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Kunstverein Frankfurt: Und Lepén wird zu Wurst

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Von: Lisa Berins

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„Digital Intercontinental Large Supermarkets“ von Andrea Muniaín. Norbert Miguletz/fkv (3)
„Digital Intercontinental Large Supermarkets“ von Andrea Muniaín. Norbert Miguletz/fkv (3) © Norbert Miguletz/fkv

Die spanischen Erzählungen im Kunstverein Frankfurt sind Lockerungsübungen für den gegenwärtigen Ernstfall. Von Lisa Berins

Manchmal hat das Fortsein etwas Befreiendes: Es entkrampft die allzu romantische Sichtweise auf ein Stück Welt – zum Beispiel den Ort der eigenen Kindheit -, es generiert ein neues Framing, vielleicht eine veränderte Identität. So ähnlich muss es María Alcaide erfahren haben, die als Künstlerin und Feministin in ihre Heimat, ein kleines Dorf nahe Jabugo, zurückkehrte. Die Region ist als Wiege des iberischen Schweins bekannt, Alcaides Eltern sind Metzger. Für ihren Film „Carne de mi carne“ (Das Fleisch meines Fleisches) wundert sich die Spanierin über einen schräg verzerrten Kosmos, über die ländliche Bubble, in der die Verarbeitung von Tieren zu Fleisch und Wurst die Lebensgrundlage der Menschen ist. Und sie verarbeitet die Schrägheit selbst mit dem Mittel der Verzerrung: Sie lädt nicht nur Verwandte und Teile der Gemeinde ein, in ihrem Film mitzuwirken, sondern auch das Schwein Lepén, dessen Name rein zufällig so klingt wie der einer französischen Politikerin. Es ist vielleicht gespoilert: Die Geschichte wird für Lepén nicht gut ausgehen. Der Film, den sich Besucherinnen und Besucher der Ausstellung „Wie geht es jetzt weiter?“ im Frankfurter Kunstverein von fleischschwartenartigen Sitzen aus anschauen können, ist eine von zwölf Positionen der zeitgenössischen spanischen Kunst, die analog zu den literarischen Erzählungen ein kleines Spektrum künstlerischer Narrative des Buchmessenlandes vorstellen.

Ausgesucht und kuratiert haben die Ausstellung Rosa Ferré, künstlerische Leiterin des Matmadero Madrid, und Ana Ara, ehemalige Programmleiterin desselben Museums. Es soll eine Anthologie von Kurzgeschichten sein, erklärt Ferré. Ausgangspunkt aller dieser Kunststorys seien die Krisen der heutigen Zeit; die ökologischen, geopolitischen, gesellschaftlichen. Die Frage: Wie geht es jetzt weiter? sei für die Künstlerinnen und Künstlern Anlass, sich mehr oder weniger fiktional mit Aspekten und gegenwärtigen Tendenzen auseinanderzusetzen. Viele Arbeiten sind extra für die Frankfurter Schau entstanden, einige auch direkt vor Ort.

Im „DILSS - Digital Intercontinental Large Supermarkets“, einer Installation von Andrea Muniáin, dudelt Easy-Listening über die Kopfhörer. Mit einem Shoppingtrolley streift man an den angebotenen Produkten vorbei: menschliche Körper und Körperteile, die in 3D-Ansicht virtuell zu kaufen sind, und virtuelle Möbel, die mittels Smartphone und Augmented Reality in die Umgebung gesetzt werden können.

Mit dieser Technik und jenen immergleichen Schema-F-Prototypen arbeiten Architektinnen und Architekten heute, erzählt die Künstlerin, die selbst Architektin ist. Der Link zur - wirklich existierenden - Plattform, auf der die menschlichen Uploads gekauft werden können, funktioniert. Durchsage über die Kopfhörer: „Wir wissen, dass das noch sehr teuer ist, aber wir arbeiten dran. Und wir sind gespannt darauf, was geschieht, wenn es leicht erschwinglich ist.“ In Muniáins Supermarkt, einer kühl-sachlichen, physischen Umsetzung der Online-Realität, wirkt diese Ansage noch nicht mal sonderlich bedrohlich – was natürlich an sich das Bedrohliche ist.

Unter einem Bettlaken türmt sich in der Filmarbeit „Schreber is a Woman“ des Kollektivs El Palomar Unheimliches auf. Dann hängen Würste an Schnüren vom Betthimmel, die von der Protagonist*in wahnhaft liebkost werden. Daniel Paul Schreber (1842-1911), auf den diese Arbeit Bezug nimmt, fühlte sich als Frau und wurde wegen einer Schizophrenie behandelt. In seinem Buch „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ (1903) dokumentiert er seine Psychose – El Palomar re-inszenieren seine Gedanken und Wahnvorstellungen aus queerer Sicht auf zwei großen Screens als „Techno-Operette“.

Ein Schnelldurchlauf durch die weiteren Erzählungen, die sich nicht immer von selbst erschließen (ein Begleitheft hilft): Eine Blaskapelle versucht in Fito Conesas Filmarbeit „Helicon“, vom Rande eines umgekippten Bergbau-Sees, die Apokalypse heraufzubeschwören. Im Treppenaufgang verstrickt das Künstlerinnenduo Momu & No Es in seiner Fensterglasinstallation „Calvary Chapel“ Meme-artige Aphorismen aus Alltag, Pop- und Internetkultur zum absurden Kreuzweg.

Hitler als Fisch im Aquarium und diverse kulturpessimistisch fabulierende Zeichnungen von Juan Pérez Agirregoikoa sind als eine Art Wandcomic zu lesen. Noa und Lara Castro tauchen mit dem Film „Sempre se encontra consolo“ (Man findet immer Trost) in das Unterbewusste und das Gedächtnis Galiciens ab. Auf den drei Bildschirmen der Installation „áfóñg“ der in Spanien bekannten Musikerin, Produzentin und Künstlerin Chenta Tsai alias Putochinomaricón prallt Digitalkultur auf Klischees über die taiwanesische Kultur: Winkekatzen, Udon-Nudeln und Selbstermächtigungs-Slogans fliegen durch trashige Computergrafik. Unter zwei überdimensionierten Blüten schrumpfen Besucherinnen und Besucher in der Relation zu insektengroßen Wesen: umgekehrte Machtverhältnisse zwischen Natur und Mensch. „10th of May 2016 (Cherry)“ von Petrit & Álvaro Urbano wurde schon 2020 in Madrid gezeigt, anlässlich der geplanten Hochzeit des Paars. Die Feier platzte wegen Corona.

Eine semifiktionale Story über die Vertreibung Indigener auf den Philippinen erzählt Paloma Polo. Den verfremdeten, aus Pappmaché geformten Giebel des sagenumwobenen Theaters El Arnau in Barcelona setzt Antoni Hervás seiner Installation auf: Es ist eine Reminiszenz an die opulenten Kulissen des Kabaretts und soll selbst eine Art Peepshow sein. In Regina de Miguels filmischer Arbeit führt eine weibliche Stimme auf einer mysteriösen Mission durch das All.

Vorschläge zur Fragestellung der Schau scheint es zu geben - in Form ironischer Lockerungsübungen oder mittelschwerer Dystopien. Oft gelingt noch die Kurve zum Fast-Happy End. Außer im Fall des Schweins Lepén. Das wird zu Wurst.

Frankfurter Kunstverein: bis 29. Januar 2023. www.fkv.de

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