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Kunstbiennale in Venedig: So viele Körper, dann aber auf einmal das Leben selbst

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Von: Sandra Danicke

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Loukia Alavanou: Still aus „On the Way to Colonus“ im griechischen Pavillon. Foto: Loukia Alavanou
Loukia Alavanou: Still aus „On the Way to Colonus“ im griechischen Pavillon. © Loukia Alavanou

Und plötzlich steht man in Griechenland – ein Rundgang durch die Länderpavillons in den Giardini bei der Biennale in Venedig.

Zur Biennale – man kennt das – sind Venedigs Giardini voller Körper. Gemeint sind nicht nur jene Menschen, die geduldig Schlange stehen – vor den Eingängen von Pavillons, an Imbissständen, vor den Toiletten. Das ist optisch natürlich ein Genuss, weil sich die meisten auf höchst fantasievolle Weise aufgebrezelt haben. Gemeint sind aber auch die Leiber auf Leinwänden und Podesten.

Diesmal, so will es einem scheinen, sind es besonders viele, was womöglich mit der Pandemie zu tun hat. Man hatte – bevor der Krieg gegen die Ukraine begann – ja zeitweise vor allem mit sich selbst zu tun. Und weil dieser Krieg unser Denken und Fühlen derzeit so enorm bestimmt, wirken zahlreiche Werke auf dieser Biennale ein wenig aus der Zeit gefallen. Man fragt sich: Was soll das?

Warum soll man sich an organisch geformten, pastellfarbenen Mosaikskulpturen erfreuen, wie sie Zsófia Keresztes im ungarischen Pavillon zeigt? Etwa weil sie absurderweise in Ketten liegen? Warum soll man sich im rumänischen Pavillon in der Arbeit von Adina Pintilie zwischen nackte Leiber stellen, die auf zahlreichen Filmleinwänden überlebensgroß gleichgeschlechtlichen Sex simulieren? Oder in die kreischbunten Pop-Plastiken von Ashley Hans Scheirl und Jakob Lena Knebl, einem, wie die Namen schon verraten, queeren Paar, das für Österreich in den Ring gestiegen ist, um die Welt ein wenig schriller zu machen.

Nun, vermutlich wäre einem derlei auch ohne Krieg reichlich banal vorgekommen. Es gibt an diesem Ort wahrlich Präsentationen, die der Betrachterin Substanzielleres zu denken geben. Angefangen bei Simone Leigh, die im US-Pavillon aus schwarzen weiblichen Skulpturen mit afrikanischer Baukunst eine schlüssige Verbindung schafft, über Pilvi Takalas Mehrkanal-Videoinstallation im finnischen Pavillon, in der man Beschäftigte einer Security-Firma bei internen Workshops beobachten kann, bis hin zum nordischen Pavillon, der diesmal von drei indigenen Sámi bespielt wird, was politisch korrekt ist, letztlich allerdings wie eine rückwärtsgewandte Folklore-Ausstellung ausfällt.

Besonders viel zu denken hat man traditionsgemäß im Deutschen Pavillon. Ein aufgeladener Ort, an dessen Geschichte sich bereits zahlreiche Künstlerinnen und Künstler abgearbeitet haben. Hier hat Maria Eichhorn Putz von den Wänden schlagen und Fundamente ausgraben lassen. Schon wieder? Fragt man sich da unwillkürlich. Ja, richtig, Hans Haacke hatte bereits 1993 den Boden des politisch belasteten Gebäudes aufhacken lassen, doch Eichhorn, bekannt (unter anderem) für Arbeiten, die sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinandersetzen, ließ noch ein wenig tiefer graben.

Deutscher Pavillon, gestaltet von Maria Eichhorn.
Deutscher Pavillon, gestaltet von Maria Eichhorn. © AFP

Auf der letzten Documenta hatte die Künstlerin ein Regal voller Bücher aus den Beständen der Zentral- und Landesbibliotheken präsentiert, die jüdischen Bürgerinnen und Bürgern geraubt worden waren. Sie hatte ein Institut gegründet, dessen Aufgabe es war, die Menschen zu finden, die Besitzerinnen und Besitzer gestohlener jüdischer Kunst- und Kulturgüter zu ermitteln. Das war stark. Diesmal geht es um staatlich-territoriale Entwicklungen, doch das Ergebnis ihrer Recherchen wirkt in etwa, als schlage man ein altes Geschichtsbuch auf. Man erfährt Dinge, die man noch nicht wusste, aber sie haben auf das eigene Empfinden und Denken keinen Einfluss.

Man starrt also auf Steine und Erdkrümel, schaut auf Fundamente (letzteres ist naturgemäß doppeldeutig gemeint) – und kann sich ein Gähnen nicht verkneifen. Was hier sichtbar wird, ist Geschichte, ja, man erkennt (sofern man sich zusätzlich informiert), dass der Pavillon, der einst ein bayerischer war, von den Nationalsozialisten erweitert wurde. Man erkennt auch die Überreste einer Arbeit – ein U-Bahn-Eingang –, die Martin Kippenberger 2003 an diesem Ort installiert hat. Und dann geht man hinaus und denkt: Ach.

Und landet mit etwas Glück im griechischen Pavillon, wo man aus allen Wolken fällt. Loukia Alavanou hat hier eine Arbeit mit dem Titel „Oedipus in Search of Colonus“ installiert, die leistet, was man sich von großartiger Kunst erhofft – dass man durch sie Erfahrungen macht, dass man etwas erlebt, was das Denken beeinflusst, dass man sie mit jeder Faser des Körpers fühlt.

Der Raum ist dunkel, darin befinden sich Sitzgelegenheiten, die wie eine Mischung aus Sessel und Behandlungsstuhl anmuten. Man setzt eine VR-Brille auf – und ist in einer anderen Welt. Man sitzt im Käfig zwischen Raubvögeln. Dreht sich nach rechts, nach links – doch die Illusion ist vollkommen. Sie umfasst 360 Grad und dauert 17 Minuten.

In dieser Zeit bewegt man sich durch einen Slum am Rande Athens – ein Ort, er heißt Nea Zoi, an dem Menschen im Müll leben, nach ihren eigenen Regeln. Dieser Ort ist real. Er wird von Roma bewohnt, die sich in den achtziger Jahren in einer Landschaft zwischen Hügeln angesiedelt haben. An einem Ort, der idyllisch sein könnte, wenn nicht überall Abfall läge, wenn die Menschen nicht in zusammengeschusterten Hütten hausen müssten, wenn hier nicht Bandenkriege herrschten.

Eine der Skulpturen von Simone Leigh im US-Pavillon.
Eine der Skulpturen von Simone Leigh im US-Pavillon. © AFP

Alavanou hat ihren Film mit den realen Bewohnerinnen und Bewohnern gedreht. Sie fühlen sich von der Gesellschaft abgelehnt, sie werden abgelehnt. Das Stück, das sie aufführen, eine Adaption von Sophokles’ Drama „Ödipus auf Kolonos“, entspricht dem, was sie selbst erlebt haben und erleben: Nach Jahren der Verbannung erscheint der vergreiste, blinde Held am Hügel Kolonos bei Athen, um zu sterben. Man will ihn dort aber nicht haben, er soll dahin zurückkehren, wo er herkam. Auch die Roma kamen einst an diesen Ort unweit des historischen Kolonos, um Ruhe zu finden. Auch sie mussten feststellen, dass sie verachtet wurden. Trotzdem blieben sie, bauten sich ihre eigene Welt aus den Resten der Zivilisation.

Mit der Brille auf dem Kopf durchwandern wir diesen Unort, landen in verschiedenen Wohnungen, umringt von Menschen, die zum Teil irritierende Clowns- oder Tiermasken tragen, uns bisweilen aber auch ganz offen ins Gesicht sehen. Sie stehen dort, konfrontieren uns mit ihrer Gegenwart – und wir können nicht weg. Sind 17 Minuten lang ein Bestandteil der Szenerie, die bedrückend wirkt, aber keine billige Anklage ist. Ein Effekt, der so viel stärker erlebt wird, als jede Fernsehdokumentation. Danach, man kann es nicht anders sagen, wirkt vieles, sehr vieles, was in den Länderpavillons gezeigt wirkt, vollkommen blutleer. Man muss es sich vielleicht an einem anderen Tag anschauen.

Hinterher steht man wieder zwischen all diesen Menschen, ist Teil dieser Welt, die – obwohl mitten in Europa – von jener der Roma nicht weiter entfernt sein könnte. Immerhin weiß man in diesem Augenblick von der Existenz einer Realität, die gar nicht weit von hier täglich gelebt wird. Man mag davon Kenntnis gehabt haben, jetzt aber hat man sie für einige Minuten gefühlt.

Biennale Venedig: bis 27. November.

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