Berlin

Kunst des Aufschubs

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Kein Grund zur Entwarnung: Die Debatte um das abgesagte Projekt „DAU Freiheit“ könnte weitergehen. Ein Kommentar.

Die ersten Reaktionen der Enttäuschung kamen schnell und sie waren heftig. Für Carl Hegemann, den früheren Chefdramaturgen der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, stellt die Absage, die die Berliner Verwaltung dem Kunstprojekt „DAU Freiheit“ erteilt hat, eine Katastrophe dar. Immer mehr, so Hegemann, werde das Verwaltungsdenken zum ersehnten Vorbild gesellschaftlichen Handelns. „Die Kunst von Christoph Schlingensief, zum Beispiel die Wiener Aktion ‚Ausländer raus‘, würde heutzutage mit großem Bedauern wegen irgendwelcher Müllabfuhrverordnungen verhindert werden. Traurig.“ Das ist in bitterer Schärfe vorgetragen, aber stimmt es auch?

Hegemann und andere Befürworter des ambitionierten Kunstprojektes, das mit einigem organisatorischen Aufwand darauf ausgerichtet war, die Inszenierung einer totalitären Erfahrung als vorübergehendes Event nachzuempfinden, legen den Verdacht nahe, dass die Freiheit der Kunst mit grüblerischen Bedenken und kleinlichen Verordnungen beschnitten werde. Den Zumutungen der Kunst kommt man nicht länger mit ästhetischem Widerspruch bei, die Machtfrage wird mit der nüchternen Logik des Kleingedruckten beantwortet. Ganz unbegründet ist der Gedanke nicht, tatsächlich ist das Geschehen im öffentlichen Raum nicht mehr dasselbe, seit die Organisatoren von Sommerfesten und Weihnachtsmärkten auf Sicherheitskonzepte verpflichtet werden, die insbesondere auch terroristische Gefahren zu berücksichtigen haben.

Wer die Entscheidung der Berliner Verwaltung gutheißt, sollte es sich nun aber nicht so einfach machen, den Triumph der Ordnungspolitik über einen wie auch immer sich artikulierenden künstlerischen Größenwahn zu feiern.

Mit der vorläufigen Absage des DAU-Projektes entgeht den Berlinern eine künstlerische Inszenierung, der es ganz gewiss nicht um die Erzeugung eines wohligen Herbstgefühls ging. Allein die zurückliegende Debatte mag vielen auf die Nerven gegangen sein, aber sie hat letztlich auch deutlich gemacht, dass es beim künftigen Mauergedenken nicht allein darum gehen kann, eine weihevolle Version des authentischen Erinnerns zu konservieren, die geschichtspolitischen Gralshütern wie Lea Rosh und Konrad Weiß, die im Vorfeld der Entscheidung vehement mit Offenen Briefen gegen Dau mobilisiert hatten, zur Genehmigung vorgelegt werden muss. Das DAU-Projekt wäre eine experimentelle Reflexion über die Mauer gewesen, die von außen kommt und die weltweiten Erfahrungen mit Totalitarismus zu den deutschen in Beziehung setzt. Nun wird es vorerst ein Kunstwerk bleiben, über das weiter nach Lust und Laune spekuliert werden kann und muss, ohne dass die Chance besteht, sich von den eigenen Vorurteilen innerhalb des Mauermodells verblüffen zu lassen.

Wer den Mühen des Differenzierens gegenüber nicht gänzlich verschlossen ist, dem mag die Entscheidung zum aufgeschobenen Kunstereignis dennoch als demokratisches Lehrstück erscheinen. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hatte das DAU-Projekt zunächst begeistert begrüßt, vermag die Zurückweisung der Verwaltungskollegen nun aber zu akzeptieren. Die Realisierung von Kunst folgt keiner voluntaristischen Kulturpolitik, sondern muss sich manchmal eben auch den Regeln der kommunalen Ordnung beugen. Das ist in Zeiten, in denen der staatlichen Ordnung ganz generell ein gesteigertes Misstrauen entgegenschlägt und Verzögerungen auf der ein oder anderen Baustelle sogleich als Staatsversagen gegeißelt werden, gewiss nicht die schlechteste Begleiterscheinung.

Was aus DAU wird, hängt nun auch von der kulturellen Dringlichkeit ab, die mit dem ästhetischen und gesellschaftspolitischen Entwurf verbunden ist. Das Künstlerehepaar Christo und Jeanne Claude hat alles in allem 24 Jahre mit der Idee zugebracht, den deutschen Reichstag zu verhüllen. Das Beharrungsvermögen hat schließlich sogar die Mauer überwunden, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft das große Verhüllungsfest steigen konnte. Keine Entwarnung also, die Debatte geht weiter.

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