Fenster aus Marienhausen, 14. Jh., Diözesanmuseum Limburg.
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Fenster aus Marienhausen, 14. Jh., Diözesanmuseum Limburg.

Christentum

Der Konzern der weißen Mönche

  • vonMartin Oehlen
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Die weit ausgreifende Ausstellung "Das Europa der Klöster" erzählt in Bonn vom Aufstieg und von der Bedeutung der Zisterzienser.

An Martin Luther kommt in diesem Gedenkjahr kaum einer vorbei. Auch nicht die Ausstellung „Die Zisterzienser – das Europa der Klöster“ im Museum des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) in Bonn. Dort hat der Reformator das letzte Wort. Ganz am Ende des Rundgangs stößt der Betrachter auf den „Sendbrief“, den Luther 1520 an Papst („Bapst“) Leo X. geschickt hat. Darin beklagt Luther die Verwerfungen und Verlotterungen in der katholischen Kirche – und verweist gleich zweimal auf den großen Zisterzienser-Mönch Bernhard von Clairvaux, der mit seiner Kirchenkritik bereits im 12. Jahrhundert zur Umkehr aufgerufen hatte. Luther also ist eine Art Wiedergänger der zisterziensischen Reformer, die den Ordensregeln des Heiligen Benedikt aus dem 6. Jahrhundert mit neuem Ernst folgen wollten.

Als Robert von Molesme im Jahre 1098 mit 21 Mönchen nach Cîteaux bei Dijon zog, um dort ein Klosterleben in Gebet und Askese zu führen, begründete er nicht nur eine besondere Tiefe der Gottessuche. Auch schuf er die Keimzelle für ein Netzwerk, wie die Ausstellung immer wieder betont, das mit seinen zur Hochzeit rund 650 Klöstern ein wirtschaftlicher Faktor ersten Ranges war. Und die Kunst dieser Mönche, die der Losung „Weniger ist mehr“ folgen sollte, ist nach Ansicht von Museumsdirektorin Gabriele Uelsberg noch heute faszinierend und berührend. Der Nachweis wird in Bonn erbracht.

Dass sich der regional ausgerichtete Landschaftsverband Rheinland (LVR) eines solch überregionalen Themas annimmt, ist nur zu begrüßen. Denn gerade im Rheinland sind die Zisterzienser bis zur napoleonischen Säkularisation am Beginn des 19. Jahrhunderts stark vertreten gewesen. Nicht zuletzt mit den frühen Klöstern in Altenberg, mit Heisterbach bei Bonn und mit Kamp im heutigen Kamp-Lintfort, der ersten Gründung auf deutschem Boden. Der Einfluss auf die historische Entwicklung des Kontinents ist so groß, dass im Titel der Schau getrost von einem „Europa der Klöster“ die Rede sein darf.

Bereits im Jahre 1980 hatte der LVR eine Zisterzienser-Ausstellung in Aachen eingerichtet, die zeitlich noch weiter ausholte, also sich nicht wie jetzt auf das Mittelalter beschränkte. Der damalige Titel „Ordensleben zwischen Ideal und Wirklichkeit“ wird in der aktuellen Präsentation bestätigt. Prinzip und Praxis waren nicht immer übereinzubringen. Auch ein Mönch war nur ein Mensch, der zuweilen von der Askese genug hatte. Es durfte dann auch schon mal etwas mehr sein – mehr Wein, mehr Glanz, mehr Muße.

„Ora et labora“, bete und arbeite, lautete das zentrale Motto des Heiligen Benedikt. Die „Regula Benidicti“ sah vor, Nahrung und Kleidung durch eigene Arbeit zu erwerben. Umso ambitionierter war dieses Ziel, da sich die Zisterzienser stets solche Orte aussuchten, wo sie ihre Ruhe hatten – also in der Wildnis, wo das Überleben noch ein bisschen schwieriger war als andernorts. Diese Klöster-Gründungen waren oft die „Vorposten der Landesherrschaft auf noch unsicherem Terrain“, wie es im lohnenden Katalog heißt. Die Mönche wirtschafteten äußerst konzentriert und erfolgreich. Was kein Wunder ist: Denn wo die Arbeit zum religiösen Kernprogramm gehört, kann es im Prinzip nie an der rechten Motivation fehlen, den Wald zu roden und das Feld zu beackern. Dabei wurden die Mönche von Laienbrüdern unterstützt, den sogenannten Konversen, über die die Forschung noch nicht allzu viel weiß.

Mit ihrer Überproduktion zogen die Zisterzienser in die Städte, um Handel zu treiben. Zu diesem Zweck errichteten sie „Stadthäuser“, in denen sie ihre Waren lagerten und feilboten. Gleich mehrere Klöster hatten solche Dependancen im mittelalterlichen Köln. Der „Konzern der weißen Mönche“ wurde zentral verwaltet, was die Effizienz befeuerte. Die Gewinne stiegen stetig. Damit konnte neues Land gekauft werden, das schließlich auch verpachtet wurde. Solch ein Erfolg sorgte auch für Unmut, wohl nicht zuletzt bei der weltlichen Konkurrenz. Cäsarius von Heisterbach, der Erzähler unter den Zisterziensern, hielt um 1220 fest, was angeblich Kölner Bürger über Zisterzienser gesagt hatten, die überfallen worden waren: „Recht ist ihnen geschehen. Die Mönche sind habgierig, sie sind Kaufleute. Gott kann ihre Habsucht nicht dulden.“

Die lehrreiche und mit einigen ihrer Exponate begeisternde Ausstellung will mit der Lebenswelt der Mönche vertraut machen: Kirche, Kreuzgang, Klausur und Skriptorium sind einige der Stationen. Gerade die schönsten Objekte zeigen, dass sich die Mönche im Laufe der Zeit auch von dem benediktinischen Ideal der Schmucklosigkeit entfernt haben: die wunderbar schwingende und königlich gewandete Muttergottes auf der Mondsichel, einst im Kloster Eberbach im Rheingau und jetzt im Louvre zu Hause, dann der frisch restaurierte und kraftvoll leuchtende Altar aus dem Kloster Kamp, überhaupt die zunehmend bunter werdende Buchkunst, das Bernhard-Gemälde aus dem Kölner Wallraf-Museum, nicht zuletzt das spätmittelalterliche Kreuzigungsrelief aus dem Frauenkloster Graefenthal am Niederrhein, in dem eine Vielzahl entspannt dreinblickender Zisterzienserinnen dem Betrachter entgegenschreiten.

Dass das Mönchsleben ein meist stilles und karges sein sollte, steht außer Frage. Eine eigene Gebärdensprache wurde entwickelt, um das Reden zu reduzieren. Die vertraute Angela-Merkel-Raute etwa bedeutete „Brot“. Wer die Benedikt-Regel brach, musste mit Bestrafung rechnen. Zwei Holzpritschen zur Züchtigung sind in der Ausstellung zu sehen. Allerdings deutet der jeweils recht kurze Stil an, dass zumindest mit diesen Instrumenten niemand bis aufs Blut gequält worden sein konnte.

Im Spätmittelalter gerieten die Zisterzienser in dieselbe Krise, in der einst die Benediktiner gesteckt hatten, von denen sich Robert von Molesme und die Seinen einst angewidert abgewendet hatten. Im Falle der Zisterzienser waren es die Trappisten, die sich zu einem strengeren Gehorsam gegenüber der benediktinischen Ordensregel bekannten. Aber da sich die Ausstellung auf Aufstieg und Blüte des Ordens beschränkt, fehlt diese Krisenzeit. Die Pritsche bleibt in der Vitrine.

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