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Documenta Fifteen: Abgesehen vom Antisemitismus „partiell“ ein Genuss

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Von: Lisa Berins

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Wie ist die Documenta Fifteen in Kassel abseits von Antisemitismus-Vorwürfen einzuschätzen? Der Kunsthistoriker Grunenberg über den künstlerischen Wert.

Herr Grunenberg, wie ist die documenta fifteen künstlerisch zu bewerten?

Wenn man versucht, die documenta fifteen abseits der Diskussionen um den Antisemitismus zu betrachten und als Kunstausstellung wahrzunehmen, erkennt man ein mutiges kuratorisches Konzept, das eine radikale Form von Kunst präsentiert. Es ging nicht um das individuelle Genie und abgeschlossene Werk, sondern um ein partizipatives, aktivistisches und politisches Arbeiten wie ein Aufzeigen von globalen Zusammenhängen und Abhängigkeiten. Im Hinblick auf die ästhetische Erfahrung war die Ausstellung allerdings sehr herausfordernd.

War es denn wirklich Kunst, was dort zu sehen war?

Es ist natürlich schwierig, Aktivismus, kollektive Aktionen oder Partizipation auszustellen – und genau das war ein Problem der documenta fifteen. Nach dem 20. Dokumentarvideo war auch ich etwas frustriert. Es brauchte sehr viel Zeit und Muße, sich in jede Arbeit hineinzudenken, den kulturellen Kontext zu verstehen und die politische Haltung nachzuvollziehen. Was nicht heißt, dass sich diese Erfahrungen nicht gelohnt hätten.

Ein künstlerischer Genuss war die Documenta aber nur partiell: Die Documenta-Halle war fantastisch, dort wurden Performance und Teilhabe in einer visuell sehr attraktiven und spielerischen Weise dargestellt. Ein Highlight war auch die Arbeit von Hito Steyerl, die ihr Werk dann leider zurückgezogen hat. Traditionelle Medien waren aber unterrepräsentiert, abgesehen von Richard Bells großem Auftritt, dessen Gemälde ebenfalls einen Höhepunkt darstellten. Daneben hatten viele Exponate etwas Handgemachtes, etwas allzu Missionarisches und Gutgemeintes. Das mag zugegebenermaßen aber auch ein vorgefasster, westlicher Blick auf Kunst sein.

Kassel: Documenta Fifteen war „ein starkes Statement, sogar ein Wendepunkt“

Die Kunstausstellung documenta fifteen geht bis zum 25. September. „Ein künstlerischer Genuss war die Documenta nur partiell“, sagt Christoph Grunenberg. Foto: Swen Pförtner/dpa.
Die Documenta Fifteen in Kassel: „Ein künstlerischer Genuss war die Documenta nur partiell“, sagt Christoph Grunenberg. © Swen Pförtner/dpa

Die Herausstellung des Prozesshaften ist in der Kunst ja nichts Neues – und dokumentarische Verfahren in der bildenden Kunst sind auch nichts, was es nicht schon gegeben hätte. War die documenta fifteen denn vom künstlerischen Aspekt her wirklich so revolutionär?

In der Konsequenz und Konzentration, in der sich die Arbeiten auf der Documenta derart weit vom traditionellen künstlerischen Objekt entfernten: ja. Es war schon ein sehr starkes Statement, sogar ein Wendepunkt, möchte ich sagen. So etwas hat man in dieser Größenordnung auf einer Ausstellung mit der Bedeutung der Documenta noch nicht gesehen. Das gab es vielleicht auf kleineren Biennalen und der Manifesta, aber noch nicht in diesem Format.

Das Kollektiv Ruangrupa aus Indonesien als künstlerische Leitung zu benennen, ihm die Zügel in die Hand zu geben, es frei arbeiten zu lassen, war eine durchaus visionäre und couragierte Entscheidung. Ruangrupa hat Kollektiven aus der ganzen Welt ein Forum gegeben. Es ging um die Fragen: Kann die Kunst Veränderung bewirken – gesellschaftlich, sozial, politisch, in Fragen der Identität, auch in Ländern, in denen es zum Beispiel keine Meinungsfreiheit gibt? Kann die Kunst diese Rolle erfüllen? Das kann sie, und das hat diese Ausstellung bewiesen.

Christoph Grunenberg, Leiter der Kunsthalle Bremen. Foto: Melanka Helms.
Christoph Grunenberg, Leiter der Kunsthalle Bremen. Foto: Melanka Helms. © Melanka Helms

Zur Person

Christoph Grunenberg (geb. 1962) ist Kunsthistoriker, Kurator und seit 2011 Leiter der Kunsthalle Bremen. Der gebürtige Frankfurter studierte Kunstgeschichte in Mainz, Berlin und London. Im Jahr 2007 war Grunenberg Vorsitzender der Turner-Preis-Jury.

Was kommt nach diesem Wendepunkt?

Das ist die große Frage. Will man die documenta fifteen wiederholt sehen? Vielleicht eher nicht. Vieles wird leider auch vergessen werden. Ich bezweifle auch, ob es zu einem fundamentalen Wandel in der Kunstwelt führen wird – auf dem Kunstmarkt wird es wahrscheinlich kaum Spuren hinterlassen. Allerdings denke ich schon, dass die documenta fifteen unsere Wahrnehmung von Kunst im außereuropäischen Kontext grundlegend verändert hat.

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Was wäre für die nächste Documenta logisch und folgerichtig?

Die Documenta ist eine unglaublich wichtige Institution mit einer langen und beeindruckenden Geschichte, und sie sollte weiterbestehen, auch als hervorragendes kulturelles Aushängeschild und Leuchtturm, der gerade nicht in Berlin, sondern mitten in Deutschland, in Kassel, existiert. Die Prozesse und Organisationsstrukturen müssen sich natürlich verändern, wie auch schon die Diskussion bei der letzten Documenta um das Defizit gezeigt hat. Die Freiheit und Unabhängigkeit des Kuratorenteams und der Leitung muss dabei aber gewährleistet sein.

Die Documenta hat immer die Aufgabe gehabt, ein Schlaglicht auf die zeitgenössische Kunstproduktion zu werfen. Die Frage ist jetzt: Bleibt man bei dieser Linie, dass man die Ausstellung vor allem politisch interpretiert? Oder gibt es einen Rückschlag, und man zeigt eher traditionellere Kunstformen, die ein Starkurator oder eine Starkuratorin auswählt? Die Benennung der nächsten künstlerischen Leitung wird auf jeden Fall eine sehr brisante und schwierige Aufgabe werden.

(Das Interview führte Lisa Berins)

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