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Otto Dix, "Liegende auf Leopardenfell", 1927.

Otto Dix, August Sander

Was längst in der Luft lag

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In Liverpool zeigt die Tate zwei große Künstler der deutschen Zwischenkriegszeit: Porträtfotos von August Sander und Gemälde von Otto Dix.

Großbritannien im Sommer 2017. „Düster“ sei die Stimmung im Land, hat kürzlich die Königin mitgeteilt. Es herrschen Unklarheit über die Rolle in der Welt und Uneinigkeit daheim. Jüngste Abstimmungen offenbarten tiefe Gräben zwischen großen Städten und dem Land, zwischen der boomenden Hauptstadt und den englischen Regionen, zwischen Alt und Jung. Im Parlament herrschen unklare Verhältnisse, die Minister der Minderheitsregierung streiten öffentlich über den Brexit und seine Folgen. Die Brandkatastrophe von Kensington verdeutlichte den gähnenden Abgrund zwischen Arm und Reich, die auf engstem Raum zusammenleben.

Der Schriftsteller Robert Winder fühlt sich an die 1970er Jahre erinnert, an Streiks, soziale Unruhen, einen diffusen Zorn. Oder sind die historischen Parallelen noch dunkler, gibt es sogar Anklänge an die Weimarer Republik? Die Assoziation stellte sich bei manchen Kunstkritikern ein, die in den vergangenen Tagen über die neueste Ausstellung der Tate-Museen berichteten. „Eine Nation porträtieren – Deutschland 1919-33“ schmückt keines der beiden Londoner Haupthäuser, sie füllt den obersten Stock jenes umgebauten Liverpooler Kontorhauses mit Blick über den Mersey, das 1988 zu den ersten Anzeichen einer Wiederbelebung der darniederliegenden Hafenstadt gehörte.

Die politische Absicht der Kombination von August Sanders Porträtfotos und den kühlen Gemälden von Otto Dix sei mit Händen zu greifen, glaubt Waldemar Januszczak von der „Sunday Times“: „Die Show könnte nicht deutlicher auf all die irregeleiteten Brexit-Unterstützer abzielen.“ „Financial Times“-Kritikerin Jackie Wullschläger stellt Dix und Sander in eine Reihe mit anderen Projekten britischer Museen, etwa der Londoner Royal Academy, wo im Frühjahr sowjetische und US-Kunst der 1920er und 1930er Jahre zu sehen war, oder der Ausstellung „True to Life“ (Naturgetreu) mit britischen Gemälden aus jener Zeit in der Nationalgalerie von Edinburgh. Allesamt dienten sie als „Spiegel, der unser eigenes Zeitalter der Beunruhigung reflektiert“, glaubt Wullschläger.

Die Ausstellungsmacher weisen auf lange Vorbereitungszeiten hin, auf Jahre zurückliegende Absprachen – eine Reaktion auf die gerade ein Jahr zurückliegende Brexit-Abstimmung wäre so kurzfristig kaum möglich gewesen. Andererseits lag manches von dem, was durch die Volksabstimmung gebündelt wurde, längst in der Luft. „Der Fremdenhass, die Entfremdung vom Rest Europas, die nationalistische Pose – das alles hat eine groteske Vertrautheit“, beschreibt Januszczak seine Reaktion auf Sanders Porträts.

Der 1876 geborene Fotograf arbeitete Jahrzehnte lang an seinem Hauptwerk „Menschen des 20. Jahrhunderts“, zu sehen sind hier 144 Porträts aus der Republik- und Nazizeit, in strikter Abfolge chronologisch nebeneinander gehängt. Den Kontext stellen ausführliche Zeittafeln über wichtige politische und gesellschaftliche Ereignisse her. Gelächelt wird kaum, posiert ebenso wenig. Sander ordnet die Menschen in Gruppen: Bauern, Arbeiter, Musiker, Künstler. Aber jedes Porträt, ob Maurer, Polizist oder Sekretärin beim Westdeutschen Rundfunk, strahlt die Würde des Individuums aus.

Sander parallel mit Dix zu zeigen, das war die inspirierte Idee des Tate-Liverpool-Direktors Francesco Manacorda. Der Sander-Zyklus gehört der Sammlung Artists Rooms, einer Tate-Tochter. Die Dix-Ausstellung „Der böse Blick“ hat in diesem Frühjahr die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf zusammen- und ausgestellt, in Liverpool sind nur Teile daraus zu sehen. Das führt zu der kuriosen Situation, dass den (ausgesprochen lesenswerten) Katalog als Titelbild ausgerechnet ein Gemälde, nämlich das berühmte Bildnis der Tänzerin Anita Berber, ziert, das in Liverpool gar nicht zu sehen ist.

Immerhin ist der großartige Radierzyklus „Der Krieg“ von 1924 zu sehen, in dem der MG-Schütze Dix seine Alpträume aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs verarbeitete, schonungslos, bitter, brutal, nihilistisch. Ob sich heutige Briten in der Weimarer Republik wiedererkennen oder nicht – das Trauma des furchtbaren Gemetzels teilten jedenfalls Millionen einstiger Kriegsgegner diesseits und jenseits des Kanals

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