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Eine Gruppe Menschen betrachtet sich das Kunstwerk "Body Collage" (1967 auf 16mm Film).

MMK Frankfurt

Ihr Körper ist ihr Arbeitsmaterial

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Das Frankfurter MMK zeigt eine umfangreiche Retrospektive der außergewöhnlichen amerikanischen Malerin Carolee Schneemann.

Das Timing könnte nicht besser sein: Gerade erst wurde Carolee Schneemann auf der Biennale in Venedig der Goldene Löwe für ihr Lebenswerk verliehen. Jetzt eröffnet im Frankfurter Museum für Moderne Kunst unter dem lapidaren Titel „Kinetische Malerei“ eine umfangreiche Retrospektive der Amerikanerin, die lange, viel zu lange nur Insidern ein Begriff war. Dabei war Schneemann zur richtigen Zeit am richtigen Ort und kannte die richtigen Leute: Schneemann arbeitete seit den späten 50er Jahren in New York mit der Fluxus-Gruppe und machte bei Performances von Claes Oldenburg und Robert Morris mit. Sie hing mit Andy Warhol und seiner Factory ab, hatte Kontakt zu Robert Rauschenberg, dem Experimentalfilmer Stan Brakhage und Komponisten wie John Cage und Philip Glass. Beste Voraussetzungen für eine avantgardistische Künstlerin – denkt man. Doch die New Yorker Kunstszene war männlich geprägt. Man schätzte sie – als Freundin, Modell, Schönheit. Ihre Arbeiten fanden weniger Anklang.

Geboren wurde Schneemann 1939 in Ford Chase im Nordosten von Philadelphia als Tochter eines Landarztes. Bereits mit 16 Jahren erhielt sie ein Stipendium für das Bard College in Annandale-on-Hudson im Bundesstaat New York, um dort Kunst zu studieren, wurde jedoch wieder hinaus befördert, nachdem sie sich selbst als Akt gemalt hatte. Was umso grotesker ist, da sie zuvor unbeanstandet für ihre männlichen Kollegen Modell gesessen hatte.

Um Anerkennung kämpfte die talentierte junge Frau lange Zeit vergeblich. Dabei war sie mit ihren Landschaftsgemälden, die seit den späten 50er Jahren im Stil des Abstrakten Expressionismus entstanden und die sie auch schon mal drehbar auf einer Töpferscheibe befestigt hat, durchaus auf der Höhe der Zeit. Vor allem mit ihren Assemblagen, für die sie Alltagsgegenstände auf Holzbretter arretierte oder Kästen bestückte, die sie mit wilder Geste bemalte. Wenngleich sie damit natürlich nicht alleine war, Robert Rauschenberg war offenbar ein nachhaltiger Einfluss. Eigenständiger wirkt da eine Serie mit dem Titel „Controlled Burning“ (1962-65) – kleine Holzkisten, in die Schneemann Glassplitter, Spiegelscherben, Fotografien und Kunstharz legte, die sie bemalte. Anschließend füllte sie die Kisten mit Stroh und Terpentin, zündete sie an und verschloss sie. Der Zufall war entscheidend, die Ergebnisse wirken roh und zugleich sehr malerisch.

Es sind durchaus bezaubernde Arbeiten unter den Frühwerken, die im MMK zu sehen sind. Kuratorin Sabine Breitwieser hat einige davon eigenhändig bei Schneemann unter dem Bett hervorgezogen oder aus der Küche geholt, wie sie erzählt. Manches war total kaputt, Einzelteile von Assemblagen mussten mühsam zusammengesucht werden. Es hat sich gelohnt – doch die wirklich wegweisenden Werke schuf Schneemann als Performerin und Filmemacherin. „Eye Body“ heißt eine Foto-Serie, für die Schneemann 1963 in ihrem eigenen Atelier posierte: nackt zwischen Leinwänden und kaputten Schirmen, mit Farbe beschmiert, Spielzeugschlangen auf dem Körper. Schneemann hatte beschlossen, als Modell nicht mehr für andere verfügbar zu sein, sie wollte ab sofort über ihren Körper als Arbeitsmaterial selbst verfügen.

Inspiriert von Happenings wie sie etwa der Aktionskünstler Allan Kaprow zelebrierte, schuf Schneemann Werke wie „Meat Joy“ (1964), eine ekstatische Gruppenperformance mit Menschen in Unterwäsche, die sich mit gerupften Hühnern und Fischen lustvoll auf dem Boden wälzen – im MMK ist die Aktion als Film zu sehen. Die Kunstwelt war irritiert. Umso mehr, als Schneemann anschließend „Fuse“ drehte, einen Film, der sie mit ihrem Partner, dem Komponisten James Tenney, beim Sex zeigt. Dass ihr damals Pornografie vorgeworfen wurde, wirkt aus heutiger Sicht unverständlich. Die Künstlerin hat die Dokumentation des Geschehens durch Ansengen, Schneiden, Übermalen und Eintauchen in Säure massiv verfremdet, so dass es scheint, als seien die durch den Akt ausgelösten Emotionen zum Bild geworden. Der Film wurde auch im Wortsinn zum Gemälde: Er war so dick geworden, dass die für die Projektion nötige 16-Millimeter-Kopie Filmkader für Filmkader per Hand angefertigt werden musste.

Dass Schneemann eine explizit weibliche, feministisch geprägte Position einnahm, machte sie für männliche Kollegen und Kunstkritiker lange Zeit suspekt. Eine Frau, die bei einer Performance Stück für Stück eine Schriftrolle aus ihrer Vagina zieht und verliest, die sich lustvoll mit Kleister beschmiert und sich anschließend in Papierfetzen wälzt, die ihr Menstruationsblut als Tagebuch-Raster ausstellt und Beurteilungen ihrer Liebhaber nach scheinbar objektiven Kriterien wie Penisgröße, Geräusche beim Orgasmus und Ejakulationsstärke auflistet, ist für zahlreiche Männer (und Frauen) vermutlich auch heute noch schockierend. Dabei sei es ihr, so erzählte sie einmal, im Grunde die ganze Zeit nur um Malerei gegangen: „Ich bin immer noch Malerin und werde als Malerin sterben“, so Schneemann. „Bei allem, was ich entwickelt habe, geht es darum, visuelle Prinzipien jenseits der Leinwand zum Tragen zu bringen.“

Museum für Moderne Kunst, Frankfurt: bis 24. September.  www.mmk-frankfurt.de

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