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Entdeckung der monumentalen Grabfigur am 12. März 1912 in Tell Halaf.
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Entdeckung der monumentalen Grabfigur am 12. März 1912 in Tell Halaf.

Pergamon Museum Berlin

Die Kraft des geschundenen Steins

Keine Oberflächen-Denkmalpflege, sondern richtige Restauratorenkunst: Die Ausstellung "Die geretteten Götter aus dem Palast vom Tell Halaf" im Pergamon Museum Berlin lässt die mächtigen Skulpturen, die 1943 im Krieg zerstört wurden, die Max von Oppenheim ausgrub aufleben.

Von Nikolaus Bernau

Keine Oberflächen-Denkmalpflege, sondern richtige Restauratorenkunst: Die Ausstellung "Die geretteten Götter aus dem Palast vom Tell Halaf" im Pergamon Museum Berlin lässt die mächtigen Skulpturen, die 1943 im Krieg zerstört wurden, die Max von Oppenheim ausgrub aufleben.

Tell Halaf – das war in der Museumswelt über Jahrzehnte der Inbegriff einer Katastrophe, die allenfalls in der Verwüstung des Flakbunkers Friedrichshain ein Gegenstück hatte. Dort gingen im Mai 1945 nach der Eroberung Berlins durch die Rote Armee Hunderte Gemälde, Skulpturen, Glas- und Terrakottaarbeiten von Weltrang verloren; ob durch Raub, Brand oder beides, das ist bis heute ungeklärt.

Das Tell-Halaf-Museum in Berlin-Charlottenburg lag da schon anderthalb Jahre in Ruinen. 1930 hatte es eröffnet, war trotz der sehr provisorischen Inszenierung in einer alten Fabrikhalle weltberühmt geworden. Doch 1943 brannte die Halle nach einem Bombenangriff aus, die gewaltigen, bei den Ausgrabungen Max von Oppenheims im syrischen Tell Halaf gefundenen Basaltfiguren zerbarsten in Tausende von Bruchstücken, als das kalte Löschwasser auf ihre bis zu 900 Grad heiße Oberfläche traf. Das Museum schien verloren, die Skulpturen konnte man nur noch auf Fotografien oder aber als Abgüsse studieren.

Und nun beginnt der große Unterschied zur Flakbunker-Tragödie: Das Tell-Halaf-Museum Max von Oppenheims nämlich erlebt derzeit im Nordflügel des Pergamonmuseums seine triumphale Wiederauferstehung. Grandios inszeniert von dem Berliner Architekten Moritz Schneider aus dem Büro neo.studio, strahlen die aus 27.000 Fragmenten wieder zusammengesetzten Skulpturen vor goldenen Wänden: dramatisch aufgerichtet im Kunstlicht des Kopfbausaals, streng und nüchtern auf einem fabrikgleichen Bretterboden im satten Südlicht des zum Ehrenhof hergerichteten Saals, in einer Sanddüne, auf flachen Podesten und Vitrinen im klaren, kühlen Nordlicht des Stadtbahnsaals.

Draußen rattert die S-Bahn, man erinnert sich an die Bagdad-Bahn, mit der das Deutsche Kaiserreich seinen Einfluss bis tief in den Nahen Osten ausweiten wollte, die letztlich für viele Ausgrabungen in Babylon und Assur, Baalbek, Mschatta und eben auch in Tell Halaf der kulturpolitische Auslöser war.

Vollplastisch, monumental

Diese Wiederauferstehung ist in der Museumsgeschichte fast einzigartig. Als Pendant fällt einem allenfalls das gigantische Fliesenpuzzle ein, das vom Vorderasiatischen Museum in den zwanziger Jahren für die Rekonstruktion der Reliefs vom Ischtar-Tor und von der Prozessionsstraße aus Babylon unternommen wurde. Oder die Rettung der Mschatta-Fassade in den fünfziger Jahren, die ebenfalls schwer von Bomben getroffen worden war. Doch dort wurden Reliefs zusammengesetzt, mit einer eindeutigen Vorder- und Rückseite und nur wenig Füllmasse.

Die Skulpturen aus Tell Halaf hingegen sind vollplastisch, monumental, kraftvoll. Dass die Archäologen und Restauratoren um Nadja Cholidis, Lutz Martin und Stefan Geismeier die Mühe nicht gescheut haben, auch das Innenleben dieser Skulpturen wieder herzustellen, kann nicht hoch genug gewürdigt werden. Hier ist eben keine Oberflächendenkmalpflege zu sehen, sondern wirkliche Restauratorenkunst. Man spürt regelrecht die Masse, das Gewicht der Skulpturen, Architekturfragmente und Reliefs, und sei es nur deswegen, weil so manche Wunde eben nicht geheilt werden konnte, der Blick nur auf rohen, ausgeglühten Basalt fällt.

Wir können heute den ästhetischen Reiz dieser Werke wohl weit besser goutieren als die Zeit Max von Oppenheims. Damals war man noch geprägt von der Erinnerung an das Schönheitsideal Griechenlands, die glatte Pracht Roms, hatte sich gerade so gewöhnt an die monumentale Strenge Alt-Ägyptens und der griechischen Archaik. Die Figuren und Reliefs vom Tell Halaf erscheinen im Vergleich zu ihnen klobig, hart – und durchaus barbarisch. Im Katalog liest man von aramäischen Nomaden und Hirten, die, aus der Wüste kommend, langsam die vorderasiatischen Stadtkulturen zermürbten. Sie schwangen sich selbst zu Herrschern auf, hatten aber doch niemals die zivilisatorische Energie für Großstaaten und unterlagen schließlich dem überlegenen neubabylonischen Reich.

Feine Linien und elegante Formen

Wenn man diese Skulpturen sieht, die kaum einmal in die Zweidimensionalität gehen, die immer eine eindeutige Vorder- und eine eindeutige Seitenansicht haben, die in ihrem Zerstörungsbraungrau so kraftvoll, aber eben auch roh erscheinen, dann wird dieser zivilisatorische Unterschied scheinbar eindeutig. Aber man darf nicht vergessen: Was Max von Oppenheim auf dem Tell Halaf ausgrub, das war eine vor Jahrtausenden verlassene Stadt. Kaum wissen wir etwas von ihren Farben, von ihren Stoffen, nur einige Keramiken sind zu sehen, die mit feinen Linien und eleganten Formen eben doch auch von gehobener Lebenskultur erzählen.

Man fragt sich schnell, ob es eigentlich ein Thema gab, das Oppenheim nicht interessierte. Er ließ ausgestopfte Vögel und aufgespießte Käfer nach Berlin senden, machte Tonaufnahmen mit den Beduinen, damit deren Sprachen und Dialekte studiert werden können. Er sammelte islamische Kunst und schenkte auch diese den Berliner Museen.

Im gerade eröffneten Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum erinnert denn auch ein ganzer Salon an Max von Oppenheims orientalisch prachtvolle, aber auch komfortable Wohnkultur, die in Berlin nur durch einige Fotos angedeutet werden kann. Er war ein Weltmann, der das, was heute so heftig debattiert wird – die Nähe zwischen Orient und Okzident – vorgelebt hat.

Nun wirft diese unglaubliche Rekonstruktionsleistung eines verloren geglaubten Museums wenigstens zwei Fragen auf: Was geschieht mit den Skulpturen, wenn diese Ausstellung in sechs Monaten zu Ende geht? Die Direktorin des Vorderasiatischen Museums, Beate Salje, will einige der Stücke in ihre Dauerausstellung integrieren. Der Rest soll durch die Welt geschickt werden. Nach New York, Paris, London – und wenn das Außenministerium finanziell beispringt, so Beate Salje, dann müsste auch eine Ausstellung in Syrien möglich sein. In Aleppo lagert nämlich die zweite Hälfte der zwischen Oppenheim und den damals osmanischen Antikenbehörden geteilten Funde. Eine solche Vorneweg-Aktion gegen nationalistische Rückgabeanfragen wäre wohl sinnvoll – das zeigen die Erfahrungen der Nofretete-Querelen und die keineswegs stabilen politischen Verhältnisse in Syrien.

Für ein Provisorium

Und warum nicht ein provisorisches Tell-Halaf-Museum installieren, sei es in den Kellern des Pergamonmuseums oder auch in der unmittelbaren Umgebung? Etwa auf dem künftig für den Neubau einer Gemäldegalerie frei gehaltenen Kasernengelände. Ein guter Schuppen kann nicht so viel kosten. Zumal der große Umbau des Südflügels, der genug Platz für Oppenheims Sammlung schaffen soll, ja erst 2019 beginnt, also frühestens 2025 fertiggestellt wird.

Denn auch bis dahin will die Lust auf Tell Halaf, auf den Mythos vom Vergehen und Wiederauferstehen, die durch diese Ausstellung geweckt wird, befriedigt werden.

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