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Cindy Sherman, "Untitled #123", 1983.

"Local Histories"

Kunst schreibt Geschichten

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"Local Histories" machen die Rieckhallen zur Erzählbühne ? auch über Möglichkeiten der Berliner Museen.

Berlin mag es an so manchem fehlen, an allen Ecken und Enden und aufgrund seiner Geschichte und veritabler politischer Fehlentscheidungen. Aber eines ist die Stadt mitnichten: arm. Im Gegenteil. Sie ist schwerreich.

Berlins Staatliche Museen mit ihren 19 Ausstellungshäusern unter dem Dach der Stiftung Preußischer Kulturbesitz besitzen 5,3 Millionen Kunstobjekte. Viele sind unvergleichlich: die Büste der ägyptischen Amarna-Königin Nofretete im vor Jahren wunderbar restaurierten Neuen Museum. Ebenso die mit nichts aufzuwiegenden mittelalterlichen Skulpturen im Bode-Museum. Und die Alte-Meister-Schätze des Botticelli, Altdorfer, Cranach, des Rembrandt und Vermeer in der oft so unverdient menschenleeren Gemäldegalerie (mit kläglichen etwas über 300.000 Besuchern im Jahr) und ihres wunderbaren Kupferstichkabinetts am ebenso oft menschenleeren Kulturforum. Dazu wären da die Rodins, Schadows, Caspar David Friedrichs in der Alten Nationalgalerie, die Antiken im Alten Museum.

Und in Charlottenburg hängen und stehen die erlesenen Picassos, Braques, Klees, Matisses, Giacomettis der Berggruen-Sammlung. Oder im Hamburger Bahnhof die kardinalen Werke von Beuys, Warhol, Kiefer, Richter, Polke, Roth, Baselitz.

Aber alles in allem fanden in den vergangenen zwölf Monaten – in dieser jederzeit touristenprallen Stadt – insgesamt bloß rund 3,5 Millionen Besucher in all die unverwechselbaren Sammlungen. Zum Vergleich: Allein im Pariser Louvre waren es mehr als acht Millionen. Wie viele würden es mehr, wenn Berlin künftig einen eintrittsfreien Museumstag im Monat eingerichtet hat? Das ist zumindest ein Zeichen in einer Stadt, die schon 1997 die Lange Nacht der Museen erfunden hat, welche mittlerweile auf der ganzen Welt erfolgreich nachgeahmt wird. In einer Stadt, in der Kunstfreude aus Nah und Fern stundenlang Schlange standen, um in der Sonderschau der Nationalgalerie die Bilder aus dem New Yorker MoMA zu sehen.

Warum haben die Berliner und ihre Abermillionen Gäste anscheinend inzwischen so wenig Lust auf die Kunst von einst und heute? Die Staatlichen Museen beschlossen das überaus wechselvolle vergangene Jahr – und das dürfte die Besucherzahlen so drastisch gemindert haben – vor allem mit einer Baustellen-Bilanz: Das Humboldt-Forum-Schloss, das die Schätze der geschlossenen Dahlemer Museen aufnehmen wird, entwickelt sich stetig, aber zäh. Das weltberühmte Pergamonmuseum steckt in der Generalsanierung. Ihren potenziellen Besuchern kann auch die an der Spree leuchtende, von Chipperfield erbaute James Simon Galerie mit ihrer Massentourismus-Kanalisierungsfunktion auf lange Zeit noch nicht dienlich sein.

Und die Neue Nationalgalerie – dieser besuchermagnetische Mies-van-der-Rohe-Tempel an der Potsdamer Straße – steckt ebenso unter Baunetzen. Gleich in der Nachbarschaft soll ein Neubau für die Nationalgalerie die Kunst des 20. Jahrhunderts aufnehmen. Zukunftsmusik.

Derweil aber braucht es Ideen, wie all die Kunst, gerade auch die der jüngeren Zeit, auch ohne die geplanten oder noch lange nicht fertigen Traum-Ausstellungshäuser ans Publikum gebracht werden kann, statt sie in den Depots zu versenken. Man kann die Werke woanders in der Stadt zeigen. Man könnte aus dem reichen Plastik-Bestand der Neuen Nationalgalerie zum Beispiel kleine Ausstellungen machen, etwa vor wenigen Wochen zum 100. Geburtstag des Berliner Bildhauers Waldemar Grzimek, dieses „Wanderers zwischen Ost und West“, in dessen Biografie sich das deutsch-deutsche Nachkriegsdilemma abzeichnet und plastisch erzählt werden könnte.

Und man kann Ausstellungen machen, in denen das Bekannte wieder zu etwas Besonderem wird, mit anderen Blicken betrachtet, in anderen Konstellationen und zeitlichen Zusammenhängen gesehen: Etwa im Museum der Gegenwart, im Hamburger Bahnhof, mit seinen Sammlungen Marx und Flick, um die andere Moderne-Museen der Welt die Nationalgalerie beneiden. Hier besann man sich gerade wieder auf das, was man einst ankaufte oder geschenkt bekam. Was man ohne teure Expansion und Warten auf spektakulärere Locations auch attraktiv im eigenen Hause zeigen kann.

Das Publikum fährt heutzutage ab auf Events. Dann soll es die auch bekommen. Aber bitte kunstvertiefende. Die müssen weder laut oder schrill sein, noch aus kostspieligen Leihgaben von sonst woher bestückt werden. Ideen. Ideen. Ideen. Die wurden vom Publikum belohnt, als der vormalige Leiter des Hamburger Bahnhofs, Eugen Blume, zum Amtsabschied die Werke Joseph Beuys’, zumeist aus der Sammlung Marx, in den Kontext zur Kunst der letzten Jahrhunderte setzte. Und die wurden geschätzt vom Publikum, als seine Amtsnachfolgerin Gabriele Knappstein im Frühjahr mit „Hello World“ das Experiment einer Sammlungs-Revision wagte und Echo erzielte.

Klug, leidenschaftlich, originell mit dem arbeiten, was man hat und gut aufbereitet zeigen, was es besagen kann und was es wert ist. Endlich wieder: Mit der großen Schau „Local Histories“ wird die viel zu oft menschenleere Kirchenstille in den Rieckhallen am Hamburger Bahnhof gebrochen: Man hört Schritte, Gemurmel, Zurufe, Stimmen, die ablesen, was Wandbeschriftungen und Schilder neben den Bildern, Skulpturen, Installationen bedeuten.

Die Ausstellung bezeichnen ihre Macher als „Experiment“. Die dialogische Versammlung von Werken aus der vertraglich bis 2021 verbleibenden Kollektion Friedrich Christian Flick – jenem Großteil, den der Mäzen der Nationalgalerie noch nicht geschenkt hat – und deren Sammlungen zum späten 20. Jahrhundert will Geschichten, vor allem von folgenreichen Begegnungen erzählen.

Ein sympathisches Anliegen, das Populäreres verspricht, als es die erlesene, am internationalen Kanon orientierte, zugleich aber sperrig intellektuelle Flick-Sammlung bislang hergab. Die Kuratorin Matilda Felix hat für die ehrgeizige Ausstellung gut recherchiert. Die knapp 70 Werke sind exzellent gehängt, aufgestellt, dialogisch arrangiert. Und sämtlich ergänzt mit informativen Texten.

Wer also nichts oder nur wenig weiß über Donald Judd, Carl André, Sol LeWitt, Bruce Nauman, Jenny Holzer, Hanne Darboven oder Jason Rhoades, muss sich die Bezüglichkeiten erlesen. Und er darf staunen, welche Spitzenwerke der späten Moderne sich seit Jahren unter dem Dach des Hamburger Bahnhofs wie im Depot der gerade in Generalrekonstruktion befindlichen Neuen Nationalgalerie befinden.

37 Künstler führt die Reihung auf, prominente Namen, zusammengebracht in Momentaufnahmen der Szenen in New York und Düsseldorf der 1960er- und 70er-Jahre, dem Köln der 1980er und dem Berlin ohne Mauer sowie dem Los Angeles der 1990er-Jahre. Der geneigte Betrachter wird erfahren: Wer hat wen inspiriert? Wer arbeitete mit wem zusammen? Welche Galerie förderte zu welcher Zeit welche Künstler?

Leitfaden durch die Schau ist ein 1964 in New York erschienener Zeitungsartikel des Bildhauers Donald Judd, dessen abstrakte, geometrisch-kantige Aluminium-Skulpturengruppe aus der Flick-Collection eine Halle füllt. Der Amerikaner hatte sich unter dem Titel „Local History“ wütend gegen traditionelle Unterscheidungen von Stilen und Gattungen gewandt, die ungezwungene Begegnung mit Kunst verlangt, wider alle Dogmen. Etwa: Abstrakter Expressionismus kontra Figuration oder Skulptur gegen Malerei.

Judd forderte einen undogmatischen Umgang, der auch nicht voraussetzt, dass die Betrachter zuvor Kunstvorlesungen belegt haben müssen. Und so stehen seine Skulpturen wie auch die minimalistischen Bilder der Ausstellung in einer lebhaften Beziehung zu ebenso in den Raum ausgreifenden Arbeiten. Etwa einer krude-bunten Autoblech-Skulptur von John Chamberlain. Und zu geometrisch-minimalistischen Wandobjekten von Frank Stella, Josef Albers, Robert Morris und George Brecht wie zu der witzigen Pop-Art-Installation aus Pepsi-Werbung und Gipsbandagen-Figur auf der Leiter von George Segal.

Segals Freund und Kollege Allan Kaprow bekämpfte auf seine Weise die „Klischees aus den akademischen Fachbereichen der Kunst“. In der solle es nicht mehr primär um die Herstellung von Werken gehen, sondern um „lebensweltliche Dinge und Erfahrungen“. Und an der Kunstakademie Düsseldorf vereinten sich 1962 – als ironische Kontrahenten des Diktats des „abstract painting“ made in USA und des dogmatischen Sozialistischen Realismus in der DDR zur Gruppe „Kapitalistischer Realismus“: Sigmar Polke, Gerhard Richter, Manfred Kuttner und Konrad Lueg (später wurde aus dem Maler der Avantgarde-Galerist Konrad Fischer) leiteten eine figurativ-poppige Malerei in Westdeutschland ein, die sich mit aktionistischen Kunstformen verband. Aus dieser Zeit stammen Richters surrealistischer „Vorhang“ und Polkes ironischer „Kartoffel-Maschinen-Apparat, mit dem eine Kartoffel die andere umkreisen kann“. Mit Lust an der Ironie war die Grenze zwischen Malerei und Skulptur eingerissen.

Der Amerikaner Robert Smithson traf 1968 im Ruhrpott das Fotokünstlerpaar Hilla und Bernd Becher, deren Thema die Ruinen des Industriezeitalters waren. Smithsons sperrige, ortsspezifische Skulpturen „Nonsite: Oberhausen“ – mit Schlacke befüllte Stahlkästen samt schnappschussartiger Fotos von Halden und Landkarten der stillgelegten Kohle-Zechen und Stahlwerke – zeigte Konrad Fischer 1970 erstmals in seiner Düsseldorfer Galerie. Nun werden sie in den Rieckhallen abermals zum ultimativen „Industriedenkmal“ – wenige Tage vor Heiligabend war auf der Zeche Prosper Haniel in Bottrop endgültig Schicht im Schacht.

Architektur als Körper begriffen der Bildhauer Paul McCarthy aus Los Angeles und sein Schüler Jason Rhoades gleichermaßen. Beide ließen sich von der Malerei Picabias inspirieren und trieben dessen kühl-erotische Figuren ins Dreidimensionale und Kuriose. Rhoades’ skurriler, vertrackter, nicht funktionstüchtiger Flugapparat mit Putzkolonnen-Zubehör dürfte seine Qualitäten als (optischer) Familienspaß entfalten, derweil sich im Saal mit buntschimmernden Skulpturen von Isa Genzken und szenischem Großfoto von Turner-Preisträger Wolfgang Tillmans durch die Spiegelung der jeweiligen Kunst in der des anderen anregende Freundschaft offenbart.

Der schlüssigste Raum der Ausstellung indes ist der mit dem Titel „Eau de Cologne“. Monika Sprüth, heute eine der wichtigsten Galeristinnen Berlins, gründete 1985 in Köln eine mit einem eigenen Kunstmagazin begleitete feministische Plattform für Künstlerinnen wie Rosemarie Trockel, Jenny Holzer, Barbara Kruger und Cindy Sherman. Krugers monumentaler Siebdruck warnt 1990 wie eine Kampfansage: „Gib’ acht auf den Moment, wenn Stolz sich in Verachtung wandelt.“

Die Arbeit stammt nicht aus der Flick-Kollektion, sie gehört Sprüth. Aber Shermans Selbstbildnis von 1983, wo die Amerikanerin sich im Schwimm-Dress demonstrativ emanzipiert auf zwei Stühle setzt, wurde von ihm weitsichtig angekauft. Er hatte damals die Kritik an der fatalen männlichen Dominanz im Kunstbetrieb sofort erfasst. Auch das ist eine so lokale wie globale Geschichte.

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