Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Klaus Biesenbach, Jg. 1966, Chef des MOCA in Los Angeles, leitet künftig die Neue Nationalgalerie.
+
Klaus Biesenbach, Jg. 1966, Chef des MOCA in Los Angeles, leitet künftig die Neue Nationalgalerie.

Nationalgalerie Berlin

Klaus Biesenbach und die Nationalgalerie: Er hat noch einen Koffer in Berlin

  • VonIngeborg Ruthe
    schließen

Klaus Biesenbach kommt nach 17 Jahren USA in die Hauptstadt zurück.

Es war ein offenes Geheimnis. Die Leitungsämter der exponierten Nationalgalerie-Häuser Mies-van-der-Rohe-Bau und Hamburger Bahnhof waren ausgeschrieben. Dann folgte zum Wochenende die Meldung aus der Preußenstiftung, die Berlins Kunstlandschaft aufwirbelte: Klaus Biesenbach, 1991 erfolgreicher Gründer des KW-Institutes für internationale zeitgenössische Kunst sowie 1996 Initiator der Berlin Biennale, kehrt nach 17 Jahren aus den USA zurück. Der 55-Jährige wird zu Neujahr Direktor der kürzlich nach langer Generalsanierung wieder eröffneten Neuen Nationalgalerie, damit auch Chef des derzeit als Baustelle am Kulturforum sichtbaren künftigen Museums des 20. Jahrhunderts. Und der Hamburger Bahnhof bekommt eine männliche Doppelspitze mit Sam Bardaouil und Till Fellrath, bislang Gastkuratoren im Gropius-Bau. All das bedeutet stärkere internationale Aufstellung und Reputation, mehr Weltbürger-Appeal.

Leute, die in Berlin mit ihm gearbeitet haben, sagen: Klaus Biesenbach und Nationalgalerie? Das passt. Er sei ein offenes, in schwierigen Situationen gestähltes Naturell und bestens vernetzt. Er kenne die deutschen Museumstrukturen, sehe sie durch die Zeit in den USA von außen. Zudem verhandele er stets auf Augenhöhe mit Politikern, mit Frauen und Männern seines Fachs, mit Künstlerinnen, Sammlern, Sponsoren. Und er wisse, wie Berlin tickt: Biesenbach war 23 und in New York, als die Berliner Mauer fiel. Er packte seine Sachen und flog nach Berlin, wollte dabei sein.

Der Berlin-Mythos machte die Stadt zum Magneten. Alles schien möglich, die Claims waren noch nicht abgesteckt. Er gründete das KW Institut in einer ruinösen Margarinefabrik in Mitte und gewann die Politik als Förderer. Kreativität und Leidenschaft waren sein Startkapital. Seine Ausstellungen und die erste Berlin Biennale mit dem Charismatiker Christoph Schlingensief waren sensationell, fröhlich, frech. Es entwickelten sich vorher undenkbare Freiräume und ein Vertrauen, dass Berlin die freieste Kunststadt der Welt ohne Immobilienspekulanten werden könnte. Doch 2004 kam die jähe Wendung: Biesenbach folgte dem Ruf des New Yorker MoMA, machte dort steil Karriere als Chefkurator, wurde 2018 Künstlerischer Direktor am Museum of Contemporary Art (MOCA) in Los Angeles. Den KW Auguststraße blieb er indes eng verbunden. Da war noch immer ein Koffer in Berlin.

Was hat ihn nach 17 Jahren USA zur Rückkehr bewegt? Wir erreichen Klaus Biesenbach am Telefon. In Berlin ist es Mitternacht, in L.A. Nachmittag. „War auch Heimweh im Spiel, zurückzukommen?“ Er überlegt eine Weile und sagt, vor Corona und den Lockdowns habe er nie Heimweh gehabt. Doch dann wurden alle Museen geschlossen, alle mussten zu Hause bleiben. Er konnte nicht arbeiten, nichts gestalten. Die Isolation war zermürbend. „Ich fragte mich, wo bin ich eigentlich zu Hause? Wo komme ich her? Welche Lebenserfahrung kann ich dieser Polarisierung beisteuern?“ Im Trump-Land wurde es schlimmer. Der Schwarze George Floyd starb durch Polizeigewalt, in der Luft lag fast schon Bürgerkrieg. Und dann Erleichterung, als der Demokrat Joe Biden die Präsidentenwahl gewann. „Aber Trump hetzte seine Anhänger auf, das Kapitol zu stürmen, auch im liberalen Kalifornien bewaffnen sich die Republikaner, und im Supermarkt gehen die Leute brutal aufeinander los, wenn einer es wagt, den anderen zu erinnern, doch bitte eine Covid-Maske zu tragen.“

In dieser Gemengelage kam der Anruf aus Berlin. „So etwas gibt’s nur einmal im Leben! Ich überlegte nicht lange“, so Biesenbach. Am 10. September, nachts drei Uhr (in Berlin war es 18 Uhr), bekam er den Anruf zu seiner Berufung. „Die Neue Nationalgalerie hat die Kunst des ganzen letzten Jahrhunderts, Kunst, die meinen Lebensweg geprägt hat, die Avantgarden lange vor meiner Zeit und die der 1960er-Jahre, einem Großteil meiner Lebenszeit: von Beuys, Marina Abramovic, Katharina Sieverding, deren Menschenbild für mich ein Leitfaden ist. Ebenso die Weltsicht und der Kunstausdruck des früh verstorbenen Schlingensief, der sich furchtlos jeder Herausforderung stellte.“

Das neue Museum neben dem Mies-Bau werde so etwas wie ein Berliner MoMA, mit der Vor- und Nachkriegsmoderne aus West und Ost, die alle künftigen Kunstformen beeinflussen werden. „Diese Kunst müssen wir für die Zukunft befragen, sie dem Publikum aller Bevölkerungsgruppen, für die Jungen anziehend machen. Das Museum ist ein sozialer Ort. Kein elitärer. Einen spannenderen Arbeitsplatz kann ich mir nicht denken.“

In den sozialen Medien entrüstet sich derweil Berlins weibliche Kunst-Community. Der Preußenstiftungsrat sowie Kulturstaatsministerin Monika Grütters würden in aller Eile vor dem Ablauf ihrer Amtszeit ausschließlich weiße Männer inthronisieren.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare