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Künstler Carlos Bunga: „Ich stelle mir vor, wie mein Zuhause aussehen könnte“

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Von: Sandra Danicke

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Ein Hauch von Nostalgie. Foto: Schirn Kunsthalle Frankfurt 2022, Foto: Marc Krause
Ein Hauch von Nostalgie. Foto: Schirn Kunsthalle Frankfurt 2022, © Marc Krause

Der portugiesische Bildhauer und Maler über Kunst, die immer wieder vergeht und neu entsteht, die Bedeutung von Möbeln und seine neue Installation in der Rotunde der Schirn Kunsthalle

Herr Bunga, vorhin haben Sie noch geklebt, ist Ihre Arbeit jetzt fertiggestellt?

Sie ist fertig, aber ich sage nicht gerne, dass meine Arbeit fertig ist, denn ich glaube, dass die Arbeit weiterwächst. In der Erfahrung, die die Menschen hier machen. Es ist ja eine Installation, die die Menschen der Stadt einlädt, sich darin aufzuhalten. Dadurch wird sie sich verändern. Die Schirn-Rotunde ist für mich die Plaza des Ausstellungshauses, sie ist nicht drinnen, nicht draußen, sondern dazwischen. Man kann hindurchlaufen oder drinbleiben.

Viele kommen hier zufällig vorbei.

Das ist das Tolle am öffentlichen Raum, dass man die Leute, die hier entlanggehen, überraschen kann. Ich glaube, dass Skulpturen im öffentlichen Raum oft problematisch sind. Überall gibt es diese massiven Monumente, sie stehen in der ganzen Stadt. Ich – und das gilt für viele zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler – mache Arbeiten, die eine Art Antithese zur Monumentalität bilden. Diese Installation ist sehr fragil, sie ist nur für den Moment gedacht und will nicht für immer hier sein. Wir sind von der Ewigkeit besessen. Alles muss immer dokumentiert sein. Diese Arbeit akzeptiert die Komplexität, die Teil unserer Gesellschaft ist. Sie ist eher die Projektion einer Idee als eine echte Konstruktion. Es ist die Projektion einer möglichen Zukunft.

Die Schirn-Rotunde ist ziemlich schwer zu bespielen, oder?

Sie stellt eine große Herausforderung für Künstler dar, ja. Das ist ja kein White Cube, sondern ein Raum mit einer starken Identität. Dieser Ort hat eine starke Präsenz, das muss man akzeptieren.

Sie haben eine begehbare, sehr hohe Konstruktion aus Möbeln und Pappkarton gebaut. Woher kommt das Material?

Ich habe nichts mitgebracht. Ich wollte Objekte verwenden, die aus dieser Stadt kommen. Also bin ich mit dem Kurator Matthias Ulrich durch die Läden gezogen, in denen es alte Möbel gibt. Ich wollte Wohnlichkeit in dieses Projekt bringen. Die emotionale Verbindung, die wir zu unseren Häusern haben, entsteht vor allem durch die Möbel. Durch die Pandemie fühlt es sich so an, als seien unsere Häuser eine Art Gefängnis geworden, jeder spürt das. Das Gefühl ist so intensiv. Die Stadt wurde durch die Pandemie zu einem klaustrophobischen Raum. Das war für uns alle sehr traumatisch, weil dies nicht in einem Film oder Roman geschah, sondern in der Realität. Also habe ich das Zuhause nach draußen gebracht.

Dafür hätten Sie auch Ikea-Möbel nehmen können. Stattdessen haben Sie sich für antike Schränke, Tische, Hocker entschieden.

Ja, das macht die Arbeit fragiler. Ich wollte auch, dass sie ein Gefühl von Nostalgie transportiert. Ich glaube, wenn die Menschen diese alten Möbel sehen, stellen sie sofort eine Verbindung her. Dieser Ort soll ihnen in gewisser Weise das Gefühl geben, zu Hause zu sein.

Bei der Pappe musste ich an Wohnsitzlose denken, die sich aus gefundenen Materialien ihr Zuhause bauen müssen.

Ich fühle mich selbst als Nomade, und meine Arbeit hat durchaus mit Vertreibung und Immigration zu tun. Die Pappe in meiner Installation verweist auf die Fragilität des Lebens. Natürlich kann man sie auch leicht mit Obdachlosigkeit in Verbindung bringen, diese Arbeit soll aber vor allem eine Art Monument des Lebens sein. Es geht um Zeit und Zeitlichkeit. Die Rotunde besteht aus Stein und Glas und ist eher dauerhaft, das verkörpert für mich die Vergangenheit. Die Konstruktion, die ich da als eine Art Verdoppelung der Architektur reingestellt habe, symbolisiert für mich eine mögliche Zukunft. Die Gegenwart sind die Menschen, ist die Energie an diesem Ort. Wenn wir in einem Raum sind, dann beleben wir ihn. Die Schirn ist als Architektur ein sicherer, starker, komfortabler Raum, aber auch diese Mauern sind zerbrechlich. Der Unterschied ist: Mein Material zeigt die Zerbrechlichkeit auf eine brutale Weise.

Als Sie diese antiken Möbel ausgewählt haben, haben Sie da auch über die unmittelbare Umgebung – die Neue Altstadt – nachgedacht?

Sicher, meine Arbeiten sind immer ortsspezifisch, sie arbeiten nicht nur mit ihrer Körperlichkeit, sondern auch mit der Identität, sie nehmen das Land, die Stadt in sich auf. Und wenn mir jeder sagt, diese Neue Altstadt sei fake, dann finde ich es toll, wie die Arbeit diesen Ort aktiviert und Verbindungen herstellt. Das ist eine Rekonstruktion, oder?

Nur zum Teil, einige der Häuser gab es so nie.

Dann verstehe ich nicht, wieso man sie so gebaut hat, als seien sie alt. Das ist doch Disneyland.

Stimmt.

Das sind dann wohl politische Strategien, um den Tourismus anzukurbeln.

So ist es wohl, ja.

Im Gegensatz zu dem Fake ist das, was ich mache, genau das, wonach es aussieht: Möbel, Pappe, Farbe.

Ihre Arbeit ist ehrlich.

In gewisser Weise ja. Die Gesellschaft ist schizophren, alles geht immer schneller, wird immer virtueller. Aber wir Menschen müssen anfassen, fühlen, Erde und Wasser berühren. Das ist unsere Natur, wir müssen die Dinge spüren. Wenn wir nur in der Virtualität leben, fühlen wir uns irgendwann verloren, es fehlt etwas. Deshalb glaube ich, dass Kunst, Ausstellungen, Farbe uns retten können. Jeder vermisst und braucht das.

Der Künstler

Carlos Bunga, 1976 in Porto geboren, studierte Malerei, ist aber seit 2000 für ortsspezifische Installationen und Performances international bekannt. Er lebt in Barcelona.

Die Installation „I Always Tried to Imagine My Home“ ist bis zum 22. Mai zu sehen.

Die Ausstellung „Walk“, zu der die Arbeit gehört, ist ebenfalls bis 22. Mai in der Schirn Kunsthalle zu sehen (Besprechung folgt).

Haben die Farben auf der Installation eine Bedeutung?

Ich habe Malerei studiert, bin also Maler. Aber ab einem bestimmten Moment hat die Malerei mich frustriert, da habe ich begonnen, Fragen zu stellen. Irgendwann bin ich auf den Gedanken gekommen, dass alte verfallene Gebäude sehr schöne Gemälde sind, aber im echten Raum. Es sind Gemälde, die man in den Straßen findet. Dann hat sich meine Arbeit in diese Richtung entwickelt. Ich sehe also die Realität mit den Augen eines Malers. Ich habe das Konzept der Malerei in die dritte Dimension erweitert. Als ich hierherkam, hatte ich noch nichts entschieden. Ich habe die Farben mitten im Prozess ausgewählt, ganz intuitiv. Die Farben symbolisieren nichts.

Haben Sie keine Angst, dass jemand die Möbel klaut?

Nein. Wir sind im öffentlichen Raum, das kann passieren, und wenn es passiert, müssen wir das akzeptieren. Es wäre ein Fehler, wenn wir versuchen würden, totale Kontrolle über den Raum zu haben. Ich bin völlig offen für alles, was mit dieser Arbeit passiert. Das ist die beste Haltung, wenn es um Arbeiten im Außenraum geht.

Sind Sie mit solchen Möbeln aufgewachsen?

Nein, ich bin ein Nomade. Meine Mutter ist aus dem Bürgerkrieg in Angola geflohen, da war sie mit mir schwanger. Manchmal fragen mich Menschen, ob ich Architekt sei; denen sage ich, dass mein erstes Haus der Bauch einer Frau war, so wie bei allen Menschen. Dieser Raum ist organisch, lebendig, emotional; dieser Ort beschützt uns vor dem Draußen. Als Kind wuchs ich dann in vielen verschiedenen Häusern auf.

Wo war das?

In Portugal. Wir zogen ständig von einem Ort zum nächsten. Und deshalb ist meine Art zu denken und zu arbeiten nomadisch.

Wo fühlen Sie sich zu Hause?

Das ist eine interessante Frage. Ich sage immer: Mein Zuhause hat keine Türen oder Fenster, keine Stühle oder Schränke. Mein Zuhause sind die Menschen, die ich liebe. Zurzeit lebe ich in Barcelona mit meiner Familie. Seit Jahren mache ich jetzt diese Installationen, die ich am Ende wieder zerstöre. Dann fange ich von vorne an. Immer wieder. Diese Installationen sind Ausdruck einer Sehnsucht, es geht darum, mir vorzustellen, wie mein Zuhause aussehen könnte.

Daher auch der Titel der Arbeit „I always tried to imagine my home“.

Selbst wenn wir ein Zuhause haben, versuchen wir immer, uns die Zukunft vorzustellen. Meine Obsession mit diesen Konstruktionen ist Ausdruck der Sehnsucht, mir die Zukunft vorzustellen. Das ist eine große Herausforderung.

Und die Zukunft sieht jedes Mal anders aus?

Ich glaube, es geht um den permanenten Status, Fragen zu stellen. So entwickelt man sich und passt sich den Realitäten an. Meine Arbeiten passen sich immer dem gegebenen Raum an, ich behandele diesen Raum wie mein Atelier. Das passiert oft in einer Mischung aus Rationalität und Intuition. Das ist wie bei den Nestern von Vögeln oder Insekten. Wir verstehen nicht, wie sie gemacht wurden. Ich kann meine Arbeit auch nicht erklären, das sieht oft merkwürdig aus. Es geht um Notwendigkeit, darum, mit dem zu arbeiten, was du hast, es geht ums Überleben. Das Frustrierende an Architektur ist ja, dass du es nicht selbst machen kannst, jemand denkt für dich, jemand baut für dich. Was du selbst machst, ist das Einrichten. Darum sind Möbel so wichtig, durch sie hast du die emotionale Verbindung zum Gebäude.

Was hält das elf Meter hohe Gebilde stabil?

Die Konstruktion besteht nur aus Pappe und Klebeband, am Schluss kommt noch etwas Industriekleber hinzu. Das scheint unmöglich zu sein – bis jemand kommt und es tut: das Unmögliche möglich machen. Die Farbe, die ich dann auftrage, reagiert mit dem Klebstoff. Die entstehende Textur hat immer eine Verbindung zu Haut, wirkt organisch, das ist mir sehr wichtig. Ich will das Unperfekte daran sichtbar machen.

Die Arbeit lebt vor allem von der Bewegung der Betrachterinnen und Betrachter.

Total. Wenn Menschen um dieses Werk herumlaufen, kommt es mir vor, als würden sie tanzen: Du schaust auf den Boden, schaust in die Luft, schaust nach vorne, du läufst drum herum, du bewegst dich. Die Arbeit will dir eine andere Erfahrung bieten als das Kino, wo dein Körper unbeteiligt ist.

Das ist auch die Verbindung zu „Walk“, der Ausstellung im Inneren der Schirn.

So ist es.

Was passiert mit der Installation, wenn die Ausstellung vorbei ist?

Das weiß keiner, ich auch nicht. Im Mai werde ich hier eine Performance machen. Die wird das Werk transformieren. Ich weiß aber noch nicht, wie. Dieses Werk ist lebendig, die Pappe kann reißen oder knicken, sie ist wie eine Pflanze, vor Ort gewachsen. Ich werde die Vergänglichkeit der Arbeit beschleunigen.

Interview: Sandra Danicke

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