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Kurt Seligmanns „Die ungebetenen Gäste“: Ein Weltreich der Magie

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Von: Ingeborg Ruthe

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„Hexe“ von Kurt Seligmann (1948, Öl auf Leinwand) ist zu sehen in der Ausstellung „Surrealismus und Magie“ im Museum Barberini in Potsdam.
„Hexe“ von Kurt Seligmann (1948, Öl auf Leinwand) ist zu sehen in der Ausstellung „Surrealismus und Magie“ im Museum Barberini in Potsdam. © Martin Müller/Imago

Kurt Seligmann gehörte im Paris der 30er zur Surrealisten-Bewegung. Das Museum Barberini gewährt in der Ausstellung „Surrealismus und Magie. Verzauberte Moderne“ einen tiefen Einblick in das Werk des weitgehend unbekannten jüdischen Malers aus Basel.

Wie schön abstrus! Das möchte man ausrufen angesichts dieser seltsamen, unwirklichen Bild-Szene. Stammt sie aus einem Albtraum? Aus einem Hieronymus-Bosch-Gemälde von 1490? Oder aus einem Science-Fiction-Film der 1970er-, 1980er-Jahre?

Unheil liegt in der Luft. Und zugleich auch so etwas wie skurrile Lächerlichkeit, die dem Absurden innewohnt. Die „Ungebetenen Gäste“ führen ein bizarres Stück auf – unter bedrohlichen Wolkenwalzen eines genialen Bühnenbildes: Ritter-, Tod- und Teufel-Gestalten beim makabren Tanz. Albrecht Dürer hätte wohl seine Freude gehabt an den Knochengestellen in ihren grellfarbig wehenden Umhängen, in Harnisch, an den Amazonen-Gerippen mit nackten Brüsten. Und alle diese Erscheinungen haben Reptilienköpfe wie Aliens. Sie schwingen unter einem gelben Banner ihre bunten Tücher als Waffen.

Diese bühnenartige Szenerie kam im Kriegsjahr 1943 auf die Leinwand. Gemalt wurde sie von Kurt Seligmann, Jahrgang 1900. Der Sohn eines jüdischen Kaufmanns aus Basel gehörte einst zur Pariser Surrealisten-Bewegung um den Dichter André Breton. Er war der Freund von Max Ernst, Hans Arp, Alberto Giacometti, aber auch der selbsterklärte Lieblingsfeind von Salvador Dalí – wegen dessen profaschistischen Äußerungen. Seltsamerweise ist Seligmann nicht so weltberühmt wie die genannten Ikonen der Moderne. In den USA hatte man ihm seine heftige Kritik an dem wie ein Gott verehrten, über alle Anwürfe erhabenen Exzentriker Dalí übel genommen. Der Kunstbetrieb strafte damals schon jene mit Ignoranz, die sich nicht geschmeidig anpassten. Umso spannender ist es, dass wir in der laufenden Ausstellung „Surrealismus und Magie. Verzauberte Moderne“ des Potsdamer Museums Barberini durch Seligmanns hierzulande kaum gezeigten Bilder einen tieferen Einblick ins Lebenswerk des Malers, Grafikers und Schriftstellers bekommen.

Das im Zentrum der Ausstellung platzierte Gemälde ist eines von Seligmanns markantesten Exilbildern. Am 2. September 1939, am Tag nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen, war der Maler mit seiner französischen Frau Arlette aus Paris in die Vereinigten Staaten ausgewandert, das drohende Unheil ahnend. Der entfernte Verwandte der Kunstmäzenin Peggy Guggenheim (die auch Sammlerin seiner Bilder war) landete per Schiff in New York an. Die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten wurde seine Wahlheimat bis zu seinem Unfalltod im Jahr 1962. Seligmann malte die „Ungebetenen Gäste“ als monströses Gleichnis auf Terror, Krieg und Holocaust, womit die Nazis ganz Europa und die Welt überzogen.

Die Science-Fiction assoziierenden, wie auf einer Theaterbühne agierenden Wesen wirken wie Vorboten von Seligmanns 1948 veröffentlichtem Buch „Weltreich der Magie“. Man darf es lesen als Fortsetzung von Bretons Schrift „Manifest des Surrealismus“ über die subversive Kraft der Liebe. Im Zentrum des Surrealismus stand die Hinwendung zur Welt des Traums, des Unbewussten und des Irrationalen. Die Künstlerinnen und Künstler tauchten in das Ideenreich der Magie ein. In ihren Werken griffen sie auf okkulte Symbole zurück und pflegten so das Selbstbild eines Magiers, Sehers und Alchemisten.

Der Surrealist Seligmann beleuchtete in seinem Buch nichts Geringeres als die in weitem Bogen geschlagene Ideengeschichte der Magie vom antiken Mesopotamien, Persien, dem altägyptischen Isis-Kult bis hin zum Römischen Reich. Und dann weiter übers europäische Mittelalter und die Renaissance bis ins 18. Jahrhundert. Der Maler muss Tage und Nächte mit seinen Recherchen zugebracht haben, untersuchte wissenschaftlich das von den Surrealisten betriebene magische Weltverständnis im Zeitenwandel. Er verband mit seiner Malerei und Grafik Alchemie, Wahrsagerei, Gnosis, Hexenwesen, schwarze Magie, Tarot und Astrologie. Und natürlich die Kabbala. Das ist nicht die „geheime Lehre“ der Juden, wie oft fälschlicherweise bezeichnet, sondern die Lehre, das Geheime aufzuzeigen: Auch im Körper des Judentums atme, besagt die Kabbala, eine Seele, die „innere Weisheit“. Kabbala bedeutet „Erhalten“: die an Generationen übertragene, weitergegebene Weisheit.

Der Maler Seligmann hatte ein Leitmotiv, in seinen Bildern, in seinen Texten. Es war eine okkulte Vision des Universums als eines lebendigen Organismus, in dem „alles in allem enthalten und alles eins ist“. Er verwies in seinem Buch auf die schöpferischen Kräfte und den Einfluss auf die Natur durch die eigene Vorstellungskraft. Für ihn war das der „Kern aller Magie“ – in einer vom Terror und Horror des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs erschütterten Moderne. Der mit üppiger Fantasie gesegnete Idealist sah Magie als emanzipatorische Kraft an, um Gewalt, Angst und böse Mächte zu überwinden. So wurden ihm die monströsen „Ungebetenen Gäste“ zum Sinnbild für das Trauma, für Krieg und Faschismus. Die gesichtslosen Köpfe der kämpfenden Geister stehen für bedrohliche und zugleich kathartische Kräfte.

Die Szenerie ist auch eine Kindheitserinnerung an die Basler Fastnacht, diesen mittelalterlichen Brauch der Geisteraustreibung. Und an die rituelle Ikonografie der Totentänze. Seligmann versah die Kampfszene mit einem heller werdenden grünen Landschaftshintergrund unter den unheimlichen, einen Tornado ankündigenden Rollwolken. Ein Zeichen der Hoffnung? Mit einem gewissen Automatismus setzte er die Farben, drückte zerbrochenes Glas – wie zerbrochene Lebenswege, Pläne, Utopien – auf die Leinwand und zeichnete die dabei entstandenen Strukturen nach. Damit erreichte er den Eindruck, das Bildgeschehen sei zufällig entstanden, als surreales Gegenstück zu einer Wirklichkeit von Krieg, Zerstörung, Elend, Not und Flucht, die sich nicht malen ließ. Damals nicht und heute erneut nicht. Und so war und bleibt die Kunst wohl bis in alle Ewigkeit ein Mittel fürs Sinnbildhafte – und für die Hoffnung.

Museum Barberini , Potsdam. Bis 29. Januar. museum-barberini.de

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