Kunststreit

Reden, aber wie?

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Der Leipziger Kunststreit illustriert einen hochgerüsteten Kulturkampf.

Als das hehre Wort von der Kunstfreiheit fiel, erklang es wie ein verzweifelter, aber unerhörter Hilferuf. „Wir bekennen uns zur Freiheit der Kunst“ hatte der Vorstand der Leipziger Jahresausstellung e.V. (LIA) in einer Stellungnahme mitgeteilt, in der dieser den Ausschluss des AfD-nahen Künstlers Axel Krause bekanntgab und zugleich geschlossen zurücktrat. Wenig später wurde die Ausstellung ganz abgesagt. Zurück blieben verstörte Künstler, die zwar viel gegen die politischen Ansichten ihres Kollegen Krause einzuwenden haben, aber dessen Ausschluss von der gemeinsamen Präsentation gar nicht gefordert hatten. Nun soll die Ausstellung doch stattfinden, allerdings ohne Krause.

Das Leipziger Beispiel zeigt einmal mehr, wie vergiftet die gesellschaftliche Debatte ist und wie ratlos ihr begegnet wird. Noch ehe ein Streit ausgetragen werden kann, kommt es zur Kapitulation – mit beschämenden Folgen für die Eigenständigkeit und kommunikative Vielfalt, die der Kunst so gern nachgesagt werden. Es gibt zweifellos gute Gründe, die Gegenwart eines Künstlers für unerträglich zu halten, der sich sogleich als „entarteter Künstler“ stilisierte.

Dennoch ergeben die Vorgänge in Leipzig keinen Fall Krause, und vermutlich wäre die Auseinandersetzung mit ihm, wenn sie im Rahmen der Ausstellung überhaupt stattgefunden hätte, eher unspektakulär verlaufen. Eine gesteigerte Aufmerksamkeit verdient die Leipziger Verwirrung aber doch, weil an ihr das Scheitern einer Abwehr- und Ausgrenzungsstrategie gegenüber Gesinnungspopulisten sichtbar wird, die doch eben noch dazugehörten. Die aktuelle politische Dynamik tritt gerade auch in erstaunlichen Konversionen zutage.

Wie irritierend Begegnungen im kulturellen Milieu sein können, in dem rechts- und linksdrehende Säuren immer auffälliger ihre gegenläufige Wirkung entfalten, musste kürzlich der „Zeit“-Redakteur Ijoma Mangold erfahren. Ein Jahr nach dem Streitgespräch zwischen dem Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp und dem Dichter Durs Grünbein unternahm er eine Ortsbesichtigung in der Dresdner Buchhandlung Kulturhaus Löschwitz, die seit einiger Zeit mit dem Stigma leben muss, ein Treffpunkt rechter Bildungsbürger zu sein. Dabei war es weniger das Aufeinanderprallen von Argumenten, das nachdenklich machte. Eher kam bei dieser Nahaufnahme der Verlust einer gemeinsamen Sprache zum Vorschein.

Dabei wäre es an der Zeit, gegen einen Kulturkampf von rechts Stellung zu beziehen, ohne sogleich in die Angststarre zu verfallen, diesen gerade dadurch erst zu etablieren. Wer die Kraft dazu hat, sollte das Gespräch suchen, ohne sich gleich der absurden Polemik zu ergeben, Angela Merkel verfolge die Absicht, das Volk auszutauschen. Und man sollte, wie der in Princeton lehrende Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller vorschlägt, „nicht immer gleich mit der ‚Wahrheit‘ oder der ‚Vernunft‘ an sich kommen, wenn es darum geht, gegen Populisten zu argumentieren.“

Bei der Leipziger Jahresausstellung stand denn auch nicht gleich das hohe Gut der Kunstfreiheit zur Disposition, weil die Gegenwart eines Künstlers provozierte, dessen Gesinnung man weder teilen noch legitimieren mag. Tatsächlich ist Kunstfreiheit vor allem dann bedroht, wenn sie institutionell angegriffen wird, und das ist nicht nur die Spezialität einer sich immer deutlicher formierenden Kulturpolitik von rechts, insbesondere durch die parlamentarischen Möglichkeiten der AfD.

In diesem Sinne war die Entfernung eines Gedichtes von Eugen Gomringer an der Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule wenig überzeugend. Indem die Studenten auf ihre Deutungshoheit pochten und diese gegen das literarische Werk auch administrativ behaupteten, opferten sie auf fahrlässige Weise die Offenheit der Kunst für einen engstirnigen identitätspolitischen Triumph. Auch in diesem Fall wurde ein Sprachverlust evident, den es im politischen Widerstreit doch gerade zu verhindern gilt.

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