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"Kaffeehaus" heißt dieses Gemälde von Bedri Eyüboglu von 1973.
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"Kaffeehaus" heißt dieses Gemälde von Bedri Eyüboglu von 1973.

Ausstellung in Berlin

Die Kunst, sich im Hamam zu waschen

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Die Ausstellung Istanbul Next Wave zeigt zeitgenössische Kunst aus Istanbul in der Berliner Akademie der Künste und im Martin-Gropius-Bau. Von Harry Nutt

In Lifestyle- und Gourmetmagazinen wird Istanbul seit einiger Zeit als hippe Attraktion mit Geheimnisbonus gehandelt. Die Stadt am Bosporus hat einfallsreiche Köche und Designer angelockt, die das flirrende Nebeneinander von Orient, Okzident und Lebensstil als Geschmacksverstärker zu nutzen wissen. Goldenes Horn und Topkapi, das In-Gefühl der jüngsten Moderne speist sich gerade aus der beschleunigten Verarbeitung aller greifbaren Einflüsse und Traditionslinien.

Und die Kunst? In einem Beitrag für die Berliner Ausstellung "Istanbul Next Wave", die hierzulande erstmals einen großen Überblick über zeitgenössische türkische Kunst versucht, begibt sich Ausstellungskurator Cetin Güzelhan auf die Spuren des Kulturwissenschaftlers Aby Warburg, der schon früh an dem Nachweis gearbeitet hatte, dass der osmanische Orient aus demselben kulturellen Erbe schöpfe wie der europäische Okzident. Kulturelle Identität wird gewissermaßen immer den Wassern der zurückliegenden Globalisierungswellen entnommen. Die in den beiden Häusern der Berliner Akademie der Künste und dem Berliner Martin-Gropius-Bau gezeigte Ausstellung Istanbul Next Wave ist so gesehen als Webebewegung zwischen Bestandsaufnahme, Vor- und Rückgriffen zu betrachten.

Es ist schade, dass der Überblicksgedanke durch die Verteilung der Werke auf drei Orte empfindlich beeinträchtigt wird. Die unterschiedliche thematische Fokussierung entschädigt nur bedingt die komplizierten Laufwege durch die Stadt, die schon mal damit kokettiert, die meisten türkischen Einwohner westlich von Istanbul zu haben. Ermöglicht wurde das ambitionierte Ausstellungsprojekt denn auch durch die symbolträchtige Städtepartnerschaft der beiden Metropolen.

Anschluss und Abgrenzung

Im Martin-Gropius-Bau ist der Blick auf die türkische Moderne eher traditionell und chronologisch. Aus der Sammlung des Museums Istanbul Modern werden Arbeiten von 1928 bis 2008 gezeigt, die das künstlerische Bemühen um Anschlüsse an die europäische Moderne ebenso dokumentieren wie das Bestreben nach Abgrenzung und die Behauptung von Eigenständigkeit.

Das Istanbul Modern ist indes selbst ein kleines Wunder der Kunstwelt. Innerhalb weniger Jahre ist hier ein ambitioniertes Museum beinahe aus dem Nichts entstanden, das nun den Anspruch erhebt, die türkische Kunstmoderne zu repräsentieren. "Das großartige Zeitalter" heißt eine Collage von Burhan Dogancay, auf dem Abbildungen industrieller Großprojekte neben orientalischen Mustern und Palimsesten wie an den Rändern aufgerollte Tapetenreste ins Bild gesetzt sind. Überlagern, durchdringen, verdichten. Das Papier wächst auf beinahe organische Weise aus der Leinwand heraus.

Zu den Werken jüngeren Datums gehört ein großformatiges Porträt der deutschen Schauspielerin Alexandra Maria Lara, das Ramazan Bayrakoglu aus Stoffapplikationen zusammengenäht hat. Was aus der Distanz wie eine fototechnische Solarisation anmutet, erweist sich unmittelbar vor der Leinwand als geheimnisvolles Stoffgewebe mit unvernähten Fäden. Das Gesicht aus dem Filmmagazin wird so im buchstäblichen Sinn an traditionelle Handarbeit zurückgebunden.

Im eindrucksvollsten Teil der Ausstellung werden in der Akademie der Künste am Pariser Platz Werke von siebzehn Künstlerinnen aus Istanbul präsentiert, die auf leichtfüßige Weise die Existenz einer weiblichen Kunstszene am Bosporus markieren. Der Anschluss an die europäische Moderne wird hier liebevoll ironisiert.

Mit staunender Neugier beugt sich in einem Bild von Necla Rüzgar eine Frau mit rotem Kopftuch über einen in Filz eingepackten Flügel mit rotem Kreuz. Der Beyus-Klassiker wird aus seinem reflexiven Kontext entfernt und gewissermaßen für seine kulturelle Neuausrichtung gestimmt. "Boden unter meinen Füßen, nicht den Himmel" ist der Titel dieses Ausstellungsparts, der das Motto einer Frauen-Demonstration aus dem Jahr 1987 aufgreift, bei der sich rund 3000 Demonstrantinnen explizit gegen die verklärenden Vorstellungen von Weiblichkeit in der türkischen Gesellschaft wandten.

Traditionelles Badehaus für Männer

In ihrer performativen Radikalität erinnern die Performances und Videoarbeiten von Sükran Moral an die österreichische Künstlerin Valie Export. Für ihre 30-minütige Arbeit "Hamam" hat sich die Künstlerin in ein traditionelles Badehaus für Männer begeben. Ihre irritierende Anwesenheit im Männerrefugium und die Indienstnahme der Körperpflegerituale durch männliche Masseure lädt die Szene zum Tabubruch auf, entsexualisiert sie aber zugleich wieder durch die demonstrative Langsamkeit der gewöhnlichen Reinigungsrituale. Sükran Moral geht dorthin, wo es der gesellschaftlichen Konvention weh tut, aber sie entzieht der Szene zugleich ihre dramaturgische Energie.

Der Prozess der türkischen Zivilisation, soll das wohl sagen, verläuft auf seine Weise über Männer- und Frauenfantasien sowie dem Verhältnis von Nacktheit und Scham. Dass eine sexuelle Revolution in der islamischen Welt aussteht, hat unlängst die in Berlin lebende Autorin Seyran Ates provokant konstatiert. Am Pariser Platz wird der Gedanke auf unaufdringliche Weise mit einer Bildspur unterlegt.

Angesichts der eminent politischen Ausdrucksweise der siebzehn Künstlerinnen klingt es paradox, dass sich der dritte Ausstellungsteil in der Akademie der Künste am Hanseatenweg "Sechs Positionen kritischer Kunst aus Istanbul" widmet. Krieg, Genozid, Folter und Befreiung sind hier die Themen und dienen dem Gesamtkonzept als Ausweis dafür, dass keine künstlerische und diskursive Position ausgespart werden sollte.

Wie heikel eine explizite Thematisierung der Armenienfrage in der türkischen Gesellschaft nach wie vor ist, wurde auf der Pressekonferenz mit Bürgermeister Klaus Wowereit und seinem Istanbuler Amtskollegen Kadir Topbas deutlich. Ausweichen, nichts Falsches sagen war hier die Devise. Einfache Schlussfolgerungen über eine so komplexe Gesellschaft erweisen sich ohnehin als falsch. Die gegenwärtige türkische Gesellschaft, heißt es auf einer Tafel, ist "demokratisch, globalisiert, patriachal, neoliberal und nationalistisch zugleich". Die Kunst kann sich dazu so oder so verhalten.

Berlin, Akademie der Künste, am Pariser Platz sowie im Hanseatenweg und im Martin-Gropius-Bau: bis 17. Januar 2010. Im Steidl-Verlag ist ein Katalog erschienen, der 20 Euro kostet.

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