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Kunst für Tiere: Mit den Damen auf Du und Du

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Von: Sandra Danicke

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„Evolène, Schweiz/Berner Oberland.“ Foto: Ursula Böhmer und VG Bild-Kunst, Bonn
„Evolène, Schweiz/Berner Oberland.“ © Ursula Böhmer und VG Bild-Kunst, Bonn

Ursula Böhmers Fotoserie „All Ladies - Kühe in Europa“ zeigen Rinder nicht als Milch- und Fleisch-Produzentinnen, sondern als bemerkenswerte Individuen. Von Sandra Danicke

Die Schweizerin Evolène legt ihren Kopf schief, ihr Blick wirkt skeptisch, aber auch sehr neugierig. Als frage sie sich, was die Frau, die ihr gegenüber steht, da eigentlich genau macht. Auch Limousin aus Frankreich wirkt ein wenig irritiert. „Willst du zu mir?“ scheint sie zu fragen. Während Katerini aus Griechenland so ernst und würdevoll in die Kamera blickt, als tue sie das nicht zum ersten Mal, habe - im Gegenteil - schon Erfahrung mit diesen glotzenden Zweibeinern gemacht. Es sind Kühe, klar. Aber ganz offensichtlich sind die Abgebildeten nicht einfach irgendwelche Tiere. Es sind Individuen mit eigenem Charakter, sehr verschieden aussehenden Fellen. Augen, Ohren. Manche sind eher struppig andere glänzend und glatt. Manche tragen imposant auskragende Hörner, andere er ein kleines Paar Hörnchen.

Ursula Böhmer hat die starken, sanften Tiere, die sie porträtiert hat, ernst genommen. Sie hat sie als Persönlichkeiten wahrgenommen, nicht als Vertreterinnen einer Masse oder als reine Nahrungsmittelproduzentinnen. Zwischen 1998 und 2011 bereiste die in Berlin lebende Künstlerin (Jahrgang 1965) 25 Länder Europas auf der Suche nach Kühen. Sie hat etwa 50 verschiedene, größtenteils vom Aussterben bedrohte Rassen dort fotografiert, wo sie jeweils herstammen und die jeweiligen klimatischen Verhältnisse ihre Physiognomien geprägt haben.

„All Ladies“ nannte die Fotografin ihre Serie aus Schwarzweiß-Fotografien, die jetzt noch einige Tage lang in der Ausstellung „Kunst für Tiere. Ein Perpektivwechsel für Menschen“ in den Opelvillen in Rüsselheim zu sehen sind. Sie hängen dort in einem sehr schmalen Raum auf zwei Seiten, und während man da so zwischen ihnen steht, fühlt man sich seltsam. Man ist schließlich der einzige Mensch zwischen lauter Rindern. Man kann dort sehr lange stehen und den Kühen in ihre lieben, kecken, schnippischen Gesichter schauen. Irgendwann hat man dann allerdings das Gefühl, dass es nicht man selbst ist, der die Tiere anschaut, sondern dass es umgekehrt ist.

Das liegt natürlich daran, dass man die Kühe hier nicht - wie sonst üblich - von der Seite sieht, sondern von vorne. Alle Kühe schauen direkt in die Kamera; es findet eine Kommunikation zwischen Kuh und Künstlerin statt, so dass wir uns als Betrachterinnen und Betrachter direkt angesprochen fühlen. Für die Porträts nutzte Böhmer ausschließlich analoge Aufnahme- und Verarbeitungsmethoden ohne aufwendige Technik.

Unmittelbar fühlt man sich an die Menschen-Porträts von August Sander erinnert, der seit Mitte der zwanziger Jahre bis zu seinem Tod 1964 „Menschen des 20. Jahrhunderts“ fotografiert hat, um damit ein repräsentatives Zeit- und Gesellschaftsabbild zu erstellen. Anders als die Menschen tragen die Tiere keinerlei Statussymbole. Sie können sich nicht verkleiden.

Kunst für Tiere, Opelvillen Rüsselsheim: bis 6.Februar. www.Opelvillen.de. Die Fotos von Ursula Böhmer sind 2012 unter dem Titel „All Ladies“ im Kehrer-Verlag erschienen.

„Limousin, Frankreich/Ariège.“ Foto: Ursula Böhmer und VG Bild-Kunst, Bonn
„Limousin, Frankreich/Ariège.“ © Ursula Böhmer und VG Bild-Kunst, Bonn
„Highland, Schottland/Grampians.“ Foto: Ursula Böhmer und VG Bild-Kunst, Bonn
„Highland, Schottland/Grampians.“ © Ursula Böhmer und VG Bild-Kunst, Bonn

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