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Klaus Biesenbach: „Natürlich gab es auch etwas Kopfschütteln“

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Von: Ingeborg Ruthe

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Blick aufs Kulturforum von der Nationalgalerie und Robert Indianas „Imperial Love“ aus. Foto: Imago Images
Blick aufs Kulturforum von der Nationalgalerie und Robert Indianas „Imperial Love“ aus. Foto: Imago Images © Massimo Rodariy/Imago

Plädoyer für die Ja-Frage: Klaus Biesenbach, Direktor der Neuen Nationalgalerie in Berlin, über seine Versuche, Spontaneität und Bürokratie auszusöhnen, und die großen Chancen einer Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Herr Biesenbach, seit vergangene Woche die Vorhaben der Stiftung Preußischer Kulturbesitz öffentlich wurden, wird die nötige Reform in etlichen Medien als „Reförmchen“ bewertet, gar als „Rohrkrepierer“. Wie sehen Sie das?

So sehen es die Profizweifler. Ich sehe es optimistisch. Das ist endlich eine klare Entscheidung für die Autonomie der einzelnen Museen. Ich empfinde das als Befreiungsschlag. Die einzelnen Häuser der Stiftung bekommen mehr Selbstständigkeit, das heißt: Entscheidungsfreiheit und Verantwortung zugleich. Wir müssen diese neue Freiheit und die damit verbundene Verantwortung umgehend und umsichtig nutzen, um effizienter zu werden und unserem Publikum viel besser zu dienen. Dafür braucht es freilich mehr Personal und vor allem auch Personalführung an den Häusern, ebenso eigene Budgets, für die man als Direktor zuständig und verantwortlich ist. Denn generell müssen die Häuser mehr Souveränität und Flexibilität haben.

Worin besteht diese „neue Freiheit“ konkret in Ihrer Arbeit?

Als Direktor der Neuen Nationalgalerie und des daneben entstehenden künftigen Museums der Moderne am Kulturforum möchte ich viel intensiver mit den benachbarten Staatlichen Museen, der Philharmonie, der Staatsbibliothek und der engagierten Kunstkirche St. Matthäus arbeiten. Es geht um die schon lange bestehende Vision eines gemeinsamen Standortes, aus der viel kritisierten Beton-und-Stein-Ödnis Kulturforum einen gefragten Stadtplatz in Gestalt eines grünen Museumsgartens zu machen. Das Potenzial ist doch da. Es kann ein ebenso attraktiver Ort werden wie die historische Museumsinsel. Moderne Museumsinsel, ein schöner Name für einen schönen Ort direkt zwischen Tiergarten und Potsdamer Platz.

Dafür braucht es aber sicher große und noch viel mehr kleine Schritte.

So ist es. Ich bin sehr dankbar, dass der Stiftungsrat meinen Amtskollegen Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte, und mich damit betraut hat, als Vertreter der Museen bei der Umsetzung der Reform zu assistieren und sie voranzutreiben. Wir brauchen als Erstes dringlich etliche „funktionale Dienste der kleinen Wege“ bei allen Aufgaben von Security, Technik, insbesondere auch von Veranstaltungsmanagement, Kunstvermittlung, Pressearbeit. Und die digitalen Auftritte müssen besser werden.

Schon seit vielen Jahren wird die starre Bürokratie in der Preußenstiftung beklagt. Wie ist es Ihnen gelungen, seit Ihrem Amtsantritt am Anfang dieses Jahres so viele spontane Aktionen zu organisieren?

Zur Person

Klaus Biesebach, 1966 in Bergisch Gladbach geboren, hat zunächst Medizin studiert, ist dann quer in die Kuratorenszene eingestiegen und leitet heute die Neue Nationalgalerie in Berlin mit dem Museum Berggruen und der Sammlung Scharf-Gerstenberg.

Die Reform der von Bund und Ländern getragenen Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist Thema geworden, weil sie als zu behäbig gilt. Grundlegende Änderungen stehen bevor.

Der Bürokratie müssen wir – die nun mit mehr Souveränität ausgestatteten Direktoren, die Kuratorinnen, Wissenschaftler – einfach so begegnen, dass wir unsere Planungen plausibel erklären, begründen und gleichzeitig spontan und beharrlich weiterführen. Es kann nicht sein, dass gute Vorhaben daran scheitern, dass sie nicht in ein Antragsformular passen. Kulturstaatsministerin Claudia Roth hat versprochen, die Prozesse und Vorgaben ihrer Behörde kritisch zu hinterfragen. Das bedeutet hoffentlich etwas weniger Bürokratie und deshalb auch mehr Freiheit für die Kunstausstellungen und -projekte. Wir dürfen durch die Bürokratie nicht ständig entmutigt, verlangsamt und erschöpft werden. Ich habe die spontanen Aktionen und Performances einfach gemacht, wie ich es schon in meiner Zeit an amerikanischen Museen tat. Dort ist erst mal alles möglich, oder es muss irgendwie möglich gemacht werden. Die zentrale Frage ist dort eine Ja-Frage: Wie können wir das realisieren? Nicht, warum ist dieses Experiment unmöglich?Moderne Kunst braucht den Bezug und den Dialog zur aktuellen Gegenwart, sie braucht Partizipation, damit wir alle mit der Kunst auch von der Geschichte lernen können. Unsere heutige Zeit ist beunruhigend, unsicher, für unzählige Menschen prekär. Da sollte das Museum ein Ort sein, wo man das mit anderen verhandelt, reflektiert, wo man zusammenkommt.

Was sagt man in der Stiftung zu Ihrem spontanen Vorgehen?

Was meine Aktionen dieses Jahr angeht, hat mich die Stiftung machen lassen. Natürlich gab es auch etwas Kopfschütteln: „Was macht der denn da?“ Oder: „In ein, zwei Jahren macht der Dienst nach Vorschrift.“ Ich hab nicht vor, das Museum als Elfenbeinturm zu sehen. Wir machten die Neue Nationalgalerie, die Mies-van-der-Rohe-Architektur, nach Beginn von Putins Ukrainekrieg zum Ort für Hilfsaktionen für die Ukraineflüchtlinge. Wir organisierten kurzfristig Performances, auch Solidaritätsaktionen für die iranischen Frauenproteste. Besucher der Ausstellung „Kunst der Gesellschaft“ im Sockelgeschoss ließen sich bereitwillig in Diskussionen einbeziehen. Und derzeit, vor der extrem partizipativen Monica-Bonvicini-Schau, haben wir eine öffentliche Wärmestube mit gratis Tee eingerichtet, mit der Kunst als Gesprächsstoff und Anregung, sich über sie mit anderen auszutauschen. Das hilft nicht nur gegen die Winterkälte, sondern auch gegen soziale Kälte und Vereinsamung.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat fünf große Einrichtungen und 1900 Beschäftigte. Davon entfällt auf die Staatlichen Museen zu Berlin mit 15 Sammlungen in ebenso vielen Häusern nur die Hälfte der Stellen. Zum Vergleich: Die Smithsonian Institution in Washington und New York, mit der die Preußenstiftung am ehesten vergleichbar ist, hat 4500 Beschäftigte und ein Jahresbudget von 1,2 Milliarden Euro für Museen und Forschung. Der Etat der SPK beträgt davon bislang weniger als ein Drittel. Wie soll das gehen?

Ja, es braucht eine viel bessere Ausstattung: personell, technisch, finanziell. Aber ebenso braucht es Handlungsspielraum für uns Macher. Die Ermutigung hat uns Claudia Roth gerade gegeben. Jetzt müssen wir sie nutzen. Jetzt haben wir endlich die Chance, in all den exzellenten Sammlungen und Instituten der Stiftung gemeinsam neu zu denken, Neues zu gestalten. Geldmangel darf keine Ausrede sein, alles beim Alten zu belassen. Jedes einzelne Haus ist ein Schatz. Ich sag’s mal als Metapher: Meine Erdkundelehrerin in der Schule hatte ein kleines Stoffsäckchen, wir nannten es den „Murmelbeutel“, weil es sich von außen so anfühlte und so ein klickendes Geräusch machte. Es waren aber gar keine Murmeln drin. Erst als sie den Inhalt einzeln auf ein Stück Samt legte, sahen wir, dass es unterschiedliche Kristalle und Edelsteine waren. Die brauchten nur Abstand und Sichtbarkeit, um alle ihren eigenen Glanz zu entfalten.

Interview. Ingeborg Ruthe

Klaus Biesenbach. Foto: Imago Images
Klaus Biesenbach. Foto: Imago Images © Zuma Press/Imago

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