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Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie, im Hamburger Bahnhof. 

Nationalgalerie Berlin

Udo Kittelmann: Ein Neuerer hört auf

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Udo Kittelmann, Direktor der Berliner Nationalgalerie, verlängert seinen Vertrag nicht über 2020 hinaus.

Wer den Berliner Kunst- und Kulturbetrieb nicht nur aus der Perspektive des umtriebigen Museumsbesuchers betrachtet, sondern ihn auch als Raum gesellschaftlicher Strömungen und Stimmungen versteht, der wird Udo Kittelmann schon jetzt vermissen. Kittelmann, der, wie jetzt bekannt wurde, seinen Vertrag nicht über 2020 hinaus verlängern will und darum nun zum scheidenden Direktor der Berliner Nationalgalerie geworden ist – zu der Alte und Neue Nationalgalerie, der Hamburger Bahnhof, das Museum Berggruen, die Friedrichswerdersche Kirche und die Sammlung Scharf-Gerstenberg im ehemaligen Ägyptischen Museum in Charlottenburg gehören – verfügt über die Hemdsärmeligkeit eines Machers ebenso wie über die bisweilen arrogant erscheinende Eleganz eines weitschweifigen Schöngeists.

Scheinbar mühelos vermag Udo Kittelmann eine kunsthistorische Expertise aus dem Ärmel zu schütteln, genauso gern aber spricht er über aktuelle Modetrends und exquisite Weine. Man darf davon ausgehen, dass dem ungeduldigen Neuerer Kittelmann die anstehenden Veränderungen der Berliner Kulturlandschaft zuletzt allzu zäh und holprig verliefen.

Jenseits der Spekulationen, was einer wie er denn als nächstes anstellen mag – mehr Zeit für die Familie, ein attraktives Angebot aus der internationalen Museumswelt –, deutet die überraschende Personalie aus der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) auf die tektonischen Verschiebungen in der Berliner Kulturlandschaft hin, bei denen es nicht nur um die Auswechslung eines Abteilungsleiters geht.

Die ambitionierten und kostspieligen Großprojekte der deutschen Kulturpolitik ziehen sich hin. Das Humboldt-Forum wird nicht, wie mit großem Aplomb geplant, am 14. September zum 250. Geburtstag von Alexander von Humboldt eröffnet werden. Die baulichen Probleme überdecken dabei die noch immer riesigen konzeptionellen Vakanzen. Dem wiedererrichteten Schloss, das doch zur Schaustelle und luftigen Begegnungsstätte nationaler Sinnstiftung werden soll, ist der Schwung abhandengekommen.

Die Skepsis wird noch dadurch verstärkt, dass die Idee von einem wie auch immer präsentierten Weltkulturerbe in der Mitte Berlins inzwischen arg unter den Druck postkolonialer Verdächtigungen geraten ist. Eine Folge des langen Wegs zum Humboldt-Forum besteht nicht zuletzt darin, dass die aufgewandten Planungsenergien an anderer Stelle fehlen. Zudem hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters bereits vor dem Antritt ihrer zweiten Amtszeit eine umfangreiche Evaluation der Stiftung Preußischer Kulturbesitz angekündigt. Wer Evaluation sagt, meint Restrukturierung, Überprüfung der Effizienz und konzeptionelle Erneuerungen, die sicher geglaubte Besitzstände und Gewohnheiten im betrieblichen Alltag zu erschüttern vermögen. Bislang ist zwar wenig davon nach außen gedrungen, aber insgesamt erwecken die Einrichtungen des Berliner Kulturbetriebs derzeit gerade nicht den Eindruck, von großem Aufbruchsgeist durchweht zu sein.

Eine andere Baustelle, von der die Arbeit Udo Kittelmanns ganz unmittelbar betroffen ist, stellt das Museum der Moderne direkt neben der Neuen Nationalgalerie am Kulturforum dar, dessen Eröffnung für den jetzt noch bis 2020 amtierenden Direktor Kittelmann wohl selbst dann zu spät gekommen wäre, wenn er seinen Vertrag noch einmal um drei Jahre verlängert hätte.

Über die persönlichen Motive hinaus verweist Kittelmanns Demission darauf, dass die Aktivitäten für eine junge, experimentierfreudige Kunst durch die großen repräsentativen Vorhaben zuletzt deutlich in den Schatten gestellt wurden. Dabei wäre gerade die Aufmerksamkeit für eine irritierende, noch nicht beruhigte Kunst, die die gesellschaftlichen Brüche und Widersprüche bearbeitet, dringend geboten.

Udo Kittelmann hat als Direktor den Hamburger Bahnhof zu einer wichtigen Schnittstelle zwischen alter und zeitgenössischer Kunst unter dem Dach der Preußenstiftung gemacht und damit viele junge Künstler in die Stadt gelockt. Die Anziehungskraft aber hat deutlich nachgelassen. Die Kunststadt Berlin befindet sich im Wartestand, doch der Zeitgeist bewegt sich nicht nach einem verlässlichen Fahrplan.

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