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„Kunst für Keinen. 1933-1945“: Des Rächers Gemächt als Männchennase

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Von: Sandra Danicke

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„Mann mit Spitzbart“, 1941, von Willi Baumeister. Foto: Archiv Baumeister im Kunstmuseum Stuttgart / VG Bild-Kunst, Bonn 2021
„Mann mit Spitzbart“, 1941, von Willi Baumeister. © archiv baumeister

Die Ausstellung in der Schirn Kunsthalle zeigt, wie unterschiedlich Künstlerinnen und Künstler in Deutschland im Verborgenen arbeiteten.

Kunst für Keinen“ - was für ein seltsamer Titel. Kunst produziert man ja in der Regel, um sie zu zeigen. Weil den Künstler oder die Künstlerin etwas bewegt, das er oder sie der Welt mitteilen will. Aber natürlich wird uns gerade jetzt wieder besonders bewusst, dass es Konstellationen von Zeit und Ort gibt, in denen man das, was man denkt, weder sagen noch zeigen darf, ohne sich der Gefahr von Gefangenschaft oder Tod auszusetzen. Die Kunst, die derzeit in der Schirn Kunsthalle Frankfurt zu sehen ist, stammt aus den Jahren 1933-45, der Zeit, in der die Nationalsozialisten die Kunst in Deutschland kontrollierten, zensierten, der Lächerlichkeit preisgaben.

Es sind Bilder, Fotografien und Skulpturen von 14 Frauen und Männern, die damals – trotz Diffamierung – in Deutschland gelebt haben, weil sie nicht weg konnten oder wollten. Um in der Isolation und ohne Publikum weiter arbeiten zu können, verfolgten sie unterschiedliche Strategien. Wobei die Ausgrenzung, die viele diese Künstlerinnen und Künstler erfuhren, teilweise gar nichts mit ihren Werken, sondern mit ihrer Religion, ihrer politischen Einstellung oder ihrer Homosexualität zu tun hatte. Dementsprechend haben die ausgestellten Arbeiten stilistisch kaum etwas miteinander zu tun.

Jeanne Mammen zum Beispiel, von der man bisher vornehmlich Illustrationen im Stil der Neuen Sachlichkeit kannte, ist hier mit verstörenden kubistischen Gemälden vertreten. Inspiriert wurde sie von Picassos „Guernica“, das sie 1937 in der Weltausstellung in Paris gesehen hatte. Ihre dramatisch zerklüfteten Kompositionen zeigen Sterbende und Strauchelnde in beunruhigender Farbigkeit. Keine Frage: Das war brandgefährlich. Ihr Atelier durfte keiner betreten, die Bilder blieben jahrelang für sich.

Auch von Hannah Höch, die man bisher vor allem als Dada-Aktivistin wahrgenommen hat, zeigt die Ausstellung vergleichsweise drastische Gemälde, die - wenn auch nicht explizit - von der politischen Situation in Deutschland künden. Sind in dem Ölgemälde „Wilder Aufbruch“, das direkt nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler 1933 entstand, noch zwei eigenwillige Wesen mit wütend-düsteren Blicken vor glutrotem Hintergrund zu sehen, so scheinen dieselben Wesen in „1945 (Das Ende)“ zermürbt und verhärmt. Die Nazis waren für Höch eine „viehische Bande“. Ein „so blutrünstiges Geschmeiß (hat) diese Erde noch nicht getragen“, schrieb sie 1946 in ihr Tagebuch.

Anders ging Willi Baumeister vor, den man 1933 als Professor für Gebrauchsgrafik an der Frankfurter Kunstgewerbeschule (heute Städelschule) entlassen hatte. Auf die Verfemung seiner Kunst reagierte er mit einer massiv gesteigerten Produktivität, allerdings wichen seine früheren konstruktivistischen und gegenständlichen Arbeiten nun abstrakten biomorphen Formen, waren also vergleichsweise unverfänglich. Dass Baumeister sich sehr wohl kritisch mit der nationalsozialistischen Kulturpolitik auseinander setzte, demonstriert eine Reihe von Postkarten, mit Aktdarstellungen von „Reichsschamhaarmaler“ Adolf Ziegler, die Baumeister auf der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ erworben und satirisch bearbeitet hat, so dass das Schamhaar der dargestellten Frauen zum Spitzbart darauf gezeichneter Männer umgedeutet wird. Analog erscheint auf der Abbildung eines Reliefs von Arno Breker der Penis eines kämpfenden „Rächers“ als Nase eines Männchens mit Fliege.

Während zahlreiche Künstler (ja, es waren in der Regel Männer) nach dem Zweiten Weltkrieg an ihre Erfolge anknüpfen konnten, gibt es in der Ausstellung auch eine ganze Reihe von Malerinnen und Malern, die bis heute kaum jemand kennt.

Edmund Kesting zum Beispiel. Der Dresdner Maler und Fotograf wurde 1933 gezwungen, eine von ihm gegründete Kunstschule zu schließen und arbeitete anschließend als Werbefotograf. Nebenher beschäftigte er sich intensiv mit der Architektur seiner Heimatstadt. Als unmittelbare Reaktion auf Dresdens Bombardierung im Februar 1945 schuf Kesting die Serie „Totentanz Dresden“, für die er die Ruinen der Stadt bei Nacht fotografierte und sie mit Skelettaufnahmen zu gruseligen Montagen verarbeitete.

Zumindest in Westdeutschland kaum bekannt sind auch Hans und Lea Grundig, ein ebenfalls aus Dresden stammendes Künstlerpaar, das während der Naziherrschaft einen überaus mutigen Weg verfolgte. Sie waren Kommunisten, Lea überdies Jüdin, die sich entschlossen hatten, dem Grauen mit Kunst und Agitation entgegenzutreten. Sie kauften eine kleine Tiefdruckpresse, um im Verborgenen zu drucken. „Man musste den Wahnsinn, der Dummheit und Verblendung verbreitete, der Hass predigte und den bisher scheußlichsten Massenmord vorbereitete, darstellen, und die Kraft, die trotz aller Gestapo lebte“, schrieb Lea Grundig nach dem Krieg in ihrer Autobiografie. So entstanden Serien wie „Unterm Hakenkreuz“, in der sie antisemitische Pogrome thematisierte – oder „Krieg droht!“, die den Zweiten Weltkrieg in zahlreichen Detaildarstellungen antizipierte.

Hans wiederum verlegte sich auf dynamisch gestrichtelte Tier-Gleichnisse, um Stellung zur politischen Situation zu beziehen. Augenscheinlich ging es um Vierbeiner in der Stadt, doch die Thematik – die Brutalität des Faschismus – lag auf der Hand.

Auch Hans Uhlmann stand als KPD-Mitglied unter ständiger Beobachtung. Im Oktober 1933 wurde er verhaftet und einige Monate später wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Hier fertigte er höchst eigenwillige Zeichnungen von Drahtskulpturen an, die später zu Kopfplastiken aus Eisendraht und Zinkblech führten. „So grausam die Zeit war, ... vom Gefängnis abgesehen und solchen Dingen, war diese stille Arbeit für mich ..., die Versuche, zu einer Plastik zu kommen, ... in der Einsamkeit viel leichter und schöner zu bewältigen“, resümierte der Künstler in einem Interview 1970.

Schirn Kunsthalle Frankfurt: Bis 6. Juni. www.schirn.de

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