Reiter aus Benin, im Britischen Museum London.
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Reiter aus Benin, im Britischen Museum London.

Museen

Gefangen in Europa

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Zum Stand der Dinge: Die bevorstehende Eröffnung des Berliner Humboldt Forums lenkt den Blick erneut auf die Benin-Bronzen.

Was James Robert Phillips, Generalkonsul im britischen „Protektorat“ der Niger-Küste, im Dezember 1896 zu seiner Expedition zum sagenumwobenen Sitz des Königs von Benin bewog, ist noch heute ein Rätsel. Es könne sich um bloße Geltungssucht oder die Gier nach den königlichen Schätzen gehandelt haben, mutmaßen Historiker.

Jedenfalls brach der Konsul zwei Tage nach Weihnachten mit sechs britischen Beamten, zwei Geschäftsleuten, zwei Übersetzern und 215 als Träger getarnten einheimischen Soldaten von der nigerianischen Küstenstadt Calabar auf – obwohl ihm von dem „Selbstmordkommando“ eindringlich abgeraten wurde. Auch Ovonramwen, der König („Oba“) Benins, hatte um eine Verschiebung des angeblichen Besuchs gebeten: In Obas Palast fand um diese Zeit ein Fastenritual statt. Als der Gesandte des Empires trotzdem loszog, stand für den Oba dessen feindselige Absicht fest: Die königlichen Truppen legten Phillips’ Tross einen Hinterhalt, entdeckten die Waffen und töteten die meisten Eindringlinge, unter ihnen auch Phillips.

Acht Tage später traf die Kunde von dem „Massaker“ in London ein. Die Kolonialmacht stellte umgehend eine 1200-köpfige „Strafexpedition“ zusammen, die sich zwei Monate später bis nach Benin City vorgekämpft hatte. Sie schleifte die königliche Stadt, deren Erdwälle die Länge der chinesischen Mauer um ein Vierfaches übertrafen, nahm den Oba gefangen und raffte sämtliche Kunstgegenstände aus dessen Palast zusammen. Rund 4000 bronzene Büsten und Reliefs, Elfenbeinschnitzereien und Ritualgegenstände, die bis zu 700 Jahre alt waren – einer der bedeutendsten Kulturschätze Afrikas.

Von der Qualität der „Benin-Bronzen“ war die europäische Fachwelt dermaßen verblüfft, dass sie die Werke den alten Griechen oder portugiesischen Seefahrern zuschrieb: Afrikanern traute man solche Kunstfertigkeit nicht zu. Die Beute fand in Europa reißenden Absatz: Die Stücke wurden von französischen, niederländischen und deutschen Museen aufgekauft, allein 900 Kunstwerke sicherte sich das Britische Museum. Dort lagert ein Großteil des Schatzes seitdem in Abstellkammern. Wiederholt bat die nigerianische Regierung um eine zumindest vorübergehende Überlassung ihres Erbes: ohne Erfolg. Die Rückgabe erbeuteter Kunstwerke ist dem Britischen Museum sogar per Gesetz untersagt.

Der Raub der Benin-Bronzen stellt nur einen – wenn auch krassen – Fall des Diebstahls afrikanischer Kunstwerke durch europäische Beutejäger dar: Experten schätzen, dass sich allein im Pariser Musée du Quai Branly über 90 000 Artefakte aus den südlich der Sahara gelegenen Ländern befinden, im Britischen Museum mindestens ebenso viele. Mehr als 90 Prozent des kulturellen Erbes Afrikas sollen in Sammlungen außerhalb des Kontinents gebunkert sein.

Der skandalöse Umstand wird in der Fachwelt seit Jahrzehnten debattiert. Doch im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung und einer neuen Zuwendung zu den Gräueln des Kolonialismus ist das Thema in diesem Jahr an die breitere Öffentlichkeit geraten. In Frankreich fand im Oktober ein Prozess gegen einen Kongolesen statt, der aus Protest gegen die „Beutekunst“ einen Grabpfahl aus dem Musée du Quai Branly entwenden wollte – er wurde erwartungsgemäß festgenommen. „Das war kein Akt von Ganoven“, suchte Mwazulu Diyabanzas Anwalt deutlich zu machen: „Es handelte sich vielmehr um eine politische Aktion, die in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein für das fortgesetzte Unrecht wecken soll.“ Diyabanza wurde trotzdem zu einer Geldstrafe von 1000 Euro verurteilt: „Wer ist denn hier der eigentliche Dieb?“, kommentierte er.

Dass es bei der Ansammlung afrikanischer Kunstwerke nur selten mit rechten Dingen zuging, ist auch den Direktorinnen und Direktoren der europäischen Museen bewusst. Sie suchen ihr Festhalten an den Schätzen deshalb als treuhänderischen Akt zu rechtfertigen. In den wohltemperierten und gut geschützten Ausstellungshallen des wohlhabenden Nordens seien die Schätze wesentlich besser als in ihren Ursprungsländern aufgehoben: Dort seien sie der gnadenlosen Hitze, der Verwahrlosung, dem Vandalismus, Bürgerkriegen und Dieben ausgesetzt.

Egal, ob sie einst gekauft, geschenkt oder gestohlen wurden: „Die Objekte sind inzwischen Teil der Einrichtungen geworden, die für sie sorgten“, heißt es in einer Erklärung von 18 europäischen und US-Museumschefs aus dem Jahr 2002. Die Rückgabe der Artefakte von den Zuständen in ihren Herkunftsländern abhängig zu machen, sei „wie jemand das Auto zu klauen, und es nur unter der Bedingung zurückgeben zu wollen, dass der Besitzer seine Garage repariert“, erbost sich der nigerianische Künstler und Kurator Chika Okeke-Agulu.

Seit einiger Zeit wird allerdings die hochrangige Politik von Skrupeln geplagt. Er könne es nicht akzeptieren, dass ein Großteil der kulturellen Schätze Afrikas „als Gefangene“ in europäischen Museen gehalten werden, gab Frankreichs Präsident Emmanuel Macron vor drei Jahren vor Studenten in Burkina Faso zu verstehen: „Ich möchte, dass innerhalb der nächsten fünf Jahre die Voraussetzungen für die permanente oder zumindest vorübergehende Rückgabe der Kunstwerke geschaffen werden.“ Zur Prüfung des komplexen Sachverhalts beauftragte Macron eine zweiköpfige Kommission. Die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und der senegalesische Ökonom Felwine Sarr kamen ein Jahr später zu dem Urteil: Jeder „mit Gewalt oder unter unfairen Bedingungen nach Europa verschleppte Artefakt sollte bedingungslos zurückgegeben werden“.

Der Appell löste heftige Gegenreaktionen aus. Es handele sich um ein „naives Versprechen“, das niemals in die Praxis umgesetzt werde, kommentierte der Chefredakteur des französischen Kulturmagazins „Revue Noire“, Simon Njami. Stimme man der Rückgabe auch nur eines Kunstwerkes zu, werde „wenig später das ganze Britische Museum leer sein“, wandte der britische Ex-Premierminister David Cameron ein. Und der nigerianische Kunsthändler Yemisi Shyllon befürchtet, der gesamte afrikanische Kunstmarkt werde zusammenbrechen, falls sich die Werke nicht mehr in den Staaten der nördlichen Hemisphäre befinden, denn „deren Wert hängt von ihrem Standort ab“. Shyllons Alternativvorschlag: Im Fall von Ausstellungen Tantiemen an die Ursprungsländer der Artefakte abzugeben.

Ein anderer Weg: für Museen in afrikanischen Staaten zu sorgen, die zurückgegebene Kunstwerke adäquat aufnehmen können. Wie das vor zwei Jahren eröffnete rund 35 Millionen US-Dollar teure Museum für Schwarze Zivilisationen in Senegals Hauptstadt Dakar oder das im vergangenen Jahr fertiggestellte Musée du Congo in Kinshasa. Frankreich stellte dem westafrikanischen Staat Benin einen Kredit über 20 Millionen Euro zu Verfügung, mit dem in Cotonou ein Musentempel gebaut werden soll.

Vor drei Jahren konstituierte sich in Nigeria eine „Dialog-Gruppe“, um die Voraussetzungen für den Bau eines Königlichen Museums in Benin City zu schaffen. Spätestens in drei Jahren soll dort zumindest ein Teil der Benin-Bronzen entweder vorübergehend oder ständig ausgestellt werden.

Der Benin-Dialog-Gruppe gehören außer britischen, schwedischen und österreichischen Museumsdirektoren und -direktorinnen auch deutsche an: Denn der nach England zweitgrößte Teil der Benin-Bronzen ist in Hamburg oder in Berlin gelagert. Darunter die eindrucksvolle Büste der Königinmutter Idia aus dem 16. Jahrhundert: Sie befindet sich im Besitz des Berliner Ethnologischen Museums und wird gemeinsam mit rund 50 000 anderen afrikanischen Artefakten dem Humboldt-Forum im Schlossneubau eingegliedert, das am 17. Dezember nach und nach eröffnet werden soll.

Aufgerüttelt von der Debatte über das afrikanische Beutegut hatten die Kultusministerinnen und -minister der Bundesländer im März 2019 zwölf „Eckpunkte zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ verabschiedet. Darin heißt es, dass „Rückführungsverfahren mit der erforderlichen Dringlichkeit und Sensibilität“ behandelt werden sollen, dass jedoch gleichzeitig „eine breit angelegte Erforschung der Erwerbungsumstände und der Geschichte von Sammlungsgut“ stattfinden soll. Kein Wunder, dass bislang lediglich einige Schädel von Opfern des Völkermords an den Herero sowie ein von portugiesischen Seefahrern errichtetes Steinkreuz nach Namibia zurückgegeben wurden.

Unterdessen geht der europäische Handel mit afrikanischen Artefakten unverändert weiter. Das Pariser Auktionshaus Christie’s versteigerte kürzlich wieder zwei vom nigerianischen Igbo-Volk stammende Statuen, obwohl Nigeria um einen Stopp der Auktion gebeten hatte. Die Statuen, die für mehr als 200 000 Euro den Besitzer wechselten, seien während des Biafra-Kriegs in den 1960ern gestohlen worden, meint Igbo-Kurator Okeke-Agulu. Das Auktionshaus beharrt: Es gebe keinen Grund zu der Annahme, dass „die Statuen von einem Ortsfremden von ihrem ursprünglichen Standort entfernt“ worden seien.

Es ist dasselbe Argument, das im Zusammenhang mit dem Sklavenhandel immer wieder angeführt wird: Weil die meisten Menschen von Afrikanern selbst gefangen und verkauft wurden, könne man höchstens von einer eingeschränkten Verantwortlichkeit der europäischen Sklavenhändler sprechen. Wieder werden die Opfer zu Tätern gemacht.

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