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Die teilweise geschmolzene Wachsskulptur Urs Fischers, Replik einer Marmorskulptur Giambolognas, ist eine der Attraktionen im neuen Museum Pinaults.
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Die teilweise geschmolzene Wachsskulptur Urs Fischers, Replik einer Marmorskulptur Giambolognas, ist eine der Attraktionen im neuen Museum Pinaults.

Pinault Collection

Kunst in der Bourse de Commerce: Die neue Museumsmeile von Paris

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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Wo einst Weizen lagerte, zeigt nun der französische Milliardär François Pinault Kunstwerke.

Die Jahre des Exils sind ausgestanden, François Pinault ist zurück in Paris. Jahrelang hatte sich der 84-jährige Unternehmer und Kunstmäzen mit seiner Stadt überworfen und seine Sammlung im Zorn nach Venedig ausgelagert. Am Pfingstwochenende hat er in bester Lage in Paris die „Bourse de Commerce – Pinault Collection“ eingeweiht. 50 Jahre lang werden er und seine Nachfolger dort das Sagen haben. Um es vorwegzunehmen: Das Unternehmen ist geglückt.

Rundum geglückt, könnte man angesichts der originellen, aber keineswegs gesuchten Bauweise sagen. Der Rundbau zwischen Louvre und Les Halles geht auf das 18. Jahrhundert zurück, als Paris noch der Nabel der Welt war. Unweit der Seine und der Markthallen schufen französische Kapitalisten 1720 eine ringförmige Lagerhalle für Getreide. Später wurde daraus eine Handelsbörse, und über dem Kreisgebäude entstand eine mächtige Glaskuppel. Der Anspruch einer weltumspannenden Handelsmacht äußert sich durch ein riesiges Wandgemälde, das sich im Innern um die ganze Börse zieht.

Vielleicht inspirierte diese Vorgeschichte Pinault, der mit Marken wie Yves Saint-Laurent, Gucci oder Puma selbst ein Vermögen gemacht hat – und das Unternehmen Kering längst an seinen Sohn François-Henri abgetreten hat. Die 45 Milliarden Dollar, die er laut Forbes daraus gezogen hat, investiert er heute in zeitgenössische Kunst. Als er sie vor zwanzig Jahren in Paris zeigen wollte, brüskierte ihn die Stadt so lange, bis er seine Pläne auf die Seine-Insel Séguin außerhalb des Stadtgebietes verlegte. Auch dort stieß der Selfmademann aber auf bürokratische Hürden, so dass er seinem Land schließlich den Rücken kehrte und seine Sammlerstücke nach Venedig verfrachtete: 2006 kaufte er dort den Palazzo Grassi, 2009 die Punta della Dogana.

Aber so ganz glücklich war keine Seite. Pinault umso weniger, als sein großer Rivale in Sachen Geld und Kunst, der LVMH-Gründer Bernard Arnault, am Rand von Paris 2014 die „Fondation Louis Vuitton“ eröffnete. Vielleicht brachte dies den nach Venedig Abgewanderten dazu, wieder Kontakt mit Paris aufzunehmen.

Bald verfiel man jedenfalls auf die Idee der Handelsbörse, die meist leer stand, außer wenn sie an einigen Sonntagen als Wahllokal diente.

Die Idee war gut. Zumal Pinault für die Baukosten von 160 Millionen Euro allein aufkam. Weniger megaloman als die Vuitton-Stiftung im Stadtwald von Boulogne, ist die Bourse de Commerce ein harmonischer, obschon markanter Teil des historischen Stadtzentrums. Anders als so viele Kulturstätten – wie etwa das „andere“ Ringmuseum der Guggenheims in New York – wurde sie nicht in ein bestehendes Viertel gepflanzt. Im Gegenteil, die Gebäudefassaden der anliegenden Straßen passten sich dem Rundbau an, um dazu die gleiche Distanz zu halten und die früher hohe Brandgefahr zu reduzieren.

Heute liegt die Pinault-Börse auf einer Linie mit dem Musée du Quai Branly (außereuropäische Kunst) und dem Musée d’Orsay (Impressionismus) sowie über die Seine bis zum Louvre und Centre Pompidou (Moderne). Ebenfalls städtebaulich kreuzt die neue Pariser Museumsmeile die historische Prunkachse Bastille-Louvre-Tuilerien-Champs-Elysées-Triumphbogen auf einer eleganten Diagonale. Und Pinault leistet mit seiner Handelsbörse einen gewichtigen zeitgenössischen Beitrag dazu.

Dass die Ausstellungsfläche auf 13 000 Quadratmeter ausgedehnt werden konnte, ohne dass der Rundbau seinen Charakter verliert, ist Pinaults Lieblingsarchitekten Tadao Ando zu verdanken. Der 79-jährige Japaner pflanzte in die leere Rotunde einen knapp zehn Meter hohen, nach oben offenen Betonzylinder von etwas kleinerem Durchmesser. Damit schafft er unauffällig Raum und Klarheit; zugleich wahrt er die Kreisstruktur und den unvergleichlichen Lichteinfall durch die Glaskuppel.

In diesem Licht prangt im Mittelpunkt des zentrierten Raums eine Skulptur von Urs Fischer. Ihre Eigenheit besteht darin, aus Wachs zu sein, weshalb sie mit der Zeit und mithilfe einiger Dochte schmelzen wird. Dieser Raub der Sabinerinnen war zwar schon in Venedig zu sehen. Doch das zum Licht strebende, von der Sonne irgendwann zersetzte Werk passt eindrucksvoll als Ouvertüre der ersten Pinault-Schau in Paris: Zum einen erhält das neue Leben der Börse gleich auch seine Vergänglichkeit aufgezeigt; zudem nimmt die Skulptur das Thema des alten Börsen-Freskos auf, als wäre sie eigens für ihr neues Zuhause geschaffen worden.

Fischers Monument ist der gemeinsame Nenner, der Magnet der Kollektion. Danach geht es aufwärts über die Treppen zwischen den Zylinderschalen. Auf drei Stockwerken warten sieben Galerien. Sie zeigen insgesamt nur 200 Objekte, weshalb man sich nach dem Besuch auch nicht erschlagen fühlt. Ein Einheitsthema gibt es nicht, die Galerien führen ein eigenständiges Leben und greifen flexibel auf Pinaults gewaltigen Fundus von 10 000 Kunstwerken zurück.

Die Gestaltung ist so offen und frei, dass man fast meinen könnte, das einzige Konzept laute „His Master’s Choice“. Immerhin ist Pinault auch einer der einflussreichsten Händler zeitgenössischer Kunst, wie das Magazin „ArtReview“ befand. Bei seinen Schätzen scheut er vor politischer Aktualität nicht zurück – und schafft einen Kontrast zum alten Gemäldepanorama der Börse, das auch die Missionierung halbnackter dunkelhäutiger Menschen zeigt.

Mehr Platz als irgendwo in Europa – das behauptet zumindest das neue Museum – räumt Pinault den Werken von David Hammons ein. Der 78-jährige Afroamerikaner aus Chicago zerlegt kompromisslos schwarze wie weiße Alltagsobjekte vom Basketball über eine Haftzelle bis hin zum Fahrrad im Central Park. Auch das heimliche Meisterwerk der Ausstellung kommt aus Amerika: „Sesta“ des jungen Brasilianers Antonio Obá erinnert an Van Goghs Weizenfelder, nur sind die Hauptpersonen im Mondlicht erstens ein junger Schwarzer mit einer Schere und zweitens eine verstörend dunkle Scharte im Korn, die sich bei näherem Hinschauen als Katze entpuppt.

Sehr präsent sind mehrere deutsche Künstler, deren Arbeit Pinault seit langem verfolgt – Florian Krewer, Thomas Schütte oder Martin Kippenberger. Auch in dessen Kaleidoskop „Jeder ist seines Glückes Schmied“ (1983) fallen heute aktuelle Aussagen auf, wie etwa: „Mein Vater machte sich an mich ran.“

Starke Momente vermitteln auch die Fotografien in der Galerie 3. Selbst Cindy Sherman muss sich in der verdichteten Auswahl mit einem Platz im Halbdutzend abfinden. Vielleicht auch, weil in Paris erst Ende 2020 eine ganze Sherman-Schau zu sehen war – organisiert von Pinaults Konkurrenten Arnault in der Vuitton-Fondation.

Bourse de Commerce – Pinault Collection , Paris: www.pinaultcollection.com

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