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Autogramme vom Weltkünstler: Picasso signiert 1950 in Nizza Schals einer FDJ-Delegation.
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Autogramme vom Weltkünstler: Picasso signiert 1950 in Nizza Schals einer FDJ-Delegation.

Picasso-Ausstellung in Wien

Die Kunst der Verharmlosung

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Pablo Picassos Beziehung zur Kommunistischen Partei: Eine große, eine großartige, eine großartig missglückte Ausstellung. Das liegt daran, dass sie die zentrale Frage, warum Picasso 1944 in die Kommunistische Partei eintrat, gar nicht stellt.

Fast zu spät. Aber nur fast. Noch bis zum 16. Januar ist die Ausstellung in der Wiener Albertina zu sehen: „Picasso – Frieden und Freiheit“ (danach läuft sie in Humlebæk, Dänemark). Eine große, eine großartige, eine großartig missglückte Ausstellung. Sehenswert! Mehr als 140 Objekte. Von Zeitungsausschnitten und Fotos bis zu den großformatigen Variationen über Manets „Frühstück im Freien“ und Delacroix’ „Die Frauen von Algier“.

Die Idee der Ausstellung ist, einen Überblick zu geben über Picassos „Kommunistische Periode“, über den Picasso der Friedenstaube, der Stalin-Porträts. Das ist beeindruckend gelungen. Man erfährt hier, wie stark Picasso, der im Oktober 1944, nachdem Paris im Sommer von den Deutschen befreit worden war, in die Kommunistische Partei Frankreichs eintrat, sich als Künstler aber auch finanziell engagierte. Man erfährt nicht nur, dass zu Picassos täglicher Lektüre die kommunistenfreundliche Tageszeitung Le Patriote de Nice et du Sud-Est gehörte, sondern auch, dass er sie durch großzügigste Spenden am Leben erhielt.

Man erfährt von den Auseinandersetzungen, die es um Picassos Stalin-Zeichnung in der kommunistischen Zeitschrift Les Lettres Françaises gab. Ein junger, großäugig-melancholisch in die Welt schauender Stalin. So stand sein Kopf in der Mitte der Seite 1 der Ausgabe der Zeitschrift, die zu seinem Tod (5. März 1953) erschien. Flankiert von einem Artikel des Chemie-Nobelpreisträgers Frédéric Joliot-Curie über Stalin, den Marxismus und die Wissenschaft und einem Essay von Aragon über Stalin und Frankreich.

In der Partei wogte Empörung. Stalin sei der Vater des Volkes und habe gefälligst auch so dargestellt zu werden. Das Sekretariat der KP distanzierte sich von der Zeichnung und befahl der Zeitschrift, eine Reihe missbilligender Leserbriefe zu veröffentlichen, „damit sie zu einer positiven Kritik beitragen mögen“. Picassos Reaktion scheint nicht überliefert zu sein.

Ohne das geringste Zögern

Gegenüber der amerikanischen kommunistischen Zeitschrift New Masses beschrieb Picasso sein kommunistisches Engagement folgendermaßen: „Ich kam zum Kommunismus ohne das geringste Zögern, da ich letztlich immer dabei gewesen war. … Ich bin immer im Exil gewesen. Jetzt bin ich es nicht mehr; bis Spanien mich endlich wieder willkommen heißen kann, hat mich die Französische Kommunistische Partei mit offenen Armen aufgenommen. Ich habe dort all jene gefunden, die ich am meisten schätze... und all diese Gesichter, so schön, der Pariser, die ich während jener Tage im August bewaffnet gesehen habe. Ich bin einmal mehr unter meinen Brüdern.“ In John Richardsons Picasso-Biographie kann man eine andere Version lesen. Picasso sei im Sommer 1944 für einen Moment sehr von de Gaulle eingenommen gewesen. Dann habe er den Fehler begangen, der Einladung zu einem Essen mit führenden Gaullisten gefolgt zu sein. Die seien so rechtsradikal gewesen, dass er vor lauter Schreck der KP beigetreten sei.

Was das zentrale Thema angeht, ist die Ausstellung radikal missglückt. Sie stellt nicht wirklich die Frage, warum Picasso Mitglied der Kommunistischen Partei wurde. Dass in der Sowjetunion Millionen Menschen Opfer der Politik der KPdSU geworden waren, wusste Picasso. 1944 war der Künstler kein junger Mann mehr, der ahnungslos den gewieften Propagandisten der KP ins Netz ging. Er wusste Bescheid über die Rolle der Sowjetunion im Spanischen Bürgerkrieg. Er hatte unter den Kommunisten Freunde, das stimmt. Aber er hatte sie auch unter Anarchisten und Trotzkisten.

Am 25. Oktober 1944 wurde Picasso 63 Jahre alt. Er war der berühmteste Künstler der Welt. Er hatte seit Jahrzehnten allen politischen Vereinnahmungsversuchen jeder Partei widerstanden. Warum jetzt der Eintritt in die Kommunistische Partei? Es war – Paris war befreit – kein Akt des Widerstands mehr.

Völlig daneben ist der Untertitel der Ausstellung: „Frieden und Freiheit“. Wäre es Picasso um Freiheit gegangen, hätte es fast nur bessere Adressen gegeben als eine stalinistische kommunistische Partei.

Der Katalog: keine Hilfe

Der Katalog hilft auch nicht weiter. Die Beiträge von Kuratorin Lynda Morris referieren die Überlieferung. Sie reflektieren sie nicht. Unterkomplexeres zum Verhältnis Kommunistische Partei und Künstler wurde selten geschrieben. Morris bringt es fertig, von Picassos „unermüdlichem Einsatz für die Freiheit und seine Unterstützung des Kommunismus“ zu sprechen, als sei es dasselbe. An keiner Stelle wird die Frage nach Picassos Haltung zu den Gefangenen, zu den Ermordeten im Archipel Gulag gestellt.

Morris bringt es fertig und nennt die von der Sowjetunion dirigierten Friedenskongresse, die Picasso unterstützte, „linksorientiert“. Lynda Morris ist keine junge Frau, sie wurde 1947 geboren und gilt als eine der herausragenden Kuratorinnen Englands. Wir haben es bei ihren Texten also nicht mit Naivität, sondern mit Propaganda zu tun.

Die Ausstellung leidet darunter, aber sie nimmt nicht wirklich Schaden. Man betrachtet etwa die großen Bilder aus dem Jahre 1952, „Krieg“ und „Frieden“, nachdem man noch einmal die Zeitgeschichte und Picassos Versuch, sich darin auch parteipolitisch zu verorten, gesehen hat, ganz anders. Sie schienen zunächst gar zu dekorativ. Als seien sie als Wandteppiche (447 mal 1010 Zentimeter) geplant gewesen. Nun erkennt man nicht nur, was an alten Motiven hier recycelt wurde, sondern man ahnt auch, wie schmerzhaft es war, das immer wieder thematisieren zu müssen.

Doch dann wendet man sich zurück zur Wucht von „Das Leichenhaus“ von 1944/45 und muss erkennen, dass das Dekorative doch nicht ganz zum Verschwinden zu bringen ist. Man streift noch einmal schnell durch die Ausstellung und entdeckt, wie sehr das politische Engagement zur Verharmlosung des künstlerischen beigetragen hat. Die Friedenstauben, die Blumensträuße, der melancholische Stalin – das ist alles in seiner Harmlosigkeit, in seiner Verharmlosung nicht zu ertragen. Eine große Lektion zum Thema Engagement.

Albertina, Wien: bis 16. Januar. Vom 11. Februar bis 29. Mai im Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, Dänemark. Der Katalog ist bei DuMont erschienen, 275 Seiten, 39,95 Euro.

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