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Marlene Dumas, ?Godess?, 1997.
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Marlene Dumas, ?Godess?, 1997.

Museum für Moderne Kunst

Konfetti und Tod

  • vonSandra Danicke
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Der Theatermann Ersan Mondtag inszeneirt Werke des Frankfurter Museums für Moderne Kunst im MMK2 so, dass sie wieder verstören.

Man verlässt diese Ausstellung tief bewegt. Naturgemäß liegt das an den Werken, die man hier sehen kann, aber nicht nur. Es ist im Wesentlichen die Inszenierung, die die Schau „I Am A Problem“, die derzeit das Museum für Moderne Kunst im MMK 2 in Frankfurt zeigt, zu einer kleinen Sensation macht. Das geht bereits am Eingang los, denn man betritt die Ausstellung durch einen gelben Streifenvorhang aus Plastik, was ein wenig an eine Schlachterei erinnert. Dahinter tanzt ein Jüngling mit Discohöschen neben dem gefilmten Gesicht von Joseph Beuys. Verwirrung ist gar kein Ausdruck. Auch sämtliche Wände sind mit dem gelben Kunststoff bezogen; durch die verwinkelte Halle schlängelt sich ein gigantischer schwarzer Wurm.

Wir befinden uns – sinnbildlich – im Magen-Darm-Trakt von Maria Callas. Und das kam so: Peter Gorschlüter, derzeit kommissarischer Direktor des MMK, plante eine Ausstellung zum Thema Selbstoptimierung und hatte die geniale Idee, Ersan Mondtag zu bitten, einen Parcours für Werke aus der Sammlung zu arrangieren. Der renommierte Regisseur und Bühnenbildner (Jahrgang 1987) arbeitet zwischen den Disziplinen Theater, Tanz, Musik, Performance und Installation. Seine Inszenierungen – unter anderem am Thalia Theater Hamburg oder am Schauspiel Frankfurt – sind assoziative Bild- und Geräuschwelten, die sich um Sehnsüchte und Abgründe drehen. Für das MMK bezog sich Mondtag auf einen Mythos: Um Gewicht zu verlieren, soll sich Maria Callas einen Bandwurm mit einem Schluck Champagner einverleibt haben – ein „brutaler, auch lebensgefährlicher Akt“, wie Mondtag erklärt. Tatsächlich wurde die Opernsängerin damals gertenschlank. Ob durch einen Bandwurm oder durch andere Diäten, ist nicht verbürgt.

Was der Mensch so alles unternimmt, um einer – in der Regel ästhetischen – Idealvorstellung zu entsprechen, wie er sich quält, quälen lässt, um in ein fragwürdiges System zu passen, ist Thema der Schau. Die Werke sind in eine Art Bühnenbild eingebettet, ihre Wirkung wird durch suggestive Sounds und gewagte Gegenüberstellungen massiv verstärkt. Bei den Sounds handelt es sich im Wesentlichen um Texte des Autors Thomaspeter Goergen, die von Ensemblemitgliedern des Hamburger Thalia-Theaters eingesprochen wurden – Dialoge, die um existentielle Fragen des Menschseins kreisen.

Er habe die Kunstwerke wie Menschen behandelt, erzählt der Regisseur, der es normalerweise mit sich über eine Bühne bewegenden Protagonisten zu tun hat. Tatsächlich ist es ihm gelungen, die Bilder, Videos und Objekte auf eine Weise zum Sprechen zu bringen, die Gänsehaut verursacht. Bilder, die in anderen Kontexten vermutlich vornehmlich unter ästhetischen Gesichtspunkten wahrgenommen werden, weil sie bildschöne Frauen zeigen (etwa von Vanessa Beecroft oder Bettina Rheims), entwickeln hier eine beängstigende Aura. Eine riesige „Kellogg’s Cornflakes Box“ von Andy Warhol erscheint in diesem Zusammenhang als dekadenter Verweis auf einen aus dem Ruder gelaufenen Konsum.

Regelrecht makaber, aber auch ungemein fesselnd mutet die Kombination eines Benetton-Werbeplakats mit einer Arbeit von Markus Sixay an. Das Plakat von Oliviero Toscani entstand im Rahmen einer 1992 lancierten Anti-HIV-Kampagne und zeigt den AIDS-Patienten David Kirby auf dem Sterbebett, umgeben von seiner trauernden Familie. Davor, auf dem Boden, befindet sich nun ein Becken voller Konfetti. Das Papier wiegt insgesamt 150 Kilogramm, was Sixays Gewicht im Entstehungsjahr 2003 entspricht. Die Besucher dürfen die Arbeit mit dem gruseligen Titel „I am prepared for you“ benutzen – das Gewicht nimmt also sukzessive ab.

Der (unvollkommene) Körper ist ein zentrales Motiv dieser Schau. Wir begegnen ihm bei Robert Gobers männlichem Unterleib, der von sanitären Abflusssieben durchlöchert ist, bei Taryn Simon, die ein palästinensisches Mädchen in den USA auf einem Operationsstuhl fotografiert hat, wo sie sich ihr Jungfernhäutchen künstlich wiederherstellen lässt, oder in den leeren Abgussformen männlicher Leichen von Teresa Margolles. Und wir begegnen ihm beim Blick in die zerbrochenen und mit Kupferdraht reparierten Spiegel von Kader Attia, die auf irreparable individuelle und gesellschaftliche Wunden verweisen. Darauf, dass sich die Narben, die das Leben verursacht, nicht einfach so ausradieren lasse. Dass der Wille zur Perfektion und Optimierung in Gewalt und Eskalation münden kann, ist eine Erkenntnis, die in dieser so theatralischen Schau auf erstaunlich subtile, unterschwellige Weise vermittelt wird. Sie verursacht ein Gefühl permanenten Unwohlseins.

Schönheit findet man vor allem im Unverstellten: etwa im Gesicht von Joseph Beuys, das von Lutz Mommartz 1969 elf Minuten frontal gefilmt wurde. Hier und da kann man in einzelne Elemente des gigantischen Bandwurms, der von der Künstlergruppe Plastique Fantastique entwickelt wurde, eintreten. Was man dort erlebt, lässt einem schon mal die Haare zu Berge stehen.

Museum für Moderne Kunst , MMK 2, Frankfurt: bis 2. Februar. www.mmk-frankfurt.de

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