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Künstler Andreas Mühe: „Blauer Himmel, Sonnenschein, der Diktator lädt zu Kaffee und Kuchen“

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Von: Sandra Danicke

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„Kreidefelsen“, 2014, aus der Serie: „Neue Romantik“. Foto: Andreas Mühe, VG Bild-Kunst Bonn, 2022
„Kreidefelsen“, 2014, aus der Serie: „Neue Romantik“. © Andreas Mühe, VG Bild-Kunst Bonn, 2022

Der Fotograf über Helden in Tschernobyl, deutsche Sehnsuchtsorte und seine Ausstellung „Stories of Conflict“ im Frankfurter Städel Museum

Herr Mühe, dieses Bild mit der Frau am Rande der üppigen Landschaft heißt „Angela Merkel“. Ich dachte, das sei Ihre Mutter.

Nein, das ist Angela Merkel. Meine Mutter ist auf den Fotografien gegenüber: eine Frau mit Merkelfrisur, die an verschiedenen Orten aus dem Autofenster nach draußen auf deutsche Sehnsuchtsorte schaut: die Zugspitze, die Villa Hügel, aber auch Goltzow und Karl-Marx-Stadt.

Sie sieht genauso aus.

Das ist die Inszenierung. Frisur, Haltung, Sakko. Es ist das permanente Hinterfragen der Fotografie. Realität oder Inszenierung.

Wie ist das Merkelfoto entstanden?

Das war eine Auftragsarbeit für das Magazin „Stern“. Sie hat ein Interview zum Thema Artenschutz gegeben, und ich habe sie im Botanischen Garten in Berlin fotografiert.

Sie haben Bundeskanzlerin Merkel jahrelang auf Dienstreisen begleitet. Haben Sie oft neben ihr gesessen?

Nein, es durfte niemand in ihrem Auto sitzen – außer dem Fahrer. Das ist ungewöhnlich, normalerweise muss bei hochrangigen Politikerinnen und Politikern ein Sicherheitsmann mitfahren. Aber sie wollte es so. Für sie war das Auto ihr Rückzugsort.

Warum hängen die Bilder in Ihrer Ausstellung so tief?

Ich mag es, wenn jeder Besucher und jede Besucherin die Chance hat, sich ein Stück weit über die Person in dem Bild zu stellen. Es ist wie ein Guckkasten. Und es nimmt dich auch viel tiefer mit.

In der Serie „Mühe Kopf“ sieht man 24-mal eine Büste, die aussieht wie Sie, in unterschiedlichen Stadien des Zerfalls. Wie ist das entstanden?

Die Serie stammt aus dem Werkzyklus „Mischpoche“, für den ich mich und meine Familienmitglieder in Silikon nachformen ließ, um sie zu fotografieren. Wir haben damals insgesamt sieben Köpfe nach fotografischen Vorlagen in England nachgebaut. Die kamen nach Deutschland und sind entweder beim Abformungsprozess kaputtgegangen oder mit der Zeit zerbrochen. Es ist der bildhauerische Prozess andersherum. Für mich ist es die Essenz aus der „Mischpoche“-Serie, ein Selbstporträt, das auch die Verzweiflung an dieser Arbeit zeigt: eine ganze Familie in breiter Vielfalt nachzustellen, alle im selben Alter zum Leben zu erwecken.

Sie haben die Köpfe auch bearbeitet.

Ja, mit Feuchtigkeit, Hitze und Kälte.

Das heißt?

Mit dem Föhn, mit Kältespray zum Beispiel. Ich habe einfach versucht, den Verfall zu beschleunigen.

Worum geht es in der Serie „Biorobots I“?

Ich hatte eine Einladung in die Kirche St. Matthäus in Berlin für eine Ausstellung 2020. Die Fragestellung war: Gibt es Helden in meinem Leben? Wenn ja, wer könnte das sein? Für mich sind es die sogenannten Biorobots. Menschen, die nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl aufgeräumt haben. Diese Helden kamen aus der kompletten Sowjetunion und sind dann wieder in ihre Dörfer zurück verschwunden und dort kläglich gestorben, über 500 000 Tote. Darüber spricht kein Mensch.

Was macht in Ihren Augen einen Helden aus? Diese Menschen haben ihr Schicksal vielleicht geahnt. Gewusst haben sie es nicht.

Es gibt Bilder, die zeigen, wie sie versuchen, sich mit ein bisschen Blei auf den Köpfen zu schützen, was Schwachsinn war. Wann braucht man einen Helden in der Gesellschaft? Wenn die große Krise da ist. Wenn die 1986 da nicht aufgeräumt hätten, dann wäre das für ganz Europa viel schlimmer geworden. In Österreich, Bayern und Teilen Ostdeutschlands ist die Wolke, die durch den Reaktorunfall entstanden ist, lange Zeit gar nicht abgezogen. Wenn man gesellschaftlich denkt, gibt es nur diese Helden, keine anderen. Ob sie das nun wollten oder nicht.

Die Figuren auf Ihren Fotografien tragen Strahlenanzüge und Masken, posieren aber auch mit einem roten Vorhang.

Das sind leere Hüllen, Menschen ohne Gesichter. Da steckt aber auch eine Ikonographie aus meiner Kindheit drin: Im Treptower Park in Berlin gibt es den berühmten Friedhof für die russischen Soldaten. Da steht ein großer Soldat, links hält er ein Kind, rechts ein Schwert und das zertrümmerte Hakenkreuz, diese Dinge schwingen mit.

In der Serie „Biorobots II“ tauchen ähnliche Menschen auf, allerdings agieren sie in einer seltsam anonymen Landschaft.

Eine Umgebung ohne Hülle und DNA. Die Bauten, die man hier sieht, tragen keine Initialen, es gibt keine Geschichte mehr.

Man kann diese kahlen Häuser nicht verorten.

Null.

Wo haben Sie das aufgenommen?

In einer Truppenübungsstadt in Sachsen-Anhalt, die für die Bundeswehr zum Häuserkampf geschaffen wurde. Erst hatte ich nach alten Kasernen geschaut, die hatten aber alle zu viel Geschichte. Diese hier hat alles, was eine Stadt-DNA vorgibt, bloß kein Gesicht.

Haben Sie solche Bilder vorher im Kopf, oder entwickeln Sie die Ideen vor Ort?

Ich bin auf der Suche nach einem bestimmten Ort, das kann eine Weile dauern, dann mache ich Probeschüsse, und dann entscheide ich irgendwann, das durchzuziehen. Das ist schon ein logistischer Aufwand. Allein für die Beleuchtung braucht man drei bis vier Personen.

Der Künstler

Andreas Mühe, 1979 in Karl-Marx-Stadt (heute wieder Chemnitz) geboren, lebt als Fotograf und Künstler in Berlin. Er hat viele Jahre lang für Zeitungen und Magazine wie „Die Zeit“ oder „Vanity Fair“ gearbeitet. Seine künstlerischen Werke beschäftigen sich häufig mit den Themen Macht, Politik, Familie und Nationalität.

Berühmt sind seine Porträts von Angela Merkel, die er während ihrer Zeit als Bundeskanzlerin auf mehreren Reisen begleitet und deren Habitus er analysiert hat (vgl. auch FR vom 13. Juli 2021). Sein Vater war der Schauspieler Ulrich Mühe, die Schauspielerin Anna Maria Mühe ist seine Halbschwester.

Die Ausstellung „Stories of Conflict“ ist bis zum 19. Juni im Städel Museum in Frankfurt zu sehen und präsentiert 45 serielle Arbeiten, die zwischen 2008 und 2021 entstanden sind. www.staedel-museum.de
Foto: Stefan Heinrichs

Sagen Sie den Leuten exakt, was sie tun sollen?

Ja. Ich weiß genau, was ich erzählen will, aber gute Darsteller können natürlich auch selbst etwas beitragen.

All diesen Serien scheint eine tiefe Traurigkeit zugrunde zu liegen.

Es liegt eine große Schwärze über allen Motiven, ja.

Sie zeigen aber auch zwei Serien mit dem Titel „Obersalzberg“. Es geht um den Nationalsozialismus. Sie lassen Protagonisten – einer im Hitlerkostüm – in die Landschaft pinkeln oder in Selfie-Haltung posieren. Das wirkt ziemlich lustig.

Ja, diese Serie ist eigentlich viel humoresker als andere. Aber es sind Landschaftsaufnahmen, die Figuren sind winzig, sie machen nicht mal fünf Prozent des Bildes aus. Und trotzdem regen sie einen auf.

Die Blickwinkel sind aber nicht so, dass sie die perfekte Landschaft abbilden. Einmal ist zu viel Himmel drauf, einmal ein schief gewachsener Baum.

Immerhin ist der Watzmann zu sehen, der deutsche Mythenberg. Hundert Tote seit Erstbesteigung. Es ist ein Gebiet, das der Mensch sich sehr zu eigen machen wollte. Und diese Benutzung findet auf der Terrasse des Berghofs statt: Blauer Himmel, Sonnenschein, der Diktator lädt zu Kaffee und Kuchen. Und nichts anderes sieht man dann auf diesem Bild hier ...

... zusammengeklappte Gartenstühle?

Das ist ein Sezieren der Terrasse des Berghofs. Das sind allerdings nicht die Originalstühle.

Sie machen das, was andere am Computer machen, in der Realität.

Ich muss alles erleben. Der Satz „Der Weg ist das Ziel“ klingt zwar abgedroschen, aber so ist es. Ich bin bestimmt mit einer gewissen Naivität in diese Landschaft gegangen und hatte eine bestimmte Idee. Aber dann gehst du da rein, redest mit den Leuten, und dann fängst du an zu begreifen, wie Landschaft für den Ort funktioniert. So eine Serie entsteht über die Zeit und das Sein am Ort. Am Computer entsteht bei mir gar nichts. Das ist alles mit der Großbildkamera aufgenommen, bis auf die Angela-Merkel-Serie, die ist mit einer 6 x 6-Kamera fotografiert, aber das hat etwas mit der Enge im Auto zu tun.

Die Figur auf dieser Caspar-David-Friedrich-Landschaft aus der Serie „Neue Romantik“ sind Sie, oder?

Ja. Caspar David Friedrich hat das Gleiche gesehen wie ich: Die Sonne geht auf, und dann zeigt sich das schönste Farbspektrum, das es gibt. Das war schon immer so.

Wieso sind Sie nackt auf dem Bild?

Statt das Bürgerliche im feinen Zwirn wollte ich das ordinäre Nackte abbilden.

Ihre Körperhaltung wirkt auf mich indifferent. Das ist jedenfalls keine stolze oder demonstrativ nachdenkliche Pose. Es wirkt fast schon ein wenig ungeschickt.

Es ist ostentativ an diesem Punkt. Es geht da aber auch sehr steil runter. Es war gar nicht so leicht, einen solchen Blickwinkel zu finden. Das ist ein Nationalpark, alles ist abgesperrt. Und diese Arbeit hier, wissen Sie, wo das aufgenommen wurde?

Die Bilder mit den bürgerlichen Häusern drauf? Nein.

Die Häuser stehen in der Waldsiedlung Wandlitz, wohin sich die Obrigkeit der DDR zurückgezogen hat. Da haben sie gewohnt, haben die Mauern von innen grün gestrichen, und die Bürger der DDR dachten, bei denen käme der Champagner aus goldenen Wasserhähnen.

In Wirklichkeit ist es ganz bieder gewesen.

Genau. Da geht es um das Wissen um Wirklichkeit und den Sehnsuchtsort. Das war schon eine Enttäuschung, als man nach der Wende feststellte, dass so das Schlaraffenland aussah.

Wer wohnt da jetzt?

Das ist mittlerweile eine Klinik. Die äußere Hülle steht unter Denkmalschutz.

Die Häuser wirken seltsam gruselig, wohl weil es Nachtaufnahmen sind, die zudem im Winter aufgenommen wurden.

Vor allem, weil alle Gardinen zugezogen sind. Das hat eine durchgehende Stringenz, dadurch hat es etwas Deutsches, etwas Böses.

Und zugleich ist es völlig banal.

So sind die Häuser ja auch. Meine Idee war, dass es aussehen soll wie Pappwände. Es soll durch die Beleuchtung so wirken, als könne man sie umschubsen.

Was, glauben Sie, ist es, das all Ihre Serien verbindet?

Der Titel der Ausstellung „Stories of Conflict“ ( lacht ).

Interview: Sandra Danicke

Aus der Serie: „Wandlitz“, 2011. Foto: Andreas Mühe, VG Bild-Kunst Bonn 2022
Aus der Serie: „Wandlitz“, 2011. © Andreas Mühe, VG Bild-Kunst Bonn 2022

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