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Cady Noland: Mutated Pipe, 1989.

MMK

Kunst für die Gegenwart

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Direktorin Susanne Pfeffer gelingt am Frankfurter MMK ein grandioser Auftakt, angeführt von Arbeiten Cady Nolands.

Das Erste, was man sieht, ist eine Schaukel. Ein Gestell, an dem drei Autoreifen an Gliederketten baumeln; man kennt das von Spielplätzen. Doch so, wie jetzt hier, im Frankfurter Museum für Moderne Kunst, hat man dieses Ding noch nicht gesehen. Wie es da so steht, im grellen Museumslicht vor kahlen Museumswänden, kommt einem das harmlose Kinderspielzeug plötzlich auf gespenstische Weise brutal vor. Unwillkürlich denkt man an einen Galgen. Und fragt sich: Sieht das wirklich immer so aus? 

Die Antwort ist: ja. Und: nein. Weil Cady Noland, deren Arbeit hier gezeigt wird, das Objekt, das den Titel „Publyck Sculpture“ trägt, durch einen gezielten Eingriff überspitzt hat: Sie hat das hölzerne Gestell mit Aluminium überzogen und es damit nicht nur kälter, härter erscheinen lassen. Formal rückt sie das Gerät durch diese kleine Modifikation in die Sphäre der Minimal Art. 
Das genau ist die große Kunst der US-amerikanischen Bildhauerin, dass ihre Arbeiten Räume aufladen, formal und inhaltlich. Dass man immer etwas wiedererkennt und weiterdenkt und dass man zugleich ein abstraktes Arrangement vor sich hat, das eine auratische Spannung erzeugt. 

Dabei sind es – von einigen Prangern abgesehen – meist ganz banale Dinge, die Noland (geboren 1956) uns vor Augen führt. Fußmatten, US-Flaggen, Bierdosen, Drahtkörbe, Kartoffelchips, Zäune, Absperrungen – Gegenstände, die im gesamten Gebäude des MMK so beiläufig und zugleich präzise angeordnet sind, dass man manchmal schon vorbeilaufen möchte und dann doch jedes Mal sehr genau schaut. Einen Greifer erkennt, mit dem man Müll von der Straße aufhebt, einen Postkartenständer, eine Schablone für ein EXIT-Schild, Gehhilfen, Grillrostzangen. Zeug, das man auch sonst ständig sieht, nur dass es in dieser Ausstellung durch die geschickte Anordnung so seltsam gnadenlos und verstörend wirkt. 

Das liegt zum Teil an der Kombination mit Dingen, die man als Europäer eben doch nicht so häufig sieht, wie Waffen oder Handschellen – Gegenstände, die in den USA in vielen Gegenden seit je zum Alltag gehören. 

An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass die mehr als 80 Werke in dieser Ausstellung fast ausschließlich aus den 1980er und 1990er Jahren stammen. Von selbst käme man da gar nicht drauf. Alles wirkt so erschreckend zeitgemäß. Auch wenn jene Kunstwerke, die sich mit der Verwurstung von Prominenten durch Medien auseinandersetzen, lange vor Facebook und Instagram entstanden sind. 

Die ins Absurde kippende Sensationsgier von Populärmedien (an der sich bis heute nicht das Geringste geändert hat) demonstrieren Arbeiten, in denen Noland Zeitungsmeldungen zitiert wie jene, die auf die neue Frisur von Charles Manson bei einem Gerichtstermin abhebt, bei dem es immerhin darum geht, ob der psychopathische Kommunenführer und seine Vollstreckerinnen zum Tode verurteilt werden.

Susanne Pfeffer ist mit dieser ersten Ausstellung als Direktorin des Frankfurter MMK ein großer Wurf gelungen. Nicht nur deshalb, weil es sich dabei um die allererste große Werkschau einer sich rar machenden, bedeutenden Künstlerin handelt. Nicht nur, weil die Arbeiten – die von struktureller Gewalt durch urbane Möblierung ebenso handeln, wie sie den amerikanischen Traum als psychopathisches Konstrukt entlarven – so messerscharf eine Moderne analysieren, die ohne Einschränkungen in die Gegenwart wirkt. Auch, weil es ihr gelungen ist, die beiden anderen Ausstellungsorte des MMK thematisch an die Noland-Schau anzubinden, ohne dass dadurch Doppelungen entstünden. Pfeffer hat die drei so unterschiedlichen Räume auf sehr schlaue Weise zusammengedacht, auch wenn man das womöglich erst auf den zweiten Blick realisiert. 

Die Ausstellung im MMK Zollamt (das nun nicht mehr MMK 3 heißt, was die Zuordnung erheblich erleichtert) präsentiert eine Videoinstallation der britischen Filmkünstlerin Marianna Simnett (geboren 1986). „Blood in my Milk“ ist der Titel des auf zahlreichen großen Bildschirmen laufenden Films, der zugleich absurd, dokumentarisch, sinnlich und eklig anmutet.

Es geht darin unter anderem um ein junges Mädchen, das sich verstümmelt, um ihre Attraktivität zu zerstören und damit ihre Unschuld und Freiheit vor möglichen Angreifern zu bewahren. Übergangslos wird man als Betrachter plötzlich Zeuge einer merkwürdigen Venenoperation, man wird mit Kühen und deren (entzündeten) Eutern konfrontiert, fühlt sich von deren Größe und Nähe regelrecht belästigt und findet sich schließlich Auge in Auge mit Kakerlaken, die in Laborversuchen in ferngesteuerte Biobots transformiert werden, um in für Menschen unbewohnbare Gebiete vordringen zu können. 

Es ist kaum möglich, das alles in einen linearen Zusammenhang zu bringen. Wieder und wieder sieht man Haut, Fleisch, Messer, Spritzen – eine überbordende, brutale, grenzverletzende Sinnlichkeit, die beim Zuschauen schmerzt und regelmäßig in surrealen Szenen mit irrationalen Bezügen gipfelt. Dass es auch hier darum geht, gesetzte Machtstrukturen zu hinterfragen und Grenzen hinter sich zu lassen – man spürt es, bevor man es richtig begreifen kann.

Worum es in der Ausstellung „Weil ich nun mal hier lebe“ im MMK Tower (so der neue Name) geht, liegt sofort auf der Hand: um Ausgrenzung durch Rassismus und strukturelle Gewalt in Deutschland. Gleich die erste Arbeit, für die der serbische Filmregisseur ?elimir ?ilnik 1975 die 30 Bewohner der Münchner Metzstraße 11 nacheinander im Treppenhaus aufmarschieren lässt, demonstriert, dass das Leben in Deutschland kein Spaziergang ist – zumindest, wenn man aus dem Ausland stammt. Es sind vor allem Menschen, die als so genannte Gastarbeiter in die BRD gekommen sind. Die meisten von ihnen wollen am liebsten möglichst bald wieder in ihre Heimat. 

Man braucht viel Zeit für diese Ausstellung, die vorwiegend aus Filmbeiträgen besteht, viele davon haben dokumentarischen Charakter. Zum Beispiel die Arbeit des unabhängigen Recherchekollektivs Forensic Architecture, das 2017 von einer Gruppe namens „Tribunal NSU-Komplex auflösen“, die sich mit der Aufklärung der NSU-Morde befasst, damit beauftragt wurde, die Zeugenaussage von Andreas Temme zu überprüfen. Der ehemalige Verfassungsschützer war vor Ort, als am 6. April 2006 in Kassel Halit Yozgat in seinem Internetcafé von Mitgliedern des NSU ermordet wurde. Temme behauptet, dass er weder die Schüsse gehört, noch den Körper des Toten gesehen habe. 

Mithilfe eines geleakten Polizeivideos und öffentlichen Materialien wie dokumentierten Internetverbindungen stellte Forensic Architecture die Szene nach. Untersucht wurden dabei wichtige Details, etwa, ob sich die Schüsse für Temme wie ein geplatzter Luftballon angehört haben könnten. Das wiederholte Durchspielen des Geschehens wirkt beklemmend, vor allem, wenn man bedenkt, dass die Ergebnisse des Kollektivs nahelegen, dass Temme gelogen hat. 

Bedrückend wirkt auch die Installation „14 Words“, die Henrike Naumann eigens für die Ausstellung entworfen hat. Es handelt sich um einen leeren Blumenladen mit schauerlichem Resopalmobiliar aus den Neunzigern, der Originaleinrichtung eines Geschäftes im sächsischen Neugersdorf. Der Titel zitiert einen Code aus rechtsextremistischen Kreisen, der auch vom NSU verwendet wurde. Was die Einrichtung mit rechtem Gedankengut zu tun hat? Womöglich nichts. Aber wer weiß? 

Bei Naumann steht die abwaschbare Schäbigkeit, die aus einer Zeit stammt, als man im Osten Deutschlands die eigenen Möbel gegen billigen Ramsch aus den BRD-Möbelmärkten eintauschte, symbolisch für ein verqueres Denken. Sie spürt der Frage nach, wie die Gestaltung von Räumen und Dingen auf unser Empfinden und Handeln wirkt. Und ist damit ganz dicht bei Cady Noland.

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