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Louise Stomps 1948 im Berliner Atelier.
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Louise Stomps 1948 im Berliner Atelier.

Skulptur

Künstlerin Louise Stomps: Meißel, Eisen, Motorrad

  • VonIngeborg Ruthe
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Die Wiederentdeckung der Louise Stomps: Das Verborgene Museum ist mit einer grandiosen Skulpturenschau über eine zu Unrecht Vergessene zu Gast in der Berlinischen Galerie.

Fast kommt man zu dem Schluss, Berlin strafe so manche Künstler, die die Stadt verlassen haben, allzu schnell mit Vergessen. Im Falle der Bildhauerin Louise Stomps (1900–1988), in den Fünfzigern mit dem Kunstpreis Berlin geehrt, war das so. Unter den Nazis hatte sie die „Innere Emigration“ gewählt. Unter der sowjetrussischen Besatzung saß sie 1945, angeblich wegen Spionage, wochenlang in Haft. Bis in die 60er Jahre hinein war sie in der Kunstszene West-Berlins vor allem im Kreis der legendären Galerie Rosen aktiv, zusammen mit Renée Sintenis, Hans Uhlmann, Gustav Seitz, Karl Hartung. Dann wurde ihr die Stadt zu laut; sie suchte Ruhe, zog 1960 aufs Land, nach Bayern. Ein Grund war auch ihre Passion: das Motorradfahren. Mit ihrer alten Beiwagen-BMW kam sie überall hin.

Dem Verborgenen Museum Berlin in der Schlüterstraße, weltweit die einzige Einrichtung, die sich um die öffentliche Präsentation und wissenschaftliche Aufarbeitung der Lebenswerke vergessener Künstlerinnen kümmert, ist die Wiederentdeckung dieser Bildhauerin aus der „Verschollenen Generation“ zu verdanken. Durch Kooperation mit der Berlinischen Galerie gelang die grandiose Wiederentdeckung dieser Bildhauerin. Das Landesmuseum hatte 2009 durch eine Schenkung der Stomps-Erben sechs Skulpturen, 99 Zeichnungen und den schriftlichen Nachlass bekommen.

Wie archaische Totems aus alten afrikanischen Kulturen empfangen drei Meter hohe Figuren aus Bronze und Holz schon in der Treppenhalle. Es sind „Pilger“, „Einsame“, „Asketen“. Einige hat Stomps dem Gilgamesch-Epos gewidmet, dieser uralten Dichtung aus dem babylonischen Raum, und damit der vergeblichen Suche des Königs von Uruk nach Unsterblichkeit. Die Bildhauerin geizte nicht mit Emotionen, lud ihre an der Natur geschulten, dann abstrahierten Gestaltzeichen mit Botschaften auf. Die Formen drücken Leid aus, Erschütterungen der Sinne und die Schutzlosigkeit der Kreatur.

Im Ausstellungssaal stehen, sitzen, liegen, hocken Skulpturen aus Holz und Stein. Es sind Leihgaben aus dem Stomps-Nachlass und aus Sammlungen. So das Eschenholz-„Paar“ aus der Nationalgalerie. Unweit davon steht die helle Granitfigur „Der Fremde“ von 1947, eine scheu in sich zurückgezogene Figur, der Kopf seitlich geduckt, die ganze Gestalt ängstlich, in Fluchthaltung. Das Werk hat eine universale Wirkung, eine Aktualität in Bezug auf Flucht und Vertreibung in der Welt von heute.

Den „Sklaven“ schlug sie 1965 aus einem Ahornstamm. Er erinnert an Lehmbrucks „Gestürzten“. Louise Stomps’ Bildsprache kommt ganz aus der Klassischen Moderne, mit einer Stilistik, die dem Brücke-Expressionismus nahesteht und in den weich abstrahierenden Figuren-Modellierungen ebenso der biomorphen Nachkriegskunst eines Henry Moore, Henry Laurens oder Theo Baldens.

Die Tochter eines Berliner Rechtsanwalts hatte in der Weimarer Republik schon den 1919 von ihren Vorgängerinnen erkämpften Zugang zum Kunststudium. Ihre Lehrmeisterin war Milly Steger im Verein Berliner Künstlerinnen. Damals begann für sie der künstlerische Prozess vom klassischen Körperbild zur stark abstrahierten Figuration. Bei den Nazis galt das dann als „entartet“.

Aus der Reichskulturkammer trat sie 1934 aus Protest gegen den Ausschluss von Käthe Kollwitz und Ernst Barlach aus – und zog sich unter der Hitler-Diktatur zurück. Vom Frühwerk, mit Anklängen an die verknappte Bildsprache Barlachs, ist kaum etwas geblieben, ihr Atelier brannte bei einem Bombenangriff 1945 aus. In den Figurationen nach 1945 verarbeitete Stomps die Bedrückungen und Schrecken der NS-Zeit und des Weltkriegs in Skulpturen mit drohenden, abweisenden, angstvollen Gebärden wie „Trauernde“, „Gemeinsame Klage“ oder in indirekter Reaktion auf die politischen Ereignisse: „Hiroshima“, 1960.

Ihre Vorliebe für Holz, für wie aus den Stämmen und Wurzeln wachsende, sich windende und ineinander verflechtende „Natur- Gestalten“ verstärkte sich, als sie 1960 Berlin verließ und ins Inntal zog. Eine alte Kumpfmühle aus dem 15. Jahrhundert wurde Heim und Atelier. Dort ließ sie sich von der Natur als Urquelle alles Lebendigen, von den Hölzern der Buche, Föhre, Inn-Eiche, von Apfel, Akazie, Nuss, Birne inspirieren.

Fast 150 dieser Skulpturen stellte das Münchner Museum für Völkerkunde im Jahr 1979 aus. Bis West-Berlin drang diese Anerkennung nicht, auch nicht das spektakuläre Ende dieser wagemutigen Frau: Sie verunglückte tödlich mit ihrer neuen knallroten Yamaha mit Seitenwagen im April 1988 in Wasserburg. Da war Louise Stomps 88. In ihrer verwaisten Werkstatt lagerten noch viele Stämme, in denen Skulpturen schlummerten.

Berlinische Galerie, als Gast das Verborgene Museum Berlin: bis 17. Januar. www.dasverborgenemuseum.de

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