figürlichen – die Gemeinsamkeit all jener großartigen Künstler besteht, deren Gemälde hier ausgestellt werden. Zwei der Räume verdeutlichen immerhin sehr schön den Einfluss zweier Künstler, die an Hochschulen lehrten. William Coldstream (1908-1987) prägte an der Slade-Kunstakademie Euan Uglow (1932-2000) ebenso wie Freud. Am damaligen Borough-Polytechnikum, der heutigen South Bank University, lehrte David Bomberg (1890-1957) nach dem Krieg eine ganze Gruppe den Umgang mit dem Zeichenstift, darunter Dorothy Mead, Leon Kossoff und Frank Auerbach.

Wie Kossoff und Auerbach ihre Stadt sehen, spiegelt sich in einer Reihe von Gemälden en plain air, ein festliches Menü für London-Begeisterte. Auch der 1935 geborenen Portugiesin Paula Rego, die seit vielen Jahrzehnten in der britischen Hauptstadt lebt, ist ein eigener Saal gewidmet. Ihre im Studio entstandene Kunst geht menschlichen Beziehungen auf den Grund; etwa „Die Familie“ (1988), in der sie die Pflege für ihren an Multipler Sklerose leidenden Mann thematisierte – eine faszinierende Mischung aus Liebe, Hilflosigkeit und Aggression.

Zum Schluss versuchen die Kuratoren ein Gegengewicht zur Kunst der toten oder jedenfalls sehr alten weißen Männer zu schaffen: Malerinnen wie Jenny Saville, Jg. 1970, oder Lynette Yiadom-Boakye, 1977, setzen die figürliche Tradition fort.

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