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Liebesakt, 1915.

Egon Schiele

Der Körper, ein Schlachtfeld

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Obsessiv, brutal, verstörend schön: Sämtliche Gemälde des Wiener Malers Egon Schiele von 1909-1918 in einem Prachtband des Taschen Verlages.

In seiner letzten Stunde hatte der erst 28-jährige Niederösterreicher Egon Schiele, gestorben wenige Tage nach seiner schwangeren Frau Edith an der Spanischen Grippe in Wien, eine Vision: Auf dem Totenbett am letzten Oktobertag 1918 hauchte er mit versagender Kraft die Worte: „Nach meinem Tode, früher oder später, werden die Leute mich gewiss lobpreisen und meine Kunst bewundern.“

So ist es gekommen. Schieles Werk zählt zu Inkunabeln der frühen Moderne nach 1900 und ist, von mancherlei Aufgeregtheiten begleitet, längst „klassisch“ – und zugleich in seinem sinnlich-körperlichen Existenzialismus zeitlos aktuell. Nun, fast 100 Jahre später, gibt der Taschen Verlag einen kiloschweren Prachtband heraus: feinstes Papier, Leinen, goldene Prägeschrift – mit allen 221 Gemälden von 1909-1918, dazu 146 Zeichnungen.

Was nun vorliegt, ist gleichsam das Universalwerk zum Kosmos Schiele. In den DIN A-3-großen, in bester Faksimile-Qualität reproduzierten Bildern – den Selbstporträts, den scheinbar ruchlos lasziven Bildnissen der Halbwelt-Frauen, den schon moribund mageren, durchsichtigen Mädchen und Knaben, den derben Wiener Arbeitern und Markthändlern und etlichen düster-gefleckten Landschaften – steht der getriebene, der aufrührerische, der trotzige, zugleich auch der leidende Künstler-Mensch Schiele vor unseren Augen auf. Ein Monomane, ein Seher, einer, der den menschlichen Körper als Schlachtfeld zeigte. Und als einer, den man heute, trotz des figürlichen Stils wohl einen Konzeptualisten nennen würde, ganz im Sinne des britischen Figuren-Malers Francis Bacon oder der Österreicherin Maria Lassnig.

Schieles Art, Menschen in ihrer Zeit darzustellen, drängt heute hinein in die Bilder- und Gefühlswelt unseres jungen 21. Jahrhunderts. Dieses hat noch nichts nennenswert Stärkeres entgegenzusetzen, wenn es darum geht, den eigenen Körper wenn nicht als Schlachtfeld, so doch als Spielfeld oder Tatort zu inszenieren. Diese präzise kalkulierte Selbstqual. Jede Gefühlsregung, von heftiger Verzweiflung bis zur apathischen Melancholie, wurde bei ihm Farbe, gebrochene Form oder Linie, Verfall, ausströmender Fleck auf der Fläche.

Wie wahnhaft war er auf Schenkel und Gesäß, auf weibliche wie männliche Geschlechtsteile fixiert, auf heterogene, schwule und lesbische Umarmungen. Die Geschlechter hat er gezeichnet und hernach koloriert wie überreife Früchte. Und sich stellte er dar als Heiligen, aber nackt und mit obszön erigiertem Liebeswerkzeug. Die Körper sind schmerzhaft ausgedünnt, vor zeitlos leeren Hintergründen, die zu Abgründen werden.

Um 1914 taumeln sie wie in Trance, ohne Halt und Ziel. Das liegt an der „Geometrie“, aus der Schiele die Gestalten schuf. Eine liegende Frau etwa konstruierte er aus zwei Dreiecken. Und dreieckig ist auch ihr Geschlecht. Schieles ganz aus dem Zeichnerischen kommende Mal-Inszenierungen des Obsessiven, des Abgründigen, des Morbiden, dabei aber zutiefst Menschlichen wirken heute magischer denn je. Diese fast wollüstig verdrehte und überspannte Körperkunst, durch die noch vage der Symbolismus und der Wiener Jugendstil durchscheinen, gilt heute als Identitätssuche eines Malers, der keineswegs, wie der Mythos es behauptet, ein Frühvollendeter war. Eher war Schiele, das besagen diese 600 Buchseiten, wie ein sattgrünes Blatt, das der Sommerwind schon vom Ast gerissen hat.

Zu dem Trugschluss, er sei ein Frühvollendeter gewesen, trägt wohl bei, dass sein Stil sich so rasant änderte. Aber in den letzten Jahren verlangsamte sich die Stilistik. Der souveräne Naturalismus der letzten Frauen- und Selbstbilder spiegelt tatsächlich so etwas wie Notreife. In dem voluminösen Band erleben wir seinen Weg – von Freuds Lehre beeinflusst, von Rastlosigkeit gepeitscht, von Schuldgefühlen verzehrt. Das fast filmisch-sequenzhafte Vorgehen Schieles erweist sich gerade auch in Kindergestalten. Eckige Mädchen in der Pubertät, kleine verlorene Jungen, die er mitfühlend und mit ihrem „inneren Licht“, jedoch in dramatischen Posen zeigte. Dafür saß er 1912 knapp einen Monat lang in Haft – wegen „Verbreitung unsittlicher Zeichnungen“. Bis sich die Anschuldigungen als haltlos erwiesen.

Das in jeder Hinsicht schwergewichtige Kunstbuch hat neun Bild-Text-Kapitel. Wir begegnen dem Wunderkind und Rebellen Schiele, erleben seine exzessive Ästhetik der Verwandlung und seinen passionierten, beinahe explosiven Mix aus hungrig-rastloser Geistigkeit und provokant sexueller Aufgeladenheit. Und wir sehen die Kriegsbilder von 1914 bis 1918 – Körper, Porträts, splittrige Naturmotive wie Landkarten: verletzt, versehrt, malträtiert, neu aufgeteilt. Da bleibt fast nichts von der dekorativen, hingebungsvoll-hymnischen Jugendstil-Bildsprache seines Wiener Mentors Gustav Klimt. Ausgemergelt, eckig und hohlwangig inszenierte Schiele sich zwischen Genie und Wahnsinn. Diese brutale Direktheit stieß damals die feinen Wiener vor den Kopf. „Kunst kann nicht modern sein; Kunst ist urewig“, so ein Ausspruch des einstigen Enfants terrible der Wiener Moderne.

Dieses rückhaltlose Leben für die Kunst ist auf den hinteren Buchseiten versehen mit Konkordanz, Ausstellungs- und Literaturverzeichnis und Register. Im Schlaglicht die Bilder aus den letzten zehn Jahren Schieles, der auch dichtete. Dieser Ambition ist ein eigenes Kapitel gewidmet.

Schieles später Landsmann, der aus Vorarlberg stammende Kunsthistoriker und erfahrene Museumsmann Tobias G. Natter, schuf als Herausgeber ein Schiele-Standardwerk mit Repräsentations-Charakter – eine Preziose für Sammler und Fans. Weniger ein Schulbuch, denn für das zehn Kilo schwere Kompendium braucht es einen stabilen großen Tisch zum Umblättern, und Aufsicht bei gutem Licht – dazu viel Muße!

Jedenfalls begreift in diesem überdimensionierten Band auch der Letzte, dass Schieles – von den Nazis als „entartet“ verfemte – Kunst zu den Höhepunkten des europäischen Expressionismus gehört – in einer Reihe mit dem Melancholiker Munch, mit den das Naturnahe wie das Exzentrische liebenden Brücke-Malern und vor allem mit dem knurrigen Wiener Expressionismus-Barden Oskar Kokoschka.

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