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Kara Walker, Untitled, 1997-99, aus einer Serie: mit 13 Werken.
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Kara Walker, Untitled, 1997-99, aus einer Serie: mit 13 Werken.

Schirn Kusnthalle

Künstlerin Kara Walker: Ein Kosmos voller Abgründe

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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Fragmente einer großen Zeichnerin: Die US-Amerikanerin Kara Walker gewährtin der Frankfurter Schirn einen umfangreichen Blick in ihr Archiv.

Wann wirst du darüber hinwegkommen? Wann wann wann?“ In schnellen Buchstaben aufs Papier geworfen, kann dieser Satz alles Mögliche bedeuten. Da er von einer Schwarzen Künstlerin stammt, die sich unter anderem mit Rassendiskriminierung und Geschlechterfragen auseinandersetzt, ist man allerdings ziemlich schnell dabei, diesen Worten einen klaren Kontext zu verleihen: Es geht um Rassismus. Oder? Schon ist man in eine Falle getappt, denn bei Kara Walker, die derzeit in der Frankfurter Schirn Kunsthalle mehr als 600 Werke zeigt, geht es keineswegs nur um Gerechtigkeit, Feminismus und die Relikte der Sklaverei. Es geht um einen ganzen Kosmos.

„A Black Hole Is Everything a Star Longs to Be“ - so der überaus poetisch klingende Titel der Ausstellung - ist auch so ein Satz, in dem potenziell alles drin steckt: Tatsachen und Theorien, die die Astronomie betreffen, aber auch der Gegensatz des leuchtend Hellen zum vernichtenden Schwarz. Davon abgesehen, dass ein Star im Englischen zwei Bedeutungen hat. Als Walker (Jahrgang 1969) die Worte 2012 auf eine lange Papierrolle geschrieben hatte, wusste sie selbst noch nicht genau, was sie damit ausdrücken wollte. Direkt davor schrieb die US-Amerikanerin übrigens Folgendes: „The Sweet Sweet Smell of Success and the Stench of Ingratitude...“, der süße Duft des Erfolgs und der Gestank der Undankbarkeit. Darunter sieht man die Zeichnung einer Schwarzen Frau – nackt, zusammengekrümmt –, die sich auf den Schuh eines Weißen Mannes erbricht, statt ihn zu putzen. Es geht also um Machtverhältnisse und darum, sie zu bekämpfen. Unter anderem.

Das Universum, das die Künstlerin in der Ausstellung, die zuvor in ähnlicher Form im Kunstmuseum Basel zu sehen war, ausbreitet, besteht aus einer kaum zu bewältigenden Anzahl von Schnipseln, Notizen, Zeichnungen, Fragmenten und Texten aus den vergangenen 28 Jahren, mal filigran auf Papier gehaucht, mal derb gekritzelt, mal farbenfroh, meist nicht. Die Techniken variieren, Gouache, Collage, Tusche, Bleistift, Pastellkreide, Scherenschnitt.

Das Gleiche gilt für die Inhalte: „Dieses Universum“, so die Künstlerin, „umfasst Kunst- und Identitätspolitik, meinen narrativen Impuls, Figuration, Abstraktion, Volkskunst versus bildende Kunst, Historienmalerei, politische Kunstbewegungen wie das Black Arts Movement oder die Dritte Welle des Feminismus, Vorstellungen von Privatem im Gegensatz zu Kollektivem, Debatten zur Zeichnung im Gegensatz zum Gemälde (...) und viele andere Kosmologien.“ Es ist daher völlig unmöglich, das, was man sieht, vollständig zu erfassen. Also geht man von Blatt zu Blatt – und staunt. Versenkt sich hier in einen Pinselschwung und dort in ein Schriftstück. Ist schockiert über eine obszöne Darstellung, berührt von einem Gedanken, gebannt vom Altmeisterlichen einer Komposition. Umso mehr, als all dies weitgehend spontan entstand, in der Regel nicht groß durchgearbeitet wurde und daher besonders nah an dem ist, was die Künstlerin fühlt und denkt.

Manche Fundstücke sind auf humorvolle Weise bitter, etwa eine Notiz, in der Walker erstaunt festhält, dass man hierzulande nicht die Schwarzen, sondern eher Osteuropäer diskriminiert. Sie fühle sich um ihr Geburtsrecht betrogen, so die Künstlerin. Völlig schräg wirkt auch ein Ausschnitt aus der „Bild“-Zeitung mit der Überschrift „Erotische Faszination: Das Geheimnis Schoko-Haut“, in dem von einer Straßenumfrage bei Männern zwischen 17 und 70 die Rede ist, die ergeben habe, dass diese mit einer „exotischen Frau“ die Attribute gazellenhaft, warmherzig, sexy, elegant und aufregend verbinden. In diversen Bildern bedient Kara Walker exakt dieses Klischee - um es anschließend genussvoll zu zerschlagen.

Eine Cracker-Packung erscheint auf den ersten Blick harmlos, bis man erkennt, dass auf der Rückseite eine Südstaatenromantik zelebriert wird. Bereits in der Vergangenheit hatte die Künstlerin immer wieder mit historischen Stereotypen gespielt und damit ein tief liegendes Unbehagen geweckt. 2014 schuf sie etwa eine riesige nackte „Mammy Sphinx“, die ein um den Kopf gebundenes Tuch trug und mit weißem Zucker überzogen war. Manch einer mag sich ertappt gefühlt und sich mit einem unguten Gefühl daran erinnert haben, wie er einst völlig unkritisch für „Vom Winde verweht“ geschwärmt hat.

Zusätzlich zu all diesen Gedankenfetzen gibt es aber auch Werke, die augenscheinlich von Anfang an für ein Publikum entstanden sind. Etwa eine Reihe von Scherenschnitt-Filmen und eine Serie großformatiger Bilder, die den ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama zeigen und die von Rassismus geprägten Anfeindungen gegen ihn thematisieren. Eines dieser Bilder zeigt „Barack Obama as ,An African‘ With a Fat Pig“. Der Ex-Präsident trägt Stammestracht mit Fellumhang und einen Zeremonienstab. Man möchte lachen. Nicht über Obama, sondern über jene, in deren Köpfen derartige Vorurteile verankert sind. Doch das Lachen bleibt einem schon bald im Hals stecken, denn es dauert nie lange in dieser Schau, bis man auf sexualisierte Gewalt, fragmentierte Körper, Folter stößt.

Der Kosmos von Kara Walker ist keiner, in dem man sich auf Dauer wohlfühlt - und doch ist er so faszinierend, wie eine Wissenschaft, die man gerade erst anfängt zu begreifen.

Schirn Kunsthalle Frankfurt: bis 16. Januar 2022. www.schirn.de.

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