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Kunstskandal: Die heikle Sonne

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Von: Sandra Danicke

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Abstrakte Ornamente auf Batiktüchern. Foto: Frankfurter Hauptschule
Abstrakte Ornamente auf Batiktüchern. © Frankfurter Hauptschule

Kann ein Nazisymbol Kunst sein? Wenn das Kunstkollektiv Frankfurter Hauptschule in Aktion tritt, wird es kompliziert

Man kann die Angelegenheit positiv beschreiben: Im Aachener Kurpark hing ein Nazisymbol an einem historischen Gebäude, Bürger beschwerten sich, die Stadt ließ das Gebilde umgehend entfernen. Oder man formuliert es andersherum: Ein Frankfurter Künstlerkollektiv platzierte ein provokantes Kunstobjekt im öffentlichen Raum, hatte auch eine Genehmigung dafür eingeholt, doch das Ordnungsamt zensierte die Kunst. Beides richtig, beides falsch.

Traumfänger mit Sonne

Die Fakten: Das Künstlerkollektiv Frankfurter Hauptschule, bekannt für provokative Interventionen, eröffnete seine erste Einzelausstellung im Neuen Aachener Kunstverein. Mit dem Titel „kANzELKuLTuR“. Thema der Schau ist „der Zusammenhang von Rechtsruck, Romantik und Esoterik“. Bestandteil sind Arbeiten im öffentlichen Raum. Im Kurpark, in dem sich auch der Kunstverein befindet, wurde eine historische Kapelle mit einem zwei mal drei Meter großen, eisernen Traumfänger (Titel: „Osten ist rechts“) versehen, in dessen Zentrum sich statt des üblichen Fadengeflechts eine schwarze Sonne befand. Dies ist ein Erkennungssymbol der rechtsesoterischen bis rechtsextremen Szene, das bereits die SS verwendete.

Betrachtet man die bisherigen Aktionen der Frankfurter Hauptschule, dann kann man ausschließen, dass es sich bei ihnen um Künstlerinnen und Künstler handelt, die den Rechtsextremismus verherrlichen. Das gut zwanzigköpfige Kunstkollektiv aus Frankfurt sorgte zuletzt 2020 mit dem fingierten Diebstahl einer Beuys-Skulptur und deren Überführung nach Tansania für Furore.

Das Sonnensymbol, so erklärt ein Mitglied des Kunstkollektivs am Telefon, sei in Deutschland nicht verboten. Das sei aber nur einer von mehreren Missständen, auf die man mit der Aktion habe aufmerksam machen wollen. Es gebe in Deutschland ein starkes „Faschisierungsproblem“, das von einer Bewegung ausgehe, die sich aus Querdenkern, Verschwörungstheoretiker, Nazis und Esoterikern zusammensetze. Die Proteste gegen den Traumfänger, so das Kollektivmitglied, das seinen Namen nicht nannte, seien teilweise aus dieser Szene gekommen, aber wohl auch aus dem linken Spektrum.

Gegen die Entfernung der zusätzlich im Kunstvereins-Garten installierten Batiktücher in Reichsflaggenoptik habe der Direktor Maurice Funken gerade noch einschreiten können.

Selbstredend war die Aufregung aus der Bevölkerung berechtigt. Nazisymbole gehören nicht in den öffentlichen Raum. Behördlich genehmigt war denn auch nicht das Sonnensymbol, sondern der Traumfänger, das Ornament hatte man bei Antragstellung verschwiegen, es habe noch nicht festgestanden.

Und natürlich hat die Frankfurter Hauptschule den Skandal einkalkuliert. „Dass es Ärger geben würde, haben wir uns gedacht“, gesteht das Kollektivmitglied. Man habe jedoch eher damit gerechnet, dass die Arbeit in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zerstört würde, nicht damit, dass der Staatsschutz eingreift“. Die Aufregung darüber erscheint indes ein wenig vorgeschoben, schließlich will das Kunstkollektiv genau das erreichen, was passiert ist: Dass über seine Arbeiten und deren politischen Inhalte diskutiert wird.

Entlarvend scheint immerhin die Tatsache, dass die Menschen, deren Haltung mit der Aktion angeprangert werden sollte, sich offenbar tatsächlich gemeint gefühlt haben.

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