+
Volker Döhne: "Ohne Titel (Bunt)", 1979 (2014)

"Fotografien werden Bilder ? Die Becher-Klasse"

Der Weg zum Konstrukt Fotografie

  • schließen

Eine großartige Ausstellung im Frankfurter Städel Museum stellt das legendäre Paar Bernd und Hilla Becher als Lehrmeister von Künstlergenerationen vor.

Ein gigantischer Wohnkomplex, Hunderte identisch konstruierter Fenster. Viereck reiht sich an Viereck, stapelt sich auf Viereck. Doch jedes dieser Vierecke ist unterschiedlich gefüllt: mit Vorhängen, Möbeln, Utensilien, Menschen, die durch die Scheiben zu sehen sind. Die Fotografie, die Andreas Gursky 1993 von einem gigantischen Wohnblock im Pariser Viertel Montparnasse gemacht hat, erzählt von der Individualität im Kollektiven. Und sie erzählt davon, wie die Fotografie zu einem künstlerischen Selbstbewusstsein fand, das noch einige Jahre zuvor gar nicht so selbstverständlich war. Gurskys Monumentalbild wirkt wie ein Gemälde. Und es ist auch ein Gemälde, in dem Sinne, dass der Künstler sich die Freiheit nahm, sein Foto zu arrangieren, es am Computer zu manipulieren. So wie auf diesem Foto kann man das Gebäude aus keiner Perspektive sehen. In dieser Form existiert es nur auf dem Bild.

Peter Lindbergh ist tot: Ein Nachruf auf den legendären Modefotografen

Gezeigt wird es derzeit in der großartigen Ausstellung „Fotografien werden Bilder – Die Becher-Klasse“ im Frankfurter Städel Museum. Eine Schau, die neben einer Reihe von Aufnahmen, die das legendäre Fotografen-Paar Bernd und Hilla Becher gemacht hat, vor allem Bilder ihrer Schüler zeigt. Die der frühen Schüler, die 1976 oder bald darauf an der Düsseldorfer Kunstakademie studierten, um genau zu sein. Neun Künstler werden präsentiert, sechs davon sind weltberühmt. Sie haben die Kunstfotografie der Gegenwart in einem Maße geprägt, wie man das von anderen Kunstgattungen nicht kennt.

Gursky ist einer von ihnen, und die Tatsache, dass seine Bilder nur vorgeben, dokumentarisch zu sein, dass sie es bei genauer Betrachtung ganz und gar nicht sind, könnte als Hinweis darauf gelesen werden, dass Gursky mit den Prämissen seiner Lehrer gebrochen hat. Hatten diese doch keinerlei Eingriffe am zu fotografierenden Gegenstand (meist handelt es sich um Industriedenkmäler) zugelassen und an ihre Fotografien einen nachgerade wissenschaftlichen Anspruch gestellt. Und doch ist die Nähe von Gurskys Werk zu dem der Bechers denkbar groß.

Allen dreien ging es um eine Art Enzyklopädie des Vorhandenen. Während die Lehrer dem Anspruch dadurch gerecht wurden, dass sie „anonyme Skulpturen“ vor dem vollständigen Verschwinden bewahrten und Ähnliches nebeneinander stellten, um damit den direkten Vergleich zu ermöglichen, schuf Gursky eine Art Mega-Zeichen für einen bestimmten Bautyp, eine bestimmte Kulturlandschaft. In beiden Fällen handelt es sich um Prototypen.

Die frühen Jahre der Becher-Klasse waren eine Zeit, in der sich das Medium noch einmal neu erfunden hat. „Im Prinzip war sie ein leerer Acker, auf dem in den letzten fünfzig Jahren nichts ,Wichtiges‘ passiert war“, erklärte Thomas Ruff einmal rückblickend über die damalige Fotografie. „Wir sahen uns in der Tradition der sachlichen Fotografie der 1920er Jahre, an die als erste Bernd und Hilla Becher wieder anknüpften. Es gab absolut nichts, gegen das man kämpfen oder gegen das man sich absetzen musste. Wir konnten bei null anfangen.“

Zahlreiche der frühen Becher-Schüler arbeiteten (oder arbeiten noch) in Serien. Mal zusammengefasst in Reihen wie Tata Ronkholz, die zum Beispiel Trinkhallen möglichst nüchtern fotografiert hat, mal als Einzelwerke, die in der Zusammenschau als Serie wirken wie bei Candida Höfer, die vornehmlich in öffentlichen Gebäuden fotografierte, etwa in Bibliotheken, Theatern, Museen.

Zunächst arbeiteten sie alle in kleinen Formaten, schwarzweiß und mehr oder weniger dokumentarisch. Damals ging es ihnen um den urbanen Außenraum. Nach und nach – das lässt sich in der Ausstellung wunderbar nachvollziehen – emanzipieren sich die Schüler vom Vorbild ihrer Lehrer, entwickeln es weiter, denken es neu. Einige begannen damit, Farben einzusetzen, neben Gursky und Höfer sind das vor allem Thomas Ruff, Jörg Sasse, Volker Döhne und Axel Hütte. Die meisten wendeten sich schließlich vom Konzept der Bechers ab, nach dem die Fotografie in erster Linie abbildet, was ist.

Bei aller Nüchternheit, strukturellen Klarheit und technischen Präzision geht es den Nachfolgern im Wesentlichen darum, die Fotografie als Konstrukt vorzuführen und damit ihren Kunstanspruch zu zementieren. Und sei es auch mit Mitteln, die man bis dahin vornehmlich der Werbung zuordnete: große Formate, satte Farben, die Verwendung von Plexiglasoberflächen und der Einsatz digitaler Manipulation.

Zum Beispiel die riesigen Porträtaufnahmen, die Thomas Ruff in den achtziger und frühen neunziger Jahren von Freunden und Bekannten gemacht hat: Sie zeigen Gesichter, ernst und frontal wie auf Passbildern vor neutralen Hintergründen. Es sind Bilder, die nichts über ihre Subjekte verraten, die oberflächlich wirken und damit eine irritierende Aussage über einen Aspekt des Mediums treffen.

Es waren vermutlich auch der Zeitgeist und die enormen technischen Entwicklungen, die dafür sorgten, dass die meisten Becher-Schüler es für geboten hielten, sich mit dem Medium und seinen Möglichkeiten unter einem neuen Blickwinkel auseinanderzusetzen. So digitalisiert Jörg Sasse seit den frühen Neunzigern gefundene (und eigene) Fotografien und bearbeitet sie so lange, bis sie seiner Vorstellung eines Bildes entsprechen. Das bedeutet unter anderem: Er verstärkt vorhandene Unschärfen zur Betonung des Malerischen oder er lässt Dinge verschwinden. Seine Bilder haben mit dem, was sich einmal vor der Kamera befunden haben mag, nahezu nichts mehr zu tun. Weiter kann man sich kaum von den Prämissen der Bechers entfernen. Sieht man die Arbeiten aber im Kontext seines Frühwerks, spürt man genau, wo Sasse sein Handwerk und vielmehr noch: eine stringente Art zu denken gelernt hat.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion