+
Soft Ground und Rooted Upon von und mit Ai Weiwei.

Ai Weiwei im Münchner Haus der Kunst

Konfuzius und Andy Warhol

  • schließen

Die Tragödie hinter den Kinderrucksäcken, das öffentliche Kunstwerk in der Reise nach Kassel: Ai Weiwei im Münchner Haus der Kunst. Von Peter Michalzik

Durch drei riesige Installationen muss gehen, wer zu Ai Weiwei ins Münchner Haus der Kunst will. 9000 Kinderrucksäcke hängen vor der Säulenfassade am Eingang, sie bedecken fast das gesamte Gebäude. Die 9000 bunten Rucksäcke ergeben, wenn man weiter zurücktritt und durch die lichter werdenden Bäume vor dem Haus der Kunst hindurchschaut, einen chinesischen Schriftzug. "Sieben Jahre lang lebte sie glücklich in dieser Welt", steht da. Eine Mutter hat es zu Ai Weiwei gesagt. Der sanfte, kleine Rucksacksatz ist ungemein berührend. Die siebenjährige Tochter ist eines der 5335 toten Kinder, die bei dem Erdbeben von Sichuan ums Leben kamen.

Ai Weiwei hat die Zahl gegen den Widerstand der chinesischen Regierung mit einem Helferteam letztes Jahr recherchiert, nachdem ihm die vielen Schulrucksäcke zwischen den Erdbebentrümmern aufgefallen waren. Es waren der baufälligen Schulen wegen besonders viele Kinder umgekommen. "Remembering" heißt die Installation.

In der großen Eingangshalle, in die man kommt, wenn man unter den Rucksäcken hindurch gegangen ist, liegt der eingestürzte Turm, den Ai bei der letzten Documenta aus Türen der Ming- und Quing-Dynastie auf die Kasseler Karlsaue hatte bauen lassen. Der 12 Meter hohe Turm drehte sich beim Einstürzen um seine eigene Achse, als ob ein Strudel an ihm gesogen hätte. Das so zerstörte Werk gefiel Ai Weiwei dann viel besser, und er konservierte das zusammengestürzte Holzungetüm. Auch "Template" ist ein Werk der Erinnerung: Die Installation bezieht einen Teil ihrer Kraft daraus, dass die jahrhundertealten Holztüren zur Zeit massenweise dem chinesischen Bauboom zum Opfer fallen.

Geht man weiter nach rechts, kommt man in den zentralen Ausstellungssaal. An allen vier Wänden hängen hier Schwarz-Weiß-Fotos der 1001 Chinesen, die Ai Weiwei zur Documenta eingeladen hat. Glückliche Menschen, fotografiert, nachdem sie ihr Visum bekommen hatten. Glückliche Menschen, die drauf und dran sind, Ai Weiweis Vision vom großen Austausch Wirklichkeit werden zu lassen. Auf dem Boden des Ausstellungssaals befindet sich die Installation "Soft Ground", elf mal 36 Meter groß. Ai hat von chinesischen Teppichknüpferinnen extrem kunstvoll die 969 Bodenplatten im Haus der Kunst, die unter dem Teppich sind, mit all ihren Strukturen, Rissen und Verfärbungen nachweben lassen.

Der Triumph des Handwerks über die Ideologie: Durchlässig und weich wird das schroffe Nazigebäude durch seinen neuen Teppich, richtig berührend, und die feine Ironie zwischen Kunst und Fake, Stein und Stoff schwebt wie ein feiner Duft im Raum. Auf diesem Teppich steht ein Wald von riesigen, entrindeten Wurzeln. Jahrhundertealte, knorrige, in sich verdrehte, jetzt entwurzelte Wachstumsquellen. Der Wurzelwald sieht aus wie die gefrorene Verbindung des großen Austauschs zwischen der Erde und dem Lebendigen.

Ai Weiweis Arbeiten sind versöhnlich, selbst wo sie anklagen. Selbst wo er verstört, steckt in ihnen Trost. Diese Arbeiten sind so offen für alles, was geschieht. Eine Art kontemplativer Gleichmut gegenüber dem Lauf der Dinge paart sich mit einem klaren Benennen: die toten Schulkinder, die zerstörte Stadt. "Ohne Regung, unvoreingenommen, sehr objektiv und zugleich absurd, verrückt und unsinnig" beschreibt er seine Videoarbeiten, in denen er akribisch und ausdauernd die gigantischen chinesischen Traversalen gefilmt hat, die die alten Städte unter sich begraben.

Aber liegt es wirklich an diesen Arbeiten, dass Ai Weiwei der neue Weltstar der Bildenden Kunst geworden ist? Neben dem Basketballer Yao Ming (und ausgenommen Mao) dürfte er mittlerweile der bekannteste Chinese weltweit sein. Mit Sicherheit ist er der bekannteste Regimekritiker Chinas. Sein Ruf begann mit dem Bau des Pekinger Olympiastadions, an dem er erst beteiligt war und von dem er sich dann distanzierte. Mit der Documenta-Aktion ist aus dem Ruf dann richtiger Ruhm geworden. Seit Polizisten in der Zeit, als er die Erdbebenopfer von Sichuan recherchierte, nachts in sein Hotelzimmer eindrangen, ihn verprügelten und schwer verwundeten, ist er endgültig legendär. Jeder weiß davon, Ai Weiwei trägt tatkräftig dazu bei: Er smst, bloggt und twittert bis zur Selbstaufgabe. Der Mann hat sich zu einer vollkommen öffentlichen Figur gemacht. Auch vom Krankenbett stellte er die Bilder ins Netz. Gleichzeitig ist das der beste Schutz gegen Verfolgung, wie Ai wohl nicht zu Unrecht sagt.

Ai Weiwei liebt aber nicht nur die schöne neue Kommunikationswelt, er liebt auch alte Tradition und Handwerk. Er scheint genauso tief im alten China wie im aufgeregten New York der achtziger Jahre verwurzelt zu sein, wo er damals lebte und lernte. Er verbindet sozusagen Konfuzius und Andy Warhol, eine in der Tat unwiderstehliche Mischung. Ai Weiwei versöhnt die Widersprüche: Er ist Poet und Aktivist, seine Kunst ist enzyklopädisch und sensualistisch.

Und er selbst wirkt mit seiner runden, freundlichen Heiterkeit wie ein knuffiger Weltweiser. Es ist wahr: Man kann Ai Weiwei nicht nicht mögen. Er gibt einem Hoffnung. Wer durch die Ausstellung in München geht, hat ein schmerzliches, aber auch frohes, ein insgesamt wirklich gutes Gefühl.

Man kann ihm das vorwerfen. Das geht geschieht auch zuweilen. Es gibt tatsächlich etwas Harmloses in seiner Arbeit. Das Thema "Fake" - Name einer Firma von Ai Weiwei, in der das Können des chinesischen Handwerks versammelt ist - wird zu einer Frage des Kunsthandwerks. Wo chinesische Teppichweberinnen sich an Bodenplatten machen, steht das Staunen über die Kunstfertigkeit im Vordergrund. Oder die nackten, entwurzelten Wurzeln: Sie machen nicht traurig, sondern so zufrieden wie die Ents, die gehenden und sprechenden Bäume im "Herr der Ringe".

Die Installationen aus dem Holz zerstörter Häuser der Ming-Dynastie sehen schön gediegen aus wie Antiquitäten. Genauso werden die toten Schulkinder durch die 9000 Rucksäcke zu einem gefährlich dekorativen Ornament. Wenn man ihm böse will, kann man sagen, dass Ai Weiwei "Knuddelkunst für Globalisierte" macht.

Aber das trifft diese Arbeiten nicht im Kern. Denn das Entscheidende ist etwas Anderes, es ist die Verwandlungskraft, die Durchlässigkeit, die Objektivität. Anverwandlung ist eine Eigenschaft die man der chinesischen Kultur insgesamt nachsagt, auch Ai Weiwei verwandelt sich vieles an, ohne seine Eigenheit zu verlieren. Was er anfasst, wird aus der starren Form, dem Reglement, dem Apparat, in den Fluss des Lebendigen entlassen. Wenn er alte Vasen in Farbe tunkt, wird die alte Tradition lebendig, obwohl sie verdeckt wird. Wenn er eine dieser Vasen fallen lässt, scheint er sie dabei gleichzeitig zu umarmen.

So erklärt sich auch, dass er sagen kann, dass er kein politischer Künstler sei. Obwohl er chinesische Zustände sehr offen kritisiert, obwohl er vom Staatsapparat geschlagen und verletzt wird. Er wolle sich lediglich in seinen Freiheiten nicht beschneiden lassen, sagt Ai. Dass er im Westen trotzdem als der große Dissident gesehen wird, muss wohl so sein.

Die Münchner Ausstellung leidet ein wenig darunter, dass hier viele Relikte von vergangenen Aktionen stehen, die 1001 Chinesen, ein Raum mit ihrem Zeltlager, der zusammengebrochene Turm. Die Arbeiten sind besser, solange sie selbst im Fluss sind, als in der gefrorenen Form, die ihnen durch das Museum gegeben werden.

Aber auch das muss wohl so sein. Vielleicht ist deswegen die Ausstellung im Haus der Kunst, merkwürdig genug, die erste Retrospektive von Ai Weiweis Werk. Offenbar hat es nach dieser Form nicht gerufen.

"So sorry" ist ihr Titel. Das spielt, in der typisch spöttischen Nettigkeit Ai Weiweis, mit der wohlfeilen Kultur der Entschuldigung, die sich offenbar nicht nur im Westen breit gemacht hat. Man sagt "Sorry", damit ist die Sache, erledigt, egal was man zuvor gemacht hat. Ai Weiwei hat für den Hohn, der darin liegt, durch seinen Vater, der in der Kulturrevolution ein Ausgestoßener war, und nach seiner Rehabilitierung gerade mal ein "Sorry" hörte, ein feines Gespür.

Ai Weiweis wichtigste Vorbilder sind, wie er selbst sagt, die Readymades von Marcel Duchamp, Alltagsgegenstände, die durch die Entscheidung des Künstlers zum Kunstwerk werden. Während das Readymade bei Duchamp durch seine intellektuelle Schärfe ein Affront war, während sein Avantgardismus etwas Schroffes hatte, findet bei Ai Weiwei eine umgekehrte Bewegung statt. Er umarmt das Schroffe, er vernetzt es, verändert es, beseelt es. Es ist leichter, könnte man sagen, dass ein Reicher ins Himmelreich kommt, als dass ein Gegenstand durch jenes Nadelöhr geht, durch das er lebendig wird. Genau das aber machen die Arbeiten von Ai Weiwei.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion