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Hermann Geibels "Europa auf dem Stier" ist in der Ausstellung 100 Jahre Bildhauerei in Darmstadt zu sehen.
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Hermann Geibels "Europa auf dem Stier" ist in der Ausstellung 100 Jahre Bildhauerei in Darmstadt zu sehen.

Kunst Archiv Darmstadt

Das Klassentreffen

100 Jahre Bildhauerei in Darmstadt: Wer hätte erwartet, dass es rund 500 Plastiken auf Darmstadts Straßen gibt? Eine Ausstellung im Kunst Archiv zeigt rund 100 plastische Arbeiten Darmstädter Künstler.

Von MICHAEL GRUS

Der Kunst im öffentlichen Raum geht es oft nicht anders als der im Magazin verborgenen: Sie wird nicht wirklich beachtet, außer von Tauben und Mäusen vielleicht und einigen wenigen Kennern ihrer Geschichte und Bedeutung. Wer hätte zum Beispiel erwartet, dass es rund 500 Plastiken, Reliefs und Mosaike auf den Straßen und Plätzen Darmstadts gibt, das damit über so viel öffentliche Bildwerke verfügt wie kaum eine andere deutsche Stadt.

Für Darmstadt als "Bildhauerstadt" sei das ein gutes Argument, sagt Claus K. Netuschil vom Kunst Archiv Darmstadt und bringt in den vergleichsweise bescheidenen Räumlichkeiten seines Vereins gut hundert plastische Arbeiten unter, die seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert entstanden sind und teilweise seit etlichen Jahrzehnten auf einen öffentlichen Auftritt warten mussten.

Die Marmorköpfchen von Kindern der großherzoglichen Familie etwa schlummerten vergessen in einem Depot in Biberach, dabei führte der Bildhauer Benedikt von König ein großes Atelier in der Stadt. Vor der Einweihung des Landesmuseums in seinem Todesjahr 1906 diente es auch als öffentlicher Ausstellungsraum. Aus dem Fundus des momentan wegen umfassender Renovierung geschlossenen Museums stammen eine ganze Reihe der Exponate, hinzu kommen etliche aus Privatbesitz.

Haben viele dieser Porträtbüsten, Bozzetti und Statuetten bislang ihre hundert Jahre Einsamkeit in Sammlungen und Magazinen verbracht, so gleicht jetzt die Ausstellung einer dicht gedrängten Vollversammlung. Erfüllt ist sie von einem Stimmengewirr der unterschiedlichsten Epochenstile und Bildsprachen.

Die kurzen Wege machen zugleich auch den Reiz dieser Zusammenstellung aus. Man kann dem selbstgenügsamen Salonklassizismus des bronzenen Narziss von Ludwig Habich einfach die kalte Schulter zeigen und wird nach einer halben Körperdrehung schon mit einem Bernhard Hoetger belohnt, dessen madonnenhafte Mutter mit Kind gotische Linearität und polynesische Heiterkeit auf anmutigste Weise verbindet. Natürlich hat der Jugendstil in Darmstadt ein Heimspiel, doch erneuert hat sich die bildnerische Avantgarde hier immer wieder, nach den beiden Weltkriegen vor allem, mit der Gründung der Darmstädter Sezession 1919 oder den für die Selbstbesinnung der Kunst so einflussreichen "Darmstädter Gesprächen".

Das Menschenbild stand bei diesen Auseinandersetzungen immer im Mittelpunkt, genauso wie in der aktuellen Schau, in der denn auch die strenge Abstraktion nur mit wenigen Beispielen, den organoiden Gebilden eines Helmut Brinckmann oder vertikalen Formen von Jo Miard vertreten ist.

Dafür spannt eine Galerie von zwanzig Köpfen den Bogen über gut fünfzig Jahre Stilgeschichte, beginnend mit Heinrich Jobsts Porträtbüste der Schriftstellerin Christa Winsloe. Das alabasterfeine Bildnis der jungen Frau lässt die spätere emanzipierte Autorin der - viel zu brav verfilmten - "Mädchen in Uniform" kaum ahnen. Sie wurde ein Opfer des Krieges, dessen Folgen sich den Köpfen eines Helmut Lander und Georg von Kovats am anderen Ende dieser Reihe wie Wundmale eingeprägt zu haben scheinen.

Durch die Tradition des akademischen Unterrichts hat die plastische Kunst seit jeher einen guten Stand in dieser Stadt, der öffentliche Raum profitierte von der Angliederung der Bildhauerabteilung an die Architekturfakultät der Technischen Hochschule. Waldemar Grzimek lehrte dort und Hermann Geibel, dessen Assistent Wilhelm Loth den Weg des Älteren von der antikisierenden Badenden zu mythologisch-archaischen Formen mit seiner Bronzebüste eines Mädchens von 1955 noch energischer fortgesetzt hat.

So ist die Ausstellung gewissermaßen auch ein Klassentreffen auf hohem Niveau, bei dem man sich bisweilen wundert, wie sehr sich manche verändert haben. Stolze Gedankenflüge (eine Kopfplastik von Hoetger) waren möglich, aber auch, mit der genrehaften, lebhaft-überladenen Szenerie von Robert Cauer, willkürliche Bocksprünge.

Kunst Archiv Darmstadt: bis 29. Mai. www.kunstarchivdarmstadt.de

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